Vier mal
vier. Fotografien aus Bargfeld.
Fotobuch von Arno
Schmidt (2003, Suhrkamp, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Janos
Frecot).
Besprechung von Ulf Erdmann Ziegler in der Frankfurter Rundschau, 5.11.2003:
Fünfzig verweht
Die Heidefarben von Arno Schmidt sind eine
Sensation
Der fotografierende Schriftsteller als solcher
ist ein poetisches Bild: Jemand, der sich der Welthaltigkeit der Welt mittels
eines Apparats versichert. Unwahrscheinlich, dass er naiv ist, wahrscheinlich,
dass er über die Kniffe des fotografischen Apparats weniger weiß als über die
Gelenkigkeit der Schreibmaschine: Der Charme des Laienhaften verbindet sich mit
dem Geheimnis des unbekannten Nebenwerks.
Dies ist die erste von zwei geplanten fotografischen Publikationen aus dem
Nachlass Arno Schmidts. Sie heißt Vier mal vier (gemeint: Zentimeter),
nach dem eigentümlichen Format der Yashica 44, die Hans
Wollschläger dem Schriftsteller in der Heide zum fünfzigsten Geburtstag
schenkte. Die Dias, sorgsam, aber offensichtlich ohne Datum archiviert, sind
also frühestens 1964 entstanden und reichen, wie man an einem singulären
hellgrünen Mähdrescher erkennen kann, bis in die siebziger Jahre. Die
eigentliche Überraschung des Werks liegt in seiner Farbe.
Besser hätte es, postum, für Schmidt gar nicht kommen können, als mit dem
kundigen Auge des Berliner Kurators Janos Frecot interpretiert zu werden. Der
Herausgeber hat nämlich gemerkt, wie suggestiv das Format ist und sämtliche
Bilder, 18 mal 18 Zentimeter groß, ohne Mätzchen auf das weiße Papier
gestellt. Durch die Strenge der Präsentation leuchtet dann die Vielgestalt der
Beobachtungen, die sich schlüssig miteinander verbinden. Kein Zweifel, Schmidt
hatte ein "fotografisches Projekt" am Laufen.
Obwohl die Bilder sämtlich in der Heide bei Bargfeld gemacht wurden, sieht
diese Landschaft bei Schmidt aus wie Island, Thüringen und Toskana. An einem
lichten Herbstmorgen registriert er das Wunder des Taus, der sich in die
Spinnweben der immergrünen Pflanzen gelegt hat. Ein rotes Haus mit rotem Dach
leuchtet alptraumhaft unter einem blauschwarzen Himmel. Heugarben stehen im
goldenen Abendlicht wie Mähnen unterirdisch lagernder Riesen.
Zielsicher nähert sich der Fotograf den Klischees, aber übernimmt nicht die gängigen
Anleitungen von Vorder- und Hintergrund. Er öffnet das Bild grafisch, um die
Lage von Feldern und Wegen zu beschreiben, und er verengt es mit gesenkter
Kamera, um die anrührende Gefangenschaft gefluteter Gräser sichtbar zu machen.
Unterstützt von seinem Kameraformat, das zwischen der Horizontalen und der
Vertikalen die Waage hält, interessiert er sich nicht für die Landschaft als
piktoriale Fügung, sondern für ihre Phänomene: ein Wind, ein Schatten, eine
Nuance im Restlicht unter bedeckten Himmeln. Von der Heideprärie sucht er, der
Flaneur mit psychedelischen Neigungen, den Übergang zu den
"Agrarlandschaften" – so hieß Heinrich Riebesehls norddeutscher
Bilderzyklus, die systematische Fortsetzung des Themas mit Hilfe des Automobils.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1103 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau