1.) - 2.)
Vom Schnee oder Descartes in Deutschland.
Buch von Durs
Grünbein (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:
Ich denke und bin: im Schnee
Haben wir es etwa mit der Renaissance
einer Gattung zu tun? Durs Grünbeins sinnlich-klares Versepos über das Leben
des Philosophen Descartes
Krieg ist auch Mathematik. Niemand wusste das besser
als der 1596 geborene René Descartes. Der Jesuitenschüler aus der Touraine
fiel schon als eigenständiger Denker auf, als ihn sein Vater zur militärischen
Ausbildung nach Holland schickte. Der Kriegs-Volontär behielt so viel Freiheit,
sich einer Leidenschaft ganz hinzugeben: der Mathematisierung der Erkenntnis. Im
"Buch der Welt" will er studieren, aus dem Garnisonsleben drängt es
ihn heraus. Er reist nach Dänemark und Danzig, durchquert das halbe Habsburger
Reich, ungeachtet des aufziehenden, dreißig Jahre währenden Krieges. Auf dem
Wege von der Kaiserkrönung Ferdinands II. in Frankfurt wird Descartes im
Dezember 1619 bei Ulm eingeschneit, zwölf lange Wochen. Da ist er
dreiundzwanzig und noch weit entfernt vom Ruhm.
Hier setzt Durs Grünbein ein, der poetische Enzyklopädist. Vom Schnee oder
Descartes in Deutschland heißt sein Erzählgedicht in betitelten Perikopen
mit fast dreitausend Versen. Der Blankvers trägt die Form, einiges wird
szenisch, der Texthintergrund bleibt episch. Wie Heiner Müller in seinem
Langgedicht Mommsens Block fasst Grünbein die Höhenflüge eines
Gelehrten und seinen unerwarteten Absturz, doch Stoff-Fülle und Formstrenge
gehen hier weiter. Der Schnee wird für den Dichter zur Leitmetapher:
"Schnee abstrahiert. Nehmt an, er hat das Bett gemacht/ Für die
Vernunft." Grünbein entwirft eine Welt im Schnee wie ein Pieter Brueghel
auf seinen Bildern. Der Schnee schafft Tabula rasa. Jede Spur wird Algebra,
Hyperbel oder Sinuskurve. Ausdehnung und Gestalt, Bewegung und Dauer wirken
geometrisch und klar, alles scheint dem ausgewilderten Philosophen "kräftegleich"
zu schweben. Die Anmut der Geometrie, die schöne Klarheit der Mathematik
befreien ihn aus der unerträglichen Gleichzeitigkeit von Kriegsgräuel und
Normalität.
Auch das Diktat der Zeit, der Krieg, wird aufgehalten vom Schnee. Der Vorlauf
zum Tod scheint unterbrochen. Die Zeit steht still, der Krieg hält
Winterschlaf, ein Kopf ordnet sich. In unbeirrbarer Ruhe und Isolation, als
"Murmeltier", findet Descartes seinen Weg als Mathematiker und
Philosoph. Für ihn bleibt Widerspruch die normale Umgangsform - ein freier
Geist, niemandem verbunden als sich selbst. Allerdings: "Für Häresie war
er zu fein. Zu sehr - als Christ - mit Gott allein." So hält er die
Flanken seines Diskurses klug bedeckt, Giordano Bruno wurde erst zwanzig Jahre
zuvor als Ketzer verbrannt. Aber immer geht Descartes von seinem Zweifel an
allem bisherigen Wissen aus. Wie die Ideen werden auch Raum und Zeit zu
Visionen. Der einzige Satz, der sich nicht wegzweifeln lässt, heißt: "Cogito,
ergo sum. - Ich denke, also bin ich." Das ist die Geburtsstunde des
Rationalismus.
Descartes kann eine Wahrnehmung kühl und kritisch erwägen, ohne ihr zu
verfallen. Er weiß sehr früh, wie schnell ein Weltbild auseinander fällt.
