Vielleicht werden wir ja alle verrückt von Ulla Berkéwicz, 2002, Suhrkamp1.) - 3.)

Vielleicht werden wir ja alle verrückt. Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus.
Essay von Ulla Berkéwicz (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Ulrich Speck in der Frankfurter Rundschau, 25.7.2002:

Sodom und Gomorrha
Ulla Berkéwicz entwirft ein apokalyptisches Szenario

Ein merkwürdiges, ein eigenartiges Buch. Was Ulla Berkéwicz jetzt, nach einer Reihe von Romanen, vorlegt, ist ein Buch an der Grenze der Genres; am treffendsten könnte man es wohl als literarischen Essay bezeichnen. Theologische Erwägungen und zeitdiagnostische Erörterungen wechseln ab mit erzählerischen Passagen, nicht fiktionalen, sondern literarisch eingepassten autobiografischen Fragmenten. Doch auch die essayistischen Teile folgen eher dem Prinzip der Assoziation, auch hier gibt sich Berkéwicz mehr dem Fluss der Gedanken hin als diesen streng nach den Regeln wissenschaftlicher Argumentation zu organisieren. Das macht den Reiz des Buches aus; bezeichnet aber zugleich auch seine Grenze.

Vielleicht werden wir ja alle verrückt, der Titel ist ein Zitat des Erfinders des Begriffs der Virtuellen Realität, Jaron Lanier. Er dient zugleich als immer wiederkehrendes Leitmotiv, das das Buch in der Schwebe hält und keine letzte Gewissheit aufkommen lässt, auch dort nicht, wo Ton und Urteile entschieden werden. Der Untertitel bezeichnet den Gegenstand, um den sich die Erörterungen und Erinnerungen drehen: Orientierung in vergleichendem Fanatismus, mit anderen Worten, ein Versuch, dem drohenden Verrücktwerden angesichts der Weltlage nach dem 11. September rettende Wegmarken entgegenzusetzen. Als Markierungs- und Orientierungspunkt dient die Kategorie des Fundamentalismus: Im westlichen Rassismus, im Islamismus und im radikalreligiösem Judentum erkennt Berkéwicz Symptome einer Krankheit, die den Namen Fundamentalismus trägt. Fundamentalismus ist das Böse schlechthin, eine satanische Kraft, ein Missbrauch religiöser Energie, der in Krisenzeiten blüht.

In ihrem ersten Kapitel zeichnet Berkéwicz das Bild einer solchen Krise, der gegenwärtigen nämlich: eine "Schreckerfahrung", die durch "keine Deutertradition" aufgehoben wird. Überall sieht sie Niedergang und Untergang, in einem Ton, der an die Apokalypsen der Expressionisten kurz vor dem Ersten Weltkrieg erinnert: "die Schrift flammt, die Welt geht unter", "der Konsument irrt einsam übern Markt, der Käufer, der Käfer, schreit ‚Hu' vor Einsamkeit, die Konservendosen sind erschüttert und fallen um, erschlagen den Käfer, den Käufer". Berkéwicz stimmt ein in den Choral einer radikalen Modernekritik, wobei der Schuldige feststeht: der Markt, die "Westwelt", das "Imperium americanum", das alle Werte unter sich begräbt, alles Wertvolle verdampfen lässt, Sodom und Gomorrha.

An das dramatische Eingangsszenario schließen sich drei Kapitel an, die den drei Fundamentalismen nachspüren: dem islamischen, dem christlichen und dem jüdischen. Aus den heiligen Texten, aus breitgestreuten Lektüren und persönlichen Erlebnissen gewinnt Berkéwicz ihr Material, das sich zu einer Unheilsgeschichte verdichtet. Der Islam hat die Vernunft - "der morgenländischen Weisheit erster und letzter Ratschluss" - verloren und damit dem islamistischen Terror den Boden bereitet. Im Judentum sind zwar nur wenige von "Vaterlandswahn und Erlösungsterror" erfasst, doch auch aus Herzls Traum droht ein Albtraum zu werden, zerrieben zwischen "amerikanischer Lebensart" und messianischer Heilserwartung. Und der christliche Fundamentalismus stürzt Amerika ins Verderben, er ist der Motor des "programmierten Untergangs", des "Umkippens unseres technisch-wissenschaftlichen Kapitalismus in ein Regime der Katastrophen".

