Vom Diesseits der Wünsche ins Jenseits ihrer Erfüllung.
Gedichte von O .P. Zier (2005, O. Müller).
Besprechung Michael Russ aus Rezensionen-online *LuK*, 2005:

Glühende Sätze
O. P. Zier: "Vom Diesseits der Wünsche ins Jenseits ihrer Erfüllung"

Dem eifrigen Zier-Leser wird der Titel des neuen Lyrik-Bandes wahrscheinlich bekannt vorkommen, O. P. Zier hat ihn schon einmal verwendet. In den "Andeutungen" findet sich unter "Vom Diesseits der Wünsche ins Jenseits ihrer Erfüllung" ein Text von einer knappen Viertelseite, der sich spöttisch mit dem Gegensatz zwischen der auf Fremdenverkehrsplakaten erzeugten Illusion und der Realität auseinandersetzt.

Im katholischen Weltbild, wo das Begriffspaar "Diesseits - Jenseits" seit langer Zeit eine wichtige Rolle spielt, ist das beschwerliche Diesseits nur eine Durchgangsstation, in der Wünsche nicht erfüllt werden, dafür ist im Jenseits noch Zeit.

O. P. Zier sieht das ein bisschen anders, zwar ist er ein Spezialist dafür, im Diesseits Beschwerliches und Belastendes aufzuspüren, aber mit der Behebung derartiger Missstände will er nicht bis zur Ankunft im Jenseits warten, da ist er anspruchsvoll.

Natürlich ist das in seinen Romanen leichter zu erkennen als in der Lyrik. In den Romanen reiben sich die Protagonisten am wirtschaftlichen oder politischen System genauso wie an den alltäglichen Bösartigkeiten ihrer Mitmenschen, Interpretationsspielraum bleibt dabei wenig. In den Gedichten dagegen findet sich der Leser in Gefilde gelockt, die plötzlich Unerwartetes spiegeln, wo sich Wirklichkeit und Phantasie vermischen. Das Blatt von Baum oder Strauch verwandelt sich in dieser Zierschen Welt in das Blatt Papier, das die Zierschen Gedanken fangen soll. Aber auch ein Papierschnipsel kann sich hier als wandlungsfähig erweisen, obwohl die Frage bleibt: war vorher der Schmetterling oder das Papier:

Als vom Schreibtisch gewehtes/ Papierschnipsel, nur/ angetrieben vom leisen Staunen/ unsres Blickes, flattert/ der Kohlweißling über das/ Gelbgrün des abgeernteten/ Tages, die Flügel vom Sommer/ in Geheimschrift beschrieben

Theoretisches fehlt in dieser Welt, kein Erläuterungsapparat auf weiter Flur, der Leser kann beim Interpretieren in die Richtung gehen, die ihm zusagt. Kurz- und Kürzestzeilen bestimmen das Bild, die Gedichte sind möglichst weit links oben platziert, viel weißer Raum - mehr als nur ein Schnipsel - bleibt auf jeder Seite, als ob der Leser hier seine ihm vom Autor zugedachte Arbeit verrichten solle. O. P. Zier gesteht den Lesern seiner Gedichte durchaus einen schöpferischen Anteil zu. Indem er explizit mit der Vieldeutigkeit der Sprache arbeitet, öffnet er dem Leser verschiedene Wege, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können.

Die ersten drei Abschnitte des Buches bleiben so in Naturnähe, dabei wird immer wieder mit den Eingriffen des Menschen in diese Natur gespielt, wie im Titel des zweiten Abschnitts: Die Knospen des Ruins oder im Gedicht Freiluft-Secondhand:

Knatternd verlassen/ die neuen Baufahrzeuge/das alte Feld.

Flugs/ bringen die Vögel/ mit ihrem Zwitschern/ die gebrauchte Stille/ zurück…

Im vierten Abschnitt wandert der Leser aus der Natur ins Reich des Zwischenmenschlichen. Hier wird es für den Leser eindeutiger, das Interpretieren bleibt dem lyrischen Ich vorbehalten, das dazu tendiert, negative oder traurige Schlüsse zu ziehen:

Auch der so schön/ leuchtende Schleier/

aus Katzenblicken - von/ Nacht zu Nacht gespannt-,/

nur ein Werbegeschenk/ dieser Dunkelheit/

zwischen uns?

Interpretationsspielraum bleibt beim Titel dieses Abschnitts: Erhebet die Herzen. Eine katholische Formel. Anspielung auf katholische Moralvorstellungen? Oder Ironie, weil das lyrische Ich seine Fragen bangen Herzens formuliert?

Ironie und Selbstironie spielen zweifelsfrei im fünften und letzten Abschnitt eine Rolle.

Minuskripte/ nannte sie also/ damals schon/mein Sohn…/

(Und wer/ nimmt sie/ unter seine/ Profittiche?)

Dazu wird hier vieles gesammelt, das sich nicht den vorhergehenden Abschnitten zuordnen ließ. Schwierigkeiten mit dem Leben bilden eine Klammer - Passivität, Niederlagen. Verlierer kommen hier zu Wort, die sich nicht vom Fleck bewegen und ihre Ziele so tief wie möglich stecken. Von Happy-End kann keine Rede sein, mit wenigen Worten malt Zier auf den letzten Seiten tiefschwarze Bilder.

Das Schreiben wird in allen Abschnitten thematisiert, Gelingen, Misslingen - ein Gedicht kann auch als Antwort - Drohung - in Beziehungskrisen dienen:

Wenn du/ Hackfleisch/ aus mir machst,/ mache ich/ aus dir/ ein Gedicht!

Bilder, die von Sprache und ihrer Verschriftlichung erzählen, setzt Zier immer wieder in seine Gedichte ein. Die Sprache von Natur, Mensch und Objekt - komprimiert, einmal vermengt, einmal separiert, fließt hier ein.

Barfuß über glühende Sätze heißt es zu Beginn des Buches, aber Brandwunden werden dem Leser erspart bleiben. Kein Vergnügen für Masochisten, sondern für Freunde beziehungsreicher Lyrik, die ein Gedicht gerne mehrmals lesen, um dabei immer neue Verzweigungsmöglichkeiten zu entdecken.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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