Denken ist für ihn ein Prüfen erfahrbarer Wirklichkeit. "Der Zweifel
steht im Denken für die heiße Spur,/ Die zeigt, wohin die Reise geht."
Nur so wird es ihm möglich, etwas von Wert, also einen Gedanken oder eine
Abstraktion, nicht zu entstellen oder zu verschleudern. Nicht immer ist
Descartes hier einem Ergebnis nahe, wohl aber einem Ursprung. Grünbein spiegelt
diese Genese im Selbstgespräch, im Dualismus des Denkens mit Traum und Trieb.
Aber für den Diskurs gibt es nur den klugen Famulus Gillot, fast scheint es,
als teilen sie sich auch die schöne Magd Marie. Man ist hier nicht in Port
Royal, die Jansenisten sind noch weit. Es gibt das pralle Leben, und Grünbein
feiert es in vollen Zügen. Dann ist er wieder der Chronist der Schrecken. Ein
Canto-Titel kann "Ein schönes Augenpaar" heißen und doch die
Kriegsgräuel ausmalen. Gillot berichtet: "Da lag ein Mädchen, das Gesicht
von einem Federhut / Bedeckt, zerfetzt die Strümpfe, neben einer toten Ziege. /
Lag da, als schliefe sie, in einem Nest von braunem Haar. / Ich, wie berauscht,
greif mir den Hut - da schwirren Fliegen / Aus ihrem Rock, und da erst seh ich,
starr, das Augenpaar."
Oder es heißt "Lob der Pferde", man nimmt das Ross mit in die warme
Stube. Eben noch Pferdedampf, gleich ist Descartes wieder in scheinbar
abwesender Versenkung, schon sprudeln präzis durchdachte Sätze hervor - wie
nebenbei, rigoros und schnell. Wenn für den Rationalisten gilt, "vom
Sinnbild frei macht dich erst der Begriff", gewinnt Dichter Grünbein aus
der philosophischen Begrifflichkeit wieder das poetische Bild. "Gottnah,
ein Punkt, so flammt sie auf im Flockenfall,/ Die Existenz... Momentlang wird
ein Mensch im Schnee/ Zum Ebenbild, wie er dort stapft und trägt in sich das
All,/ Bevor ihn Zeit schluckt, Landschaft, und sein Ruf verweht."
Kaum schmilzt der Schnee, schon dröhnen Kriegstrompeten. Descartes findet sich
für ein langes Jahr im bayerischen Heer unter General Tilly wieder. Die Königsdisziplin
der Kriegswissenschaften ist die Mathematik. Descartes bewegt sich wieder
inmitten der Duplizität von Schwedentrunk und barockem Saus und Braus. "Du
folgst dem Heer. Du siehst dich um bei Hof, auf Reisen./ Du lernst die Menschen
kennen, die humeurs et conditions./ Du lernst zu schweigen, hinzusehn, dich
durchzubeißen./ Inmitten des Geschehns bist du - ein doppelter Spion,/ Und in
dir kreuzen sich Begierden, Interessen." Venedig, Rom, Florenz, Paris. In
Holland endlich gelingt Descartes ein Gelehrtendasein. Er wird disputieren,
unterrichten, seine Werke schreiben. Der große Krieg findet für ihn dann nur
noch am Rande statt. Descartes ist in einem anderen Orlog, im Kampf mit großen
Köpfen. Im Streit mit Thomas Hobbes, Petrus Gassendi und Blaise Pascal
verschenkt er nichts. Aber nach dem Westfälischen Frieden wird der Philosoph
unachtsam, er macht den Fehler seines Lebens und Grünbein kommt in seinem
Versepos zum zweiten Teil, dem Absturz. Die Königin der Schweden, Christine,
lockt Descartes nach Stockholm. Die Tochter des Kriegskönigs Gustav Adolf will
Schweden geistigen Glanz verleihen. Der Hof auf Staden als Bildungshort, schon
lachen alle Kriegsbären. Descartes hält man mit dummen Fragen zum Narren. Man
spottet seiner wie hundert Jahre später Jakob Paul Gundling am Hof des preußischen
Soldatenkönigs. "Erlaubt, dass ich Euch frage, was Ihr wirklich
wisst," heißt es, bevor es tagt bei Schwedens erster Frau, die immer noch
Griechisch lernt. Verse, Expertisen, königliche Briefe soll er schreiben. Und
ein Ballettlibretto, das den Westfälischen Frieden feiert und Majestäts
Geburtstag. "Ich denke, also bin ich," hilft nicht weiter. Missgunst
und Demütigung beschleunigen den Weg zum Tod. Da ist er keine vierundfünfzig.
