Vom Geist der Gesetze von Georg M. Oswald, 2007, Rowohlt

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Vom Geist der Gesetze.
Roman von Georg M. Oswald (2007, Rowohlt).
Besprechung von Tina Manske aus dem titel-magazin, 19.11.2007:

Für kein Klischee zu schade
Multiperspektivität ist normalerweise ein gutes Stilmittel, um Spannung zu erzeugen. Oswald gelingt es jedoch, den Leser auf niedrigem Niveau zu langweilen.

Georg M. Oswald ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Anwalt in München; dass er sich mit der Juristerei, ihren Fallstricken und Verschwörungstheorien auskennt, kann man also getrost voraussetzen. Sein Roman Lichtenbergs Fall war denn auch ein unterhaltsames Stück Enthüllungsliteratur rund um die bajuwarische Schickeria und ihre Machenschaften. Die Messlatte lag also hoch für Vom Geist der Gesetze, Oswalds neues Buch. Der Titel spielt natürlich an auf Montesquieus gleichnamige Schrift, in der dieser das Prinzip der Gewaltenteilung formulierte, ein Prinzip, auf dem zu basieren sämtliche demokratischen Gesellschaften sich rühmen.

Oswald schickt sich an, die Macht der Dritten Gewalt im Staate heftig zu persiflieren. Was für ein Spaß hätte das werden können bei einem Autor, der sich was traut! Leider führen alle Erwartungen ins Leere. Vom Geist der Gesetze lässt die Lebensläufe mehrerer Personen an einem schicksalhaften Tag zusammentreffen, als da sind: der ambitionierte, aber ungeschickte und rückgratlose Politiker; der lümmelhafte, antriebsschwache Drehbuchschreiber; der mittelmäßige, aber ungemein aufstrebende Jurist; der gesetzte, seiner Macht bewusste Großstrafverteidiger; die intrigenhafte und schöne Großstrafverteidigersgattin; die engagierte Journalistin auf der Suche nach der Wahrheit; der Landesbankdirektor mit kriminellen Zügen; die in Ballonseide gekleidete Unterschichtenfamilie – und noch einige mehr. Man sieht aber schon an dieser Aufzählung, dass Oswald sich für kein Klischee zu schade war.

Langeweile auf niedrigem Niveau

Anlass für die Zusammenführung dieser verschiedenen Lebensentwürfe sind ein Autounfall und eine Fahrerflucht. Der Leser bekommt die turbulenten Entwicklungen und die Versuche der einzelnen Figuren, jeweils das Beste für sich und seine Karriere aus der Geschichte rauszuholen, aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Solche Multiperspektivität ist normalerweise ein gutes Stilmittel, um Spannung zu erzeugen. Oswald gelingt es trotzdem, den Leser auf niedrigem Niveau zu langweilen.

Versatzstücke aus der so genannten Wirklichkeit tauchen immer wieder auf: das Victory-Zeichen des Ackermann-Prozesses; Kurt Becks Mahnung an einen Arbeitslosen, er solle doch mal zum Friseur gehen und sich rasieren, dann werde das schon was mit dem Job; selbst die obligatorische Talkshowrunde bei „Johannes B. Dämmrich“ unter Mitwirkung aller Beteiligten erspart Oswald uns nicht. Am Ende kommt es, wie es kommen musste (und wie man es schon von Anfang an erwartet hat): Geld regiert die Welt, foul is fair, und die Gerechtigkeit bleibt erschöpft auf der Strecke.

Wenn das Ziel des Autors es war, die Oberflächlichkeit des Alltags abzubilden, so ist ihm das sicherlich gelungen. Lesen muss man so etwas aber nicht. Es täglich in den Nachrichten und im Boulevard vor Augen geführt zu bekommen, ist schon schlimm genug. Vielleicht ist Vom Geist der Gesetze daher genau der „Gesellschaftsroman“, den eine Gesellschaft wie diese verdient.

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Vom Geist der Gesetze von Georg M. Oswald, 2007, Rowohlt2.)

