Vom Fisch bespuckt, Anthologie von Katja Lange-Müller, 2002, KiWiVom Fisch bespuckt.
Anthologie von Katja Lange-Müller (2002, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Werner Jung in der Frankfurter Rundschau, 30.11.2001:

Fehlfarbig eingespielte Erinnerung
Diesseits des Pop: Eine Anthologie mit neuen Erzählungen

Anthologien und Erzählbände haben bei Kiepenheuer und Witsch lange Tradition. Unlängst hat erst der inzwischen aus dem Verlag ausgeschiedene Lektor Martin Hielscher mit dem Band Wenn der Kater kommt die Trendwende zur neueren deutschen Popliteratur eingeläutet, und nun, so scheint es, wird in der von Katja Lange-Müller herausgegebenen und mit einem knappen Vorwort versehenen Sammlung Vom Fisch bespuckt der Beweis einer Literatur diesseits des neuen Paradigmas angetreten.

Es handelt sich um 37 Erzählungen von ebenso vielen überwiegend zwischen 1960 und 1970 geborenen AutorInnen (mit wenigen Ausnahmen wie etwas Ursula Krechel oder Marion Titze), worin die Erlebnisse und Erfahrungen einer Generation zwischen den Stühlen der Post-68-er, der von Reinhard Mohr als hyperkritische "Zaungäste" der Geschichte bezeichneten Generation, und den Golf-Liegesitzen jener Kinder der Spaßkultur (Generation Golf) dokumentiert werden. Der Länge, Höhe und Tiefe nach entsteht so im pluralen Diskant ein Stimmungsbild dieser Republik irgendwo zwischen Dienstleistungsgesellschaft und Sozialstaat, zwischen unverbindlichen Orientierungen und ebensolchen Beziehungen. Dabei handelt es sich weniger um Bestandsaufnahmen denn um Momentbilder (sub specie aeternitatis, wie seinerzeit der Gründervater der modernen Soziologie Georg Simmel hinzugefügt hätte), um kurze, mehr oder minder detaillierte Ausschnitte und Skizzen. Tatsächlich sind die meisten Texte Erzählungen in nachgerade klassischer Manier, denn selten nur gibt es den für die Kurzgeschichte oder die amerikanische Short Story üblichen Plot, den unerwarteten Höhepunkt. Nein, vielmehr drängt sich ein grundständiges, solides Erzählen in den Vordergrund dieses prall gefüllten Bandes, der sich mit wenigen Ausnahmen vor Experimenten geradezu phobisch scheut; dafür entschädigen den Leser dann jedoch in den herausragenden Texten - etwas Thorsten Krämers "Der letzte Beatle", David Wagners "Die blautransparente Wasserpistole" oder Arne Roß' "Das Begräbnis" - Geschichten aus dem und über den Alltag, der unspektakulär wahrgenommen oder messerscharf beobachtet und dann erzählt wird, ohne Erklärungen und Deutungen, nachgeschobene und damit störende Reflexionen.

Die Besonderheiten und Abgründe unter der Oberfläche und hinter den Fassaden winken und lauern. Bestechend geradezu, darin könnte man vielleicht so etwas wie ein gemeinsames, verbindendes Band zwischen den unterschiedlichsten Texten ausmachen, ist der wache Blick der AutorInnen fürs Auffällig-Irritierende, für die Wonnen der Gewöhnlichkeit wie die Schrecknisse des Gewohnten, sei dies in Gestalt von Reise- (bei Judith Hermann) oder in angedeuteten Liebesgeschichten, in Erzählungen, die von der Heimat berichten, oder solchen, die Aufbrüche thematisieren und Erlebnisse in und mit der Fremde aufgreifen. Peter Handke hätte dieses Buch gewiss in die Rubrik "für Lesefutterknechte" einsortiert, etwas, das hier durchaus positiv und liebenswert gemeint ist, aber auch mit leicht kritischer Note versehen sei, da bisweilen der hübsche Einfall überragt und sich das Modisch-Konfektionierte, handwerklich zwar Gelungene, aber ästhetisch letzten Endes nicht so Überzeugende ein wenig breit macht.

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