Vierzig Rosen von Thomas Hürlimann, 2006, Ammann1.) - 3.)

Vierzig Rosen.
Roman von Thomas Hürlimann (2006, Ammann).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 2.8.2006:

Rosenritual
Thomas Hürlimann, Familie Katz und die Schweiz

Zeit bringt Rosen. So lautet der zentrale Sinnspruch im Landvogt von Greifensee, dem Mittelstück von Gottfried Kellers Züricher Novellen, mit denen der eidgenössische Nationaldichter die Vergangenheit des Gemeinwesens bis zur Etablierung der modernen Schweiz in einer großbürgerlichen, liberalen Vorstellung illustriert. Ein gutes Original sei derjenige, der an seinem Platze Tüchtiges leiste. Diese brave Welt der Erneuerungsbewahrer nach 1848 symbolisierte der so genannte Poetische Realismus gerne mit dem Rosenmotiv, Stifters Nachsommer projiziert es auf die Herrschaftswand des Freiherrn von Risach.

Friedhofskatze

Thomas Hürlimann kommt in feinen Anspielungen immer wieder auf Keller - wie auch auf Robert Walser - zurück. Mehrmals hat er sehr ansprechend eine Familiengeschichte mit der neueren Geschichte der Schweiz verbunden; derart hat er seine grandiosen Novellen Das Gartenhaus und Fräulein Stark gestaltet.

In Das Gartenhaus verkörpert eine Friedhofskatze ein schleichendes unerhörtes Ereignis. Mit der gleichen Tiersymbolik benannte Hürlimann, der Sohn eines Bundespräsidenten, 1998 seinen Vater-Macht-Roman Der große Kater. "Ihr Neffe ist ein kleiner Katz, da müssen wir besonders aufpassen", sagt die Titelfigur in Fräulein Stark zum hohen Stiftsbibliothekar-Prälaten und setzt damit eine Geschlechts- und Geschlechtermühle in Gang.

In seinem Roman Vierzig Rosen erzählt nun Thomas Hürlimann neuerlich von der Familie Katz, zugleich von der Schweiz im 20. Jahrhundert, von bezeichnenden Lebenswegen und Zeit-Räumen. Und von Rosen, die hier wie das Großbürgerliche in einem Ritual verlogener Tüchtigkeit dastehen.

"First Lady"

Jeden 29. August lässt der aufstrebende Politiker Max Meier, genannt "der Kater", seiner Frau vierzig Rosen zum Geburtstag bringen, und auch als sie über das Alter hinaus ist, gratulieren ihr alle geflissentlich zum Vierziger. Marie, eine geborene Katz, betreibt die Karriere ihres Mannes, der aus einfachen Verhältnissen und aus den Bergen stammt. Sie, die sich in der ersten Liebesnacht zur künftigen "First Lady" erklärt, weiß sich in der besseren Gesellschaft und hinter den Kulissen zu bewegen, "on a du style", hatte die Maman gelehrt; zu einem strengen Katholizismus will sie ihr älterer Bruder Monsignore Stiftsbibliothekar verpflichten.

Nur eine christliche Familie vermag einen politischen Erfolg im Land einzufahren. "On a du style": Mit "Stil" hatte der jüdische Großvater gehandelt, als "Seidenkatz" war er wohlhabend geworden. Die Mode dieses Sohnes eines galizischen Einwanderers hatte man besonders in russischen Palästen geschätzt - bis zur Revolution.

"Anfahren und Abfahren"

Während Marie ihren BMW vom "Katzenhaus" am See zu Max in die Hauptstadt lenkt, reichen die Erzählrückblicke weit in die Vergangenheit. "Sie fuhr", heißt es leitmotivisch wiederholt. Dann im Kapitel "Unterwegs III": "Anfahren und Abfahren. Vorfahren und Nachfahren." Zu explizit und simpel stellt Hürlimann diesmal in einigen Passagen die Zusammenhänge aus.

Die Novelle Fräulein Stark schildert einiges schon konzentrierter, in feiner Schwebe gehalten, auch die Herkunft aus dem Osten. In Vierzig Rosen setzt das Kapitel "Vorfahren" märchenhaft ein, mit der Deutlichkeit der Formel: "Es war einmal ein alter schwerer Koffer. Aus Galizien kam der Koffer, aus dem ärmsten Kronland des Wiener Kaisers, und enthielt die gesamte Habe des Wanderers, der ihn schleppte: eine Schere, eine Klarinette, fromme Bücher und Gebetsriemen."

Liebe und Taktik

Um Schneiderei und Schnitte, Einkleidungen und Erwerb, Kunst und Religion dreht sich der ganze Roman, um Liebe und Taktik, um Gefühle und Politik. Die Szenerie und viele Szenen sind aus Hürlimanns Werk bekannt: die Villa am See, der Pavillon, der Tod des jugendlichen Sohnes, das Ambiente von Kaufleuten und Offizieren, der schweizerische Antisemitismus während der Hitler-Zeit - deswegen flieht Vater Katz, zwingt der Monsignore-Bruder Marie ins fürchterliche Kloster.

