Victor Hugo und die Versuchung des Unmöglichen von Mario Vargas Losa, 2006, SuhrkampVictor Hugo und die Versuchung des Unmöglichen.
Essay von Mario Vargas Llosa (2006, Suhrkamp - Übertragung Angelica Ammar).
Besprechung von Leopold Federmair in der Neue Zürcher Zeitung vom 29.4.2006:

Ehrenrettung eines Romantikers
Mario Vargas Llosa über sein Nicht-Vorbild Victor Hugo

Dass Mario Vargas Llosa nicht nur grosse Romane, sondern auch Essays schreiben und mit den Methoden der Literaturkritik umgehen kann, weiss man spätestens seit seiner Arbeit über Gabriel García Márquez. Im Buch über Victor Hugo, dessen «leicht monströses» Hauptwerk, «Die Elenden», er zuerst als halbwüchsiger Schüler einer peruanischen Kadettenanstalt las, bewegt er sich in einem Jahrhundert, das ihn mehrere Jahre umgetrieben hat: das neunzehnte. Es ist die Zeit der grossen Utopien, des ausgreifenden Geschichtsdenkens und des Todes des christlichen Gottes, an dessen Existenz Victor Hugo noch ohne zu zweifeln festhielt. Eine erste Frucht dieser Beschäftigung des Peruaners, der als junger Autor jahrelang in Paris lebte, war der Roman «Das Paradies ist anderswo», der in zwei voneinander unabhängigen Strängen von der politischen Agitatorin Flora Tristán und dem Maler Paul Gauguin erzählt.

Da Leben und Werke Victor Hugos in Frankreich schon oft durchleuchtet wurden, kann Vargas Llosa guten Gewissens darauf verzichten, der unüberschaubaren Sekundärliteratur ein weiteres Scherflein hinzuzufügen. Vielmehr demonstriert er an «Die Elenden» eine These, die seine Reflexion und sein Schreiben seit langem bestimmt: Erzählliteratur, besonders das Genre des Romans, sei eine höhere Form der Lüge. Auch in dem geschichtsschwangeren und detailbesessenen Werk Hugos geht es nicht um die Widerspiegelung der Wirklichkeit, sondern um ihre Entgrenzung und Überhöhung. Es konfrontiert den Leser, der das «Hochsicherheitsgefängnis des realen Lebens» gewöhnlich nicht verlassen kann, mit der multiplen Welt des Unmöglichen.

Genau darum ist es Vargas Llosa in seinen eigenen Fiktionen zu tun, auch wenn er, im Unterschied zu Hugo, der sich zum «göttlichen Stenographen» aufschwingt, nicht mehr an Gott glaubt und – deshalb? – auch in seinem Werk eine bescheidenere Haltung einnimmt. «Die Elenden» sind nach Vargas Llosa ein vormoderner Roman; in der Moderne, die er mit dem Agnostiker Flaubert beginnen lässt, treten der Autor und meist auch sein Erzähler hinter die Figuren und Handlungsgeflechte zurück.

Vargas Llosa bemüht sich erst gar nicht, Begriffe wie «Moderne» zu definieren. Was als noch-nicht-modern gilt, hängt seit je von der Einschätzung (oder dem Empfinden) der eigenen Gegenwart ab. Seltsamerweise assoziiert Vargas Llosa Modernität durchwegs mit dem Erzeugen von Illusion – jener Illusion nämlich, die den Leser dazu bringt, an die Wirklichkeit des Gelesenen zu glauben, obwohl es unwirklich ist und er sich dieser Tatsache oft auch bewusst ist. Der Brechtsche Verfremdungseffekt oder die Romanpoetik eines James Joyce wären demnach nicht modern, erst recht nicht der Erzähldadaismus des Argentiniers Macedonio Fernández, der sich bei seinen Desillusionierungsversuchen auf Miguel de Cervantes berief.

Der Romancier Vargas Llosa bewegt sich eben auf anderen Spuren – Victor Hugo dient ihm nicht zur Identifikation, sondern zur bewundernden Abgrenzung. Berührend an seinem Essay ist das Bestreben des Pragmatikers Vargas Llosa, eine Ehrenrettung des heillosen Romantikers zu vollbringen. Nicht dadurch, dass er ein Auge zudrückt vor dem wuchernden, unbeherrschten Charakter dieses Erzählens, vor den zahllosen Übertreibungen, der Schematik mancher Figurenentwürfe, der Sentimentalität, dem masslosen Ehrgeiz, sondern indem er zeigt, wie die poetische Kraft sich inmitten all dieser Charakteristika, dieser «Unglaubwürdigkeiten» behauptet und das Unmögliche möglich macht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0506 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © NZZ