Der Fundamentalismus ist unser Verderben, er bedroht uns von allen Seiten und Rettung ist eigentlich nicht in Sicht - das ist, zusammengefasst, die wenig erfreuliche Botschaft. Doch wer das Buch darauf reduziert, der wird ihm nicht gerecht. Denn Berkéwicz bietet, zumal in ihrem Kapitel über Judentum und Israel, eine Fülle von erwägenswerten Ein- und Ansichten, auch von Provokationen, die nicht unbedingt sämtlich in der These aufgehen. Was den Reichtum und Reiz des Buches ausmacht, sind weniger die Haupt-, sondern die Nebenwege.

Das gilt in besonderem Maße für die zahlreichen autobiographischen Einschübe. Auch wenn diese dazu gedacht sind, als exemplarische Erzählungen die These zu stützen, gewinnen sie doch ein Eigenleben, das sich der Botschaft nicht unterwirft: Das Doktorspiel mit dem kleinen Ali ist eben auch umwerfend komisch, die Erinnerung an die Clique in der Hanauer Milchbar von 1967 ist eine wunderbare Skizze jugendlicher Verwirrung kurz vor Ausbruch der Revolte. Den tiefsten Eindruck hinterlassen die Israel-Szenen: das Treffen mit der Witwe von Gershom Scholem im Mai 1988 in einem arabischen Restaurant in Jerusalem, bei dem Fania Scholem der Autorin das Jüdischsein bestreitet, trotz deren jüdischen Omas, oder das Treffen im Jahr darauf, bei dem Fania Scholem erzählt, wie 1940 die sieben größten praktizierenden Kabbalisten zu Gershom kamen, um von ihm das Wort zu bekommen, das Hitler tötet.

Es sind solche Miniaturen, in denen sich die entschiedenen Urteile wieder verflüssigen, in denen sich die Eindeutigkeit verliert. An die Stelle der großen Wahrheit tritt die Wahrhaftigkeit der scharf beobachteten kleinen Szene, geschrieben in einem Ton der Ironie und der Distanz, doch nie im Gestus der Entlarvung, sondern stets voller Neugier, Wärme und Respekt für die Würde ihrer Figuren. Auch wenn Berkéwicz in ihren essayistischen Passagen ein Szenario des Untergangs heraufbeschwört, so vermitteln ihre erzählerischen Passagen zugleich die Hoffnung, dass es ganz so schlimm doch noch nicht um uns steht. In der Geschichte über Sodom heißt es: Wenn sich zehn Gerechte finden, wird die Stadt nicht zerstört werden. Einigen Kandidaten für diese Rolle scheint Berkéwicz immerhin schon begegnet zu sein. Vielleicht lässt sich ja der Untergang doch noch aufhalten, allem Fanatismus zum Trotz.

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Vielleicht werden wir ja alle verrückt von Ulla Berkéwicz, 2002, Suhrkamp2.)

Vielleicht werden wir ja alle verrückt. Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus.
Essay von Ulla Berkéwicz (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Hanno Helbling in der Neue Zürcher Zeitung, 17.8.2002:

Rhapsodie in Grau
Ein Essay von Ulla Berkéwicz

Wenn Fanatismus vergleichen könnte, wäre schon viel gewonnen. Aber der Untertitel, den Ulla Berkéwicz ihrer neuesten Publikation gegeben hat: «Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus», ist nicht so gemeint. Vergleichen sollte die «Orientierung», die drei Fanatismen zum Gegenstand hat. Oder Fundamentalismen? Auch diesen Begriff nimmt die Autorin mitunter zu Hilfe; was die Konturen ihrer Komparatistik verwischen muss, wo sie nicht ohnehin dazu neigen, sich in Grautöne aufzulösen. Die Rede ist also von der fanatischen Orthopraxis des Islams, von fundamentalistischer Orthodoxie im Judentum, sowie auch vom Irrweg des - fanatischen? fundamentalistischen? oder vielleicht: des von Panik befallenen? - Westens. Und Panik scheint allerdings aus dem Haupttitel des Essays zu sprechen: «Vielleicht werden wir ja verrückt». Ein Satz, oder ein Ausruf, des Universalwissenschaftlers und -künstlers Jaron Lanier.

