Vom Sehen.
Aufsätze und Skizzen von Michael Donhauser (2004, Edition Engeler).
Besprechung von Mirko Bonné in der Frankfurter Rundschau, 2.3.2005:

Dinge sehen und sagen
Michael Donhausers Schreiben bleibt bestimmt vom Maß der Allmählichkeit

"Die Sprache", schreibt Michael Donhauser über Adalbert Stifter, "reinstalliert das Glück, indem sie es erfindet, gegen den Verlust, durch die Bejahung". Diese "Kritik des reinen Verlusts" lässt sich zugleich als Aussage zu Donhausers eigenem Schreiben lesen - zu einem Werk, das nach fast zwanzig Entstehungsjahren neben einem Roman, einer Erzählung und einem Band mit Rimbaud-Übersetzungen mittlerweile ein Dutzend Sammlungen mit Gedichten und lyrischer Kurzprosa umfasst.

1956 als Österreicher in Liechtenstein geboren, lebt Donhauser heute in Wien und Maienfeld am Fuße des Falknis im Schweizer Kanton Graubünden. Berge, Täler, Pässe, Seen und Jahreszeitenspuren prägen das alpine Dreiländereck, das als "Sarganserland" und "terroir" Donhausers Schreiben bestimmt. Es ist ein im besten Sinn eigentümliches Schreiben, ein Abschreiten sprachlicher wie dinglicher Ränder. Denn nur von dort, vom Rand aus, scheint es noch immer möglich, "mit einem Spaziergang oder einer Lektüre zurück in die Unverwechselbarkeit der Welt zu finden."

Der Band Vom Sehen versammelt nun in überarbeiteten Fassungen achtzehn seit 1992 verstreut erschienene Aufsätze, Skizzen und Miniaturen Michael Donhausers. Das wie sein Vorgänger Vom Schnee schlicht weiße, mit einer Baumzeichnung des Autors versehene Buch ermöglicht somit eine Zwischenbilanz. Mehr noch: Der bislang unveröffentlichte Text "Isola", mit dem das Buch ausklingt, kann als Ausblick auf ein verblüffenderweise wieder ermöglichtes, künftiges Erzählen gelten. Ganz im Sinn dessen, was er über Stifter schreibt, unternimmt Donhauser mit Vom Sehen nämlich den Versuch, das "Wiederzubringende in einen weiten Sprachraum" zu stellen, der "gestaffelt und offen genug ist, dass Fortschreiten und Beschreiben, Bewegung und Ruhe wechselnd einander entsprechen können."

Und tatsächlich ist hier eine Offenheit am Werk, die Text für Text den Eindruck entstehen lässt, "als wäre selbst die Erkenntnis ein naturhafter Vorgang" - weniger der Akt eines Willens denn die Art eines Werdens. So folgt die Gliederung des Bandes in sorgfältig austarierter Ungleichmäßigkeit weder der Chronologie noch der Thematik der einzelnen Texte. Vielmehr bildet sie ein rhythmisches und motivisches Muster, das jedem kleinen Gefüge aus Natur-, Landschafts- oder Liebesbetrachtungen stets eine essayistische Reflexion zu literarischer Tradition, übersetzerischem Verfahren, zu kunst- oder musikhistorischer Anverwandlung zuordnet: Auf Erkundungen rings um "Die Stechpalme" und tagelanges Inbanngezogenwerden durch "Die Hecke" folgt so der erwähnte Aufsatz zu Stifters "Instandsetzung des Glücks".

Robinien, Mülltonnen

Robinien, Mülltonnen, Stifter, Quitten, die Droste, eine Stechpalme, C. F. Meyer sowie eine Straßenreinigungsmaschine vereinigen daraufhin die Betrachtungen der "Zwischenjahreszeiten", die mit Hölderlin schließen: "Und all dies war die Sprache eines Wohlseins". Weshalb Landschaft stets Vorder- und Rückseite besitzt, legt der Bericht von einer Reise nach Rheinhessen dar. Eine Analyse von C. F. Meyers Ballade "Die Füße im Feuer" beschließt die nach oben wie unten offene Abteilung.

Zwei weitere folgen, Aufzeichnungen unter anderem zu den Thermen von Vals, zum Werk des Warmbronner Dichters und Bauern Christian Wagner oder dem mittelalterlichen Komponisten Guillaume Dufay. Nicht erst dann, wenn Donhauser die Tonfolgen des Niederländers Satz um Satz nachbaut, indem er leichthin erzählt, wie er mit Walkman im Bett liegend der so nahen wie fernen Musik lauscht, fühlt man sich an die wehrhafte Poesie, die liebende Verve W. G. Sebalds erinnert: "da war es, wie ich die Augen schloss, als wäre ich ein festlicher Saal, worin die Musik erklang, worin der Sänger ganz Stimme blieb, denn der Saal war verlassen und es war nicht auszumachen, ob eine Gesellschaft, die ihn belebte, erst erwartet würde oder bereits aufgebrochen war".

Singen und Schauen, Sagen und Sehen, sie durchdringen, verbinden, vertauschen und bedingen sich in Michael Donhausers Literatur seit seinen ersten Prosagedichten Der Holunder von 1986. Auch macht Vom Sehen deutlich, dass es vornehmlich die "Versammlung der Dinge" ist, "Dinge, die da hingen und lehnten als Leiter und Besen oder lagen als vergessener Schal", was den Autor einen "silbernen Gesang" und ein "Durch-ihn und Mit-ihm und In-ihm" wahrnehmen und aufzeichnen lässt. Und doch liest man allenthalben, insbesondere aber in jüngeren Texten, wie Sehen und Sagen allein von Dingen ein Ungenügen zeitigen, das, bitter genug, letztlich weder den Dingen noch den Worten gerecht zu werden vermag.

Anders als so mancher seiner Kollegen hat Michael Donhauser diesen Mangel an menschlichem Miteinander in einer oftmals nur mehr der Sprachreflexion verpflichteten Avantgardeliteratur erkannt und bereits vor Jahren eindringlich beleuchtet. Die Sprache der Phänomene (und umgekehrt), für Donhauser verheißt sie eine unverlierbare Glücksmöglichkeit. In "Vals" findet sich dafür das Bild von der Staumauer und ihrer "Präzision, welche den Staumauerbau hatte glücken lassen, welche ihn mit jedem Blick in die Tiefe wieder glücken ließ." Mit seinem präzisen Maß der Allmählichkeit, einem Maß, das Vom Sehen in Struktur wie Inhalten noch einmal darlegt, scheint Michael Donhausers Schreiben nun an einem Punkt angekommen zu sein, von dem aus der gereifte Blick für Ding und Wort getrost hinüberwandern kann: "die Paare", heißt es in "Isola", "sie gehörten so fraglos zusammen, dass als eine Hälfte schien, wer allein ging".

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