Vom Geist der Gesetze.
Roman von Georg M. Oswald (2007, Rowohlt).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 17.12.2007:

Münchner Politikschlacht
Gerissene und gruselige Satire: Georg M. Oswalds „Vom Geist der Gesetze”

Man kann sich vorstellen, worauf das alles hinausläuft: Kurt Schellenbaum hat als Generalsekretär einer Partei mit gewagten Äußerungen provoziert. Er fährt am nächsten Morgen mit dem Dienstwagen einen Fußgänger über den Haufen und nötigt aus Imagegründen seinen Fahrer, die Schuld auf sich zu nehmen.

Der Fußgänger ist der chronisch verschuldete, derzeit schreibgehemmte Drehbuchautor Ladislav Richter, der unter Schock ein Schweigegeld bereitwillig annimmt, dann aber von seiner Freundin zu einer Anzeige wegen Fahrerflucht gedrängt wird.

Zwischen Rache, Waffengeschäft und Geldwäsche

Ludwig Heckler ist ein Anwalt, der Erfahrung hat mit der diskreten Vertretung prominenter Mandanten, weshalb er auch den von Schellenbaum vorgeschobenen Fahrer verteidigt. Den Fall bearbeitet mit ihm ein junger Kollege, Neffe des Chefs der Landesbank. Letzterer hat mit Heckler unlängst in einem Waffengeschäft ein bisschen Geldwäsche betrieben, was wiederum Hecklers betrogene Ehefrau Philomena für ihre Rache nutzt. Alles klar?

Es gehört jedenfalls nicht besonders viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie sich die Beteiligten in allerlei Scharmützeln miteinander verkeilen. Aber gerade weil Georg M. Oswald das Erwartbare und Naheliegende in unerwarteten Wendungen und fast unwahrscheinlicher Wirklichkeitsnähe erzählt, ist sein Roman „Vom Geist der Gesetze” so unterhaltsam wie spannend.

Unter eben diesem Titel veröffentlichte 1748 der französische Staatstheoretiker Montesquieu sein Hauptwerk, in dem er über Regierung, Gewaltenteilung und Ursachen der Gesetze philosophierte. In deren Gesamtheit wollte er den Charakter einer Nation erkennen. Oswalds Buch wiederum bestärkt aufs Herzhafteste den allgemein gehegten Verdacht, dass der Charakter unserer Gesellschaft bisweilen bestechlich und korrupt ist, ihre mächtigen Akteure aber auch gegenseitig dafür sorgen, dass sie ihr Fett abkriegen.

Als Gesellschaftsroman bewirbt der Rowohlt Verlag das Buch des Münchner Autors und Anwalts Oswald. Der Begriff mag der Tatsache geschuldet sein, dass in dieser Geschichte um Geld und dessen Einfluss eigentlich alle sozialen Schichten vertreten sind.

Dass sie außerdem einen Ausschnitt des Gemeinwesens exemplarisch und naturgetreu abbildet und auf gelassene, elegante Weise auch Gesellschaftskritik übt. Und dass sie eine der wichtigsten Spielregeln in den Mittelpunkt stellt: das Beherrschen der sozialen Codes, ohne die kein Aufstieg möglich ist. Oswald lässt die Ehe-, Justiz- und Polit-Schlammschlachten erkennbar vor Münchner Kulisse spielen, ohne das jemals ausdrücklich zu erwähnen.

Und obwohl er so einige Possen und Pannen der gesellschaftspolitischen Realität genüsslich eingebaut, nur leicht verfremdet und neu kombiniert hat, handelt es sich doch keinesfalls um einen Schlüsselroman. Georg M. Oswald hat sich einfach die Tatsache zunutze gemacht, dass die Wirklichkeit, zur Kenntlichkeit verdichtet, manchmal die größere Farce ist als ihre Erfindung.

Am Ende haben ­ und das ist das einzig Unrealistische ­ alle von der unangenehmen Angelegenheit profitiert, was beim einen tröstet, beim andern ärgert: Der Drehbuchautor bekommt noch eine letzte Chance vom Filmproduzenten. Und der Generalsekretär einen Übergangsposten bei einer Stiftung, die unter anderem Filmprojekte fördert... Eine gerissene, gewitzte und gruselige Satire.

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