Vierzig Leben von Navid Kermani, 2004, Ammann1.) - 2.)

Vierzig Leben.
Roman von Navid Kermani (2004, Ammann).
Besprechung von USTM aus Rheinischer Merkur, 13.05.2004:

Die Welt liegt nebenan

Das Gesehene in größtmögliche Zusammenhänge setzen, das ist die Formel des Navid Kermani. Der 1967 geborene Islamwissenschaftler liebt persönliche Begegnungen. Außerdem liebt er Neil Young. Über die Last dieses Lasters hat er ein mutiges Mittelding zwischen Therapie- und Bekenntnisprosa veröffentlicht. Das neue Buch bringt ganz normale Menschen in großer Zahl in Position, die auf den zweiten Blick etwas anders sind: in ihr Tun zu sehr involvierte Handwerker, Whiskykenner oder Zugfahrer. Sie haben eine Nähe zum Kölner Eigelstein, wo der Autor lebt. Fundstücke des ganz normalen Wahnsinns werden mit Ironie und noch mehr Zuneigung zum Puzzle überhöht. Manchmal liest sich das fast wie eine Kleistsche Anekdote. Falsche Fährten gibt es, Stilübungen und Kabinettstücke. Globale Simultaneität ist das eine, im Kiez aber gibt es sie auch, nur übersichtlicher. Menschliches, in höchste Vokabeln getrimmt. Das spricht mit Humor von der Basis. Das liest man richtig gern.

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Vierzig Leben von Navid Kermani, 2004, Ammann2.)

Vierzig Leben.
Roman von Navid Kermani (2004, Ammann).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 30.7.2004:

Puzzeln mit der Basis
Navid Kermani beobachtet Nachbarn und macht sie zu Helden des Alltäglichen.

Genau hingucken in das tägliche Leben und das, was man sieht, in größtmögliche Zusammenhänge setzen: Das ist die Formel der Bücher des Navid Kermani. Der 1967 geborene Islamwissenschaftler ist in Deutschland aufgewachsen und liebt vor allem das Schildern persönlicher Begegnungen. Außerdem liebt er Neil Young. Über die schwere Last dieses Lasters hat er vor zwei Jahren ein Buch veröffentlicht. Das war ein mutiges Mittelding zwischen Therapie- und Bekenntnisprosa. Erst wurde es belächelt, dann bewundert, wie das so geht, wenn Besessene ihren Passionen die Zügel geben.

Auf den zweiten Blick etwas anders

Warum sie gar nicht anders können, beschreibt das neue Buch. Es bringt Menschen in großer Zahl in Position, die zumeist erst auf den zweiten Blick etwas anders sind. Ganz normale Menschen aus der Nachbarschaft, die Jungs aus der Kneipe oder vom Fußballplatz, Whiskeykenner, Zugfahrer, Mütter oder ins noch immer ungeliebte Deutschland Ausgewanderte. Fast alle haben sie eine Nähe zu Köln-Eigelstein, wo auch der Autor lebt, und alle haben sie eine Geschichte, die sie zu Helden des Alltäglichen macht.

Dariusch Nikolai Oelmüller zum Beispiel liebt bis zur Verwahrlosung eine simpel strukturierte Frau, die ihn nicht zurück liebt. Wilhelm entwirft auf dem Bierdeckel komplizierte Formeln. Einer mit dem schönen Namen Heiko Taylor bucht mit abartiger Leidenschaft die Flüge für seine Freunde, wobei er nichts unbedacht lässt. Ein anderer kriegt die Kühlschrankverkäuferin von Saturn nicht aus dem Kopf, weil sie die Kompetenz fürs Praktische hat und einen imposanten Busen auch.

Es sind die Fundstücke des ganz normalen Wahnsinns, die Kermani aufgesammelt und zu einem großen Puzzle überhöht hat. Eine Menge indirekter Rede hat er zu dessen Gestaltung gebraucht, ein bisschen Ironie und sehr viel mehr Zuneigung. Lapidare, banale oder einfach nur schrullige Aktionen sind ihm Auslöser für kunstvoll verschraubte Sätze. Manchmal liest sich das fast wie eine kleistsche Anekdote, zuweilen ist es vor allem manieriert.

Falsche Fährten gibt es und böses Erwachen, Stilübungen und Kabinettstücke. So kann das Leben sein, wenn man seine Antennen noch nicht allein aufs World Wide Web ausgerichtet hat. Globale Simultaneität ist das Eine, im Kiez aber gibt es sie auch. Und da ist sie wenigstens noch übersichtlich, wenn man sich Mühe gibt.

Also sammelt Kermani Menschliches, Allzumenschliches mit einem aufs Höhere trainierten Blick, findet ganz große Vokabeln, die er dem Gesehenen zuordnen kann. Demut etwa oder Würde, Trost und Güte, Versenkung und Erfüllung. Und Weisheit auch. Vokabeln, wie sie in der Werbung verkommen sind, oder wie sie eine an die Ränder gedrängte Religion verwendet. So macht er seinen Frieden, nicht nur mit der Zweitklassigkeit des erbärmlichen 1. FC Köln, sondern mit der Welt als solche. Von Orten her, wo die Männer noch miteinander reden, wo übersichtlich gelebt wird an jeder Reizüberflutung vorbei. Das ist nicht trivial, denn es lässt hoffen und spendet Trost. Das hat Humor und spricht von der Basis. Das liest man richtig gern.

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