Die Geschichte der Marie Katz, der talentierten Pianistin sowie sozialen Spielerin, und ihrer Verbindung mit dem ambitionierten Max Meier schildert Hürlimann in einem großen Bogen, von morgens bis abends, vom Lebensmorgen bis zum Lebensabend. Im ersten Satz klingen wesentliche Motive an, bis zur Überreichung der vierzig Rosen: "Marie stieß die Läden auf, dann schloß sie das Fenster, hob die Arme, griff in die Gardinen und ließ die feinen, durchsichtigen weißen Stoffe über ihren Füßen ineinanderrieseln. Das war ihr Auftakt, Morgen für Morgen."

Diesen Auftakt wiederholt der Schlussteil zweimal wörtlich, in den darauf folgenden Sätzen mit den Varianten der anderen Zeit, einmal lange vor der Episode des Romanbeginns und schließlich lange danach.

Rosenritual

So kunstvoll Hürlimann die Konstruktion und manche Passage auch gelingt, so überzeugend er Milieus und ihre Mechanismen näher bringt, so fein er die Entfremdung von Marie und Max in ihren Dialogen und Posen zeichnet - er bleibt diesmal oft im Betulichen und Formelhaften. Die Schiffsmetapher strapaziert er, das Wetter setzt er zu platt als äußeres Zeichen inneren Geschehens ein. Zudem wirken mitunter die Erzählerkommentare altbacken, banal. Und bisweilen traut er seinen Lesern wenig zu: "Eisler", nennt Marie ihren stalinistischen Klavierdozenten; "so hieß er nicht", erfährt man, "dieser Name war einem zeitgenössischen Komponisten entlehnt."

Die Familie Katz scheint nun in Thomas Hürlimanns Erzählwelt abgenützt zu sein, vorhersehbar wie das Rosenritual. Man möge sich nichts vormachen, will Marie einmal sagen, "die Rosen lügen".

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Vierzig Rosen von Thomas Hürlimann, 2006, Ammann2.)

Vierzig Rosen.
Roman von Thomas Hürlimann (2006, Ammann).
Besprechung von Heinz Neidel aus den Nürnberger Nachrichten vom 6.12.2006:

Vom Aufstieg und bitteren Ende der schönen Marie
Thomas Hürlimanns so prächtiges wie vielschichtiges Familien-Epos „Vierzig Rosen“ — Lesung in Nürnberg

Der renommierte Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Thomas Hürlimann liest am Freitag, 20 Uhr, im Nürnberger Literaturhaus aus seinem neuen Roman „Vierzig Rosen“.

Wiederbegegnungen, sympathische zumal, machen Freude. Sie stimulieren nicht nur persönliche Beziehungen, sondern können auch in der Literatur besondere Anziehungskraft entwickeln. Als gewiefter Spezialist auf diesem Gebiet erweist sich Thomas Hürlimann. Ein außergewöhnliches Stammpersonal kehrt in seinen Werken beständig wieder — oft mit überraschenden Metamorphosen.

In „Vierzig Rosen“, Hürlimanns fesselndstem und wohl waghalsigstem Roman, weiht er uns neu fortgeschrieben in die Geheimnisse der so besonderen jüdischen Katz-Dynastie ein. Marie, der letzte Spross, begegnete den vertrauten Hürlimann-Lesern bereits in der Novelle „Fräulein Stark“. Hier spielt diese leidenschaftliche und empfindungsstarke Frau die Hauptrolle. Wir begleiten sie vom Zweiten Weltkrieg bis in die Zeit ihres Aufstiegs und Endes in Einsamkeit.

Marie Katz, eine äußerst talentierte Pianistin, heiratet jung den aus einfachen Verhältnissen stammenden Schweizer Max Meier. Dessen Hunger ist Hunger nach Leben, Anerkennung, Einfluss und Macht; eben ein mit allen Wassern gewaschener Opportunist. Seine rasende Erfolgsgeschichte verdankt er nicht zuletzt seiner klug im Hintergrund agierenden Frau: „Ich bin Meiers Wahlplakat.“ Ihm zuliebe opfert sie die eigene Karriere.

Die 40 Rosen sind das Symbol ihrer etlichen Belastungen ausgesetzten Liebe. Max lässt das wahre Alter seiner Frau alljährlich aufs Neue in diesem Zauberstrauß verschwinden. Jung soll sie bleiben, alle Jahre wieder. Sie entschließt sich, ein Leben nach innen (als „SternMarie“) und ein Leben nach außen (als „SpiegelMarie“) zu führen. Am Ende ist sie ausgebrannt, erkaltet, eine elegante Frau, die an den Zwängen zerbricht. Schließlich gilt für Marie und Max: „Auf Erden ist der Himmel nicht zu haben.“

„Meine Geschichten sind Geschichten über Vergangenes“, erklärt der Autor. „Den Quellen, die meine Nachtbilder speisen, entspringen auch meine Sätze.“ In ihrem dichten Fluss sintern Erlebtes, Nacherlebtes und Erahntes auf faszinierende Weise ineinander. Notwendigkeit als innerer Rhythmus. Tiefe und Eleganz, Existenzielles und Spielerisches fahren Tandem.

