Viktor von Erika Kronabitter, 2009, Limbus

Viktor.
Roman von Erika Kronabitter (2009, Limbus Verlag).
Besprechung von Klaus Ebner aus litges.at, Nr.37, Oktober 2009:

MONAS GATTE

Nun kommt er zu Wort: Viktor, dessen gewaltsame Übergriffe schon im ersten Band der Trilogie schockierten. Diesmal taucht Erika Kronabitter in Viktors Gedankenwelt ein, vertieft sich in sein Weltbild, das von den bis in die Politik reichenden Intrigen am Arbeitsplatz des Justizwachebeamten geprägt ist. Erzählt wird bloß eine kurze Zeitspanne von der Auffindung einer Leiche bis zum Verfassen des Berichtes dazu. Der Bogen bleibt bis zum Schluss gespannt, wo offenbart wird, welche Verbindung zwischen Viktor, der während der vergangenen Nacht Dienst hatte, und dem Toten bestand.

Die Gewalt ist Viktors Begleiter. Von seiner kaputten Ehe ist eher aus der Sicht eines Enttäuschten die Rede, doch eine harsche Szene beschreibt, wie er völlig außer sich seinen Sohn verprügelte – und das ist die Überleitung zur eigenen Kindheit. Kapitel 30 setzt das Verprügeln eines Häftlings, das Schlagen des Kindes und die Misshandlungen durch den eigenen Vater miteinander in Beziehung. „Man kann den Tätern Sympathie entgegenbringen – wegen ihrer Kindheit vielleicht. Nicht aber aufgrund ihrer Taten.“, denkt Viktor, meint die Gefängnisinsassen und spricht dabei sein eigenes Urteil.

Sowohl der Vater, der es irgendwie geschafft hatte, nie in den Krieg ziehen zu müssen, als auch Viktor haben sich Überlebensstrategien zurechtgelegt. Bei Viktor ist es das minutiöse Festhalten der Verfehlungen anderer. Und als Ausgleich zur kargen Jugend fährt er mit seiner Familie jedes Jahr in den Urlaub. Zusammenhänge und Vererbung werden zu Mustern. Viktor spart nicht an verbalen Attacken auf Kollegen und Justizsystem, das, freundlich formuliert, oft nicht sehr logisch erscheint. Dass jedoch über die Missstände zumeist nichts bekannt wird, stellt er schon am Beginn in zweideutiger Weise fest, denn alles „bleibt in der Familie“.

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