Ulla Berkéwicz kann ihre Orientierung - eher: ihr Stimmungsbild - durch Belesenheit, was den Islam betrifft, und durch persönliche Erlebnisse, Bekanntschaften, mit Exponenten des jüdischen Geisteslebens legitimieren. Es gelingen ihr Lageberichte aus Israel, die schwere Spannungen zwischen Religion und Staat, Gläubigkeit und Wissenschaft anschaulich machen. Was zwar jedermann weiss, hat sie immerhin gesehen. Ihr Versuch, Dämonien der amerikanischen Gesellschaft zu schildern (und in deutschen Jargon zu transkribieren), bleibt vergleichsweise flüchtig. Formen des Manichäismus in politischen Abwehrhaltungen nachzuweisen, ist eine zwar wichtige Aufgabe, der aber schon viele Autoren - von denen manche auch hier zitiert werden - nachgekommen sind: an Ort und Stelle, mit entsprechend höherem Anspruch auf Authentizität, als eine Nachlese ihn einlösen kann....Fortsetzung

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Vielleicht werden wir ja alle verrückt von Ulla Berkéwicz, 2002, Suhrkamp3.)

Vielleicht werden wir ja alle verrückt. Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus.
Essay von Ulla Berkéwicz (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Yizhak Ahren in der Jüdische Allgemeine:

Erlösungsterrorismus
Ulla Berkéwicz' Essay über den religiösen Fundamentalismus

Die Anschläge vom 11. September haben einen Schock ausgelöst, an dem viele Menschen immer noch zu knabbern haben. Erschüttert sind wir nicht nur wegen der zahlreichen Opfer, sondern weil uns plötzlich deutlich geworden ist, was heute möglich ist und morgen da und dort wieder passieren könnte. Doch Entsetzen allein ist keine Antwort. Will man die Hintergründe der Anschläge begreifen, kommt man deshalb nicht umhin, ihren religionsgeschichtlichen und kulturpsychologischen Hintergrund zu untersuchen.

Ein solches Projekt hat die Schriftstellerin Ulla Berkéwicz betrieben und die Ergebnisse ihrer mehrjährigen Forschungsarbeit in einem jetzt veröffentlichten Essay zusammengefaßt. Als Titel wählte sie einen aufschreckenden Satz von Jaron Lanier, dem Erfinder des Begriffs „Virtual Reality“: Vielleicht werden wir ja verrückt. Mehr über den Inhalt des schmalen Bandes verrät der Untertitel: Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus. Die Autorin hat nämlich nicht nur die Ideologie der islamischen Fanatiker untersucht, sondern auch die des jüdischen und christlichen Fundamentalismus.
Der Vergleich zwischen den verschiedenen fundamentalistischen Bewegungen läßt jeweilige Besonderheiten hervortreten, aber auch Gemeinsamkeiten: „Was haben westlicher Rassismus, Islamismus und radikalreligiöses Judentum gemein? Fanatismus und Mystifikation von Geschichte“, schreibt Berkéwicz und fährt fort: „Es ist, als ob der amerikanische Fundamentalismus weder gegen den islamischen noch gegen den jüdischen Fundamentalismus stünde, als ob sie alle zusammenspielten aus den verschiedensten Richtungen in Richtung auf ein und dasselbe Ziel, als ob sie alle einem gemeinsamen morphogenetischen Feld entstammten, das sich über diese ganze geschun- dene Erde zieht und jederzeit zu Strahlung kommen kann, um tausendjährige Reiche zu erzeugen.“ Diese These ist der Autorin so wichtig, daß sie sie auch auf die hintere Umschlagseite hat drucken lassen.
Aber was heißt für Berkéwicz „Fundamentalismus“? „Fundamentalismus ist ein uraltes Menschengebaren, nur das Wort ist neu. Früher hieß es Fanatismus, Dogmatismus, Wahn. Fanatismus ist älter als jedes religiöse oder politische System, ist Teil der Menschennatur.“ Zur Entstehung des Phänomens stellt sie fest: „Fundamentalismus gedeiht in Krisenzeiten, in Zeiten der Orientierungslosigkeit und der Entwurzelung. Lösung und Heilung werden dann in politischen Lehren und religiösen Kulten gesucht.“
Berkéwicz ist eine Gegnerin des religiösen Fundamentalismus jedweder Couleur. Das heißt jedoch nicht, daß sie gegen die Religion selbst argumentiert; im Fundamentalismus, der unter bestimmten Umständen Versuche unternimmt, die Erlösung durch Terrorakte zu beschleunigen, sieht sie eine Entstellung der überlieferten Religion. So zitiert sie aus der innerjüdischen Diskussion zum Beispiel einen frommen Rabbiner, der die Ideologie der radikalen Nationalreligiösen in Israel als eine große Sünde bezeichnet.
Die Ausführungen von Berkéwicz können auch helfen, das erstaunliche Phänomen der islamischen Selbstmordattentäter zu begreifen, bei denen keine rationale Strategie zu erkennen ist: „Der Islam verbietet den Selbstmord. Der Koran sagt, ein Selbstmörder hätte den Verlust des Diesseits und des Jenseits zu erleiden. Der Heilige Krieg aber bestätigt die Ausnahme: Gotteskämpfer dürfen sich als ‘Freiwillige des Martyriums’ melden, von dem Statthalter Allahs auf Erden eingesetzt, begehen sie nicht Selbstmord, sondern legen Blutzeugnis ab für ihren Glauben, erleiden das Martyrium.“ Der Fundamentalismus nutzt also eine Ausnahmeregelung, um die überlieferte Tradition auszuhebeln; durch Überbewertung eines Punktes wird das religiöse System umfunktioniert. Islam, Islamismus und Terrorismus darf man dabei nicht gleichsetzen. Die bekannte italienische Journalistin Oriana Fallaci, die dies in ihrem polemischen Buch Die Wut und der Stolz gegen den Islam tat (soeben auf Deutsch bei List erschienen), hat sich damit viel Ärger und sogar eine Klage wegen Volksverhetzung eingehandelt.
Berkéwicz hat in ihrem Essay unterschiedliche Textarten kunstvoll ineinandergeschoben: Referate, Reflexionen, Zitate, Tagebuchaufzeichnungen und damit ohne Zweifel ein lesenwertes Buch geschrieben. Anzuerkennen sind die gelungenen Beschreibungen überaus komplexer Phänomene und die spürbare Bemühung, Vorurteile aufzubrechen und Klischees zu vermeiden. Vieles ist informativ und unterhaltsam, manches aber auch verzichtbar: Die Passagen über die Geschichte ihrer Familie hätte die Autorin besser für ein anderes Buch aufgespart. Auch wage ich zu bezweifeln, ob die Nachwelt erfahren muß, daß die inzwischen verstorbene Witwe des Kabbalaforschers Gerschom Scholem einen unmäßigen Appetit hatte und den Philosophen Hans Jonas nicht leiden konnte. Die Kritik braucht auch nicht zu verschweigen, daß der Essay schwache Stellen aufweist. Auf den Antiamerikanismus der Autorin hat bereits Hannes Stein in der Welt hingewiesen. Hier sei vermerkt, daß auch das Kapitel über das Judentum nicht einwandfrei ist: es wird der Eindruck erweckt, den Haredim in Mea Schearim sei es nach dem jüdischen Religionsgesetz erlaubt, Menschen, die den Schabbat entweihen, mit Steinen zu bewerfen; das ist sachlich falsch und sollte in der nächsten Auflage korrigiert werden.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

Leseprobe I Buchbestellung 0902 LYRIKwelt © Jüdische Wochenzeitung