Eine letzte Klarheit zeigt sich, als der Königshof im Schnee versinkt. Doch Grünbein
bricht das Bild: "da plötzlich stand - im Schnee ein Haufen Pferdemist,/
Das Nonsenswort: du bist ein Nichts."
Als sei das Versepos zurückgekehrt: Eine Gelehrtengeschichte in ihren Auf- und
Abschwüngen, ohne dass etwas stockt. Mit Grünbeins klarschöner, auch
sinnlichen Sprache kann man nicht lassen von einem genialen Denker. Es ist, als
könne man Descartes neu entdecken, ja, sogar verstehen. Und das bleibt das
Besondere an dieser Verserzählung des Dichters Durs Grünbein.
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Frankfurter Rundschau
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2.)
Vom Schnee oder Descartes in Deutschland.
Buch von Durs
Grünbein (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Michaela Schmitz in Rheinischer
Merkur, 11.12.2003:
Der Poet Durs Grünbein
begegnet dem Philosophen Descartes
Im Winter
des Denkens
Durs Grünbeins neuer Gedichtband handelt, der Titel kündigt es an, vom Schnee.
Ein eher eintöniges Motiv; zu abstrakt, so scheint es, um eine 144 Seiten lange
Verserzählung von fast 3000 Zeilen zu füllen. Warum also entschließt sich der
Autor zu einem artifiziellen historisierenden Langgedicht aus 42 Cantos mit je
sieben Strophen à zehn Zeilen? Und warum spricht er ausgerechnet vom Schnee in
einer nicht gerade zeitgenössischen lyrischen Form: im barocken Versmaß des
Alexandriners? Grünbeins Ambition ist nicht unbescheiden: „Vom Schnee“ ist
eine Eloge an die Geburtsstunde der Moderne. Das alles nivellierende Weiß steht
für den geistesgeschichtlichen Nullpunkt.
Folgerichtig verortet der Autor die Handlung im
Dreißigjährigen Krieg, in jener Phase der Zerstörung, des Umbruchs und des
Neuanfangs, die wie keine andere das neuzeitliche Denken prägt. Buchstäblich
logisch erschließt sich auch die prominente Besetzung seines Historienspiels
mit René Descartes, dem Mathematiker, Physiker und Begründer der modernen
Philosophie, sowie seinem Diener Gillot. Ort ist ein Dorf bei Ulm, in dem der
erst 23-jährige Descartes im Winter 1619 eingeschneit wird. Von einem Tag auf
den anderen stellt er hier das mittelalterliche Denken auf den Kopf. Über den
methodischen Zweifel gelangt er zur einzig sicheren Erkenntnis: „Ich denke,
also bin ich.“
Im Bruch mit der gesamten philosophischen
Tradition entsteht aus dem Nichts des Axioms ein neues Denkgebäude. Mit
Descartes' erkenntnistheoretischem Zweifel beginnt ein Jahrhunderte währender
Kampf zwischen Rationalismus und Empirismus, der Grünbeins Verserzählung
durchzieht. Dem Geist-Körper-Dualismus entstammen auch die beiden Hauptfiguren,
der Philosoph und sein Alter Ego. Grünbein lässt Herrn und Diener – Cervantes'
Don Quichotte und Sancho Pansa persiflierend – in endlosen Diskussionen
miteinander streiten. Ein lyrischer Disput, der gelingt, solange er ironisch und
augenzwinkernd daherkommt, der bisweilen aber wie eine hölzerne Imitation des
literarischenVorbilds wirkt.
Diener Gillot steht stellvertretend für
Descartes' körperliche Bedürfnisse, und diese fordern täglich ihr Recht. So
stören die Notdurft oder der knurrende Magen des Burschen die gemeinsamen
philosophischen Schneespaziergänge. Und immer wieder konterkarieren sexuelles
Begehren – Herr und Diener buhlen um die Bauernmagd Marie –, schnöder
Zahnschmerz oder Fieber die geistige Sphäre der Philosophenkammer. Auch der ständig
präsente Allesvernichter, der Krieg, stellt die Ratio infrage. Und schließlich
unterläuft der Tod – das Langgedicht endet 1650 mit Descartes' Sterben am
schwedischen Hof – die rationalistische Argumentation.
Der Schnee, in Benjamin Lee Whorfs linguistischer
Abhandlung „Sprache – Denken – Wirklichkeit“ das Musterbeispiel
sprachlicher Relativität, steht bei Grünbein für die Erkenntnis der Moderne,
dass eine objektive Wahrnehmung der Wirklichkeit – und damit Wahrheit –
nicht möglich sei. Denn Wahrnehmung erweist sich als subjektive Konstruktion
des Bewusstseins; Wirklichkeit wird als sprachlich vorstrukturierte Projektion
des Geistes entlarvt.
Poetisches Ziel ist es daher, dichterisch die
immanente Ambivalenz des Schnees als Symbol der geistesgeschichtlichen Tabula
rasa zu evozieren. Durs Grünbein beschwört die Macht des Schnees in
suggestiven poetischen Metaphern und leuchtet all seine Facetten mit Bildern von
starker Assoziationskraft aus. So entwerfen die barock intonierten Verse einmal
gewaltige Schneelandschaften, in denen der Mensch, auf winzige Schattenrisse
reduziert, sich aufzulösen scheint. Ein andermal gleißt der blendende Schnee
so stark, dass er den Betrachter auf sich selbst und Grünbein den Leser auf die
schlichte Kammer Descartes' mit dem bescheidenen Interieur aus Bett, Tisch,
Stuhl, Tintenfass und Papier zurückverweist. Oder der Autor malt üppige,
barocke flämische Winterszenen mit Schlittschuhläufern, Eisfischern und wärmenden
Reisigfeuern auf die frostige Leinwand.
So fungiert der Schnee einerseits als
Projektionsfläche für neue Gedankenkonstrukte, andererseits aber bedroht er
als übermächtiges, nivellierendes Nichts das fragile, erst neu zu kreierende
Individuum. Diese paradigmatische Konstellation spiegelt musterhaft die in jedem
kreativen Akt wiederkehrende Konfrontation des originär Schaffenden mit seinem
Medium, dem weißen Blatt Papier oder der unbefleckten Leinwand.
Hier treffen sich Dichter, Philosoph und Maler,
hier spiegelt sich auch Grünbein, nicht ganz frei von Affektiertheit, in dem
großen Philosophen. Sein dichterischer Impetus wirkt insbesondere dann, wenn er
allzu sehr mit dem Spiegelbild kokettiert, aufgesetzt und hypertroph. Auch die
formstrenge Verwendung der barocken Sprechweise und des alexandrinischen
Rhythmus erzielt nicht immer die intendierte Wirkung. Die historisierende
Sprache verkommt teilweise zum manirierten Reimsport. Die hohe poetische Form,
gebrochen nur durch den nicht immer überzeugenden Humor, wirkt dann
anachronistisch. Auch wenn Qualität und Dichte der mit enormer assoziativer
Kraft geschaffenen Bilder und starken Metaphern immer wieder versöhnen.
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