Dieses sorgfältig gebaute Familien-Epos gleicht einem breit ausgelegten prächtigen Mosaik. Es spiegelt seine traurig-schöne Liebesgeschichte, steht für eine melancholische Tragik-Komödie — Verdrängungen, Verstörungen und Verletzungen als schwarzer Faden. Es offenbart Verfilzungen der politischen Kultur, erweist sich als sinnlicher Erinnerungs-Slalom und zugleich auch als Traktat über die verfließende Zeit. An den Rändern funkeln Utopieansätze zum Selber-Weiterdenken.

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Vierzig Rosen von Thomas Hürlimann, 2006, Ammann3.)

Vierzig Rosen.
Roman von Thomas Hürlimann (2006, Ammann).
Besprechung von Christine Diller aus dem Münchner Merkur, 3.1.2007:

Sumpfige Stories der Politgattin Marie Katz
Der grandiose Roman „Vierzig Rosen”

Seit Marie Katz eines schönen Tages 40 Jahre alt geworden ist, wird sie jedes Jahr am 29. August 40. Jedenfalls, wenn es nach dem Strauß Rosen geht, die alljährlich eine mehr geworden sind, bis Maries Ehemann Max entschied, mittels eines alljährlich vierzig-stieligen „Zauberstraußes” das Altern zu beenden. An irgendeinem dieser vierzigsten Geburtstage lässt der Schweizer Thomas Hürlimann seinen Roman „Vierzig Rosen” beginnen. Vieles ist an diesem Tag wie immer: Marie empfängt den Blumenboten und die beste Freundin, geht zum Friseur, fährt mit dem Wagen in die Hauptstadt, wo ihr Mann, ein Politiker, sie erwartet, um mit ihr, ihrem Bruder und einem Parteifreund zu dinieren. Und doch wird dieser Geburtstag am Abend ein klein wenig anders gewesen sein.

Zunächst ungefähr 40 Jahre zurück und dann, in beschleunigtem Tempo, 40 Jahre weiter erzählt dieser Roman vom erstaunlichen, wechselhaften, aber stets geschmackvollen, großbürgerlichen Leben der Marie Katz. „On a du style” ­ diesen Satz vermachte die früh verstorbene, lungenkranke Mutter der kleinen Marie. Keck wie Marie selbst ist die Sprache dieses Buches. Mit fröhlichen Schnitten mitten hinein in eine Szene springt der Erzähler und zwischen jenem Geburtstag und der Vergangenheit Maries hin und her.

Geboren wurde das Mädchen in eine Dynastie jüdischer Couturiers, deren Vorfahr als armer Schneider aus Galizien eingewandert war und im billigen Sumpfgelände eines Schweizer Sees seine Firma begründet hatte. Die blumigen Geschichten um den Aufstieg des Großvaters, des Seidenkatz, sind ein wohl gehütetes Familienerbe. Ebenso wie das musikalische Talent: Eine erfolgreiche Pianistin soll nach den Plänen des Vaters aus Marie werden. Weshalb er sie während der Nazi-Zeit in einer gefängnisähnlichen Klosterschule versteckt. Wohlgemerkt: Wir befinden uns in der Schweiz. Aber Ende der 30er-Jahre haben es auch dort Juden schwer, werden nicht mehr gegrüßt, werden beleidigt, ausgegrenzt, und wohin das führen soll, weiß keiner. Schon drei Jahre später, als alle Welt erkennt, was aus Hitler-Deutschland geworden ist, können Vater und Tochter wieder heimkehren an den Familiensitz, wo sie selbstverständlich freundlich empfangen werden.

Weichen stellen beim Friseur

Eine für die Nachgeborenen ungewöhnliche und durchaus unbequeme Wahrheit schildert Hürlimann da über die Bevölkerung der Schweiz, die man heute doch als erste Zuflucht für reiche deutsche Exilanten der Nazi-Zeit kennt. Hürlimanns fein perlende, von ironischen Anspielungen sprühende, brillant funkelnde Sprache täuscht nie über die wahren Verhältnisse hinweg. Sie kehrt sie im Gegenteil umso schärfer hervor. Charmant parliert sie davon, wie eine kluge Ehefrau für den Aufstieg des Politiker-Mannes die Weichen stellt, und sei es beim Friseur. Denn dort sitzt die Bankiersgattin unter der benachbarten Trockenhaube und weiß, welcher einflussreiche Bankkunde derzeit ein lukratives Seegrundstück braucht und dem aufstrebenden Politiker aus den Schulden heraus und ins Nationalparlament helfen könnte.

Was aus Maries Karriere als Pianistin geworden ist, sei hier nicht verraten. Nur dass sie die Kunst der perfekten Ehefrau beherrscht und vollendet auf der Klaviatur der Diplomatie zu spielen weiß. Schließlich hat Max sie ja geheiratet, weil sie ihm die geborene First Lady zu sein schien. Vom sumpfigen Familiensitz in den Sumpf der Politik ­ so könnte man die Geschichte der Marie Katz auch zusammenfassen. Aber damit kämen all die schönen und aufschlussreichen Nebengeschichten in diesem wunderbaren Buch zu kurz.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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