1.)
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Verse
auf Leben und Tod.
Roman
von Amos Oz
(2008, Suhrkamp - Übertragung Mirjam
Pressler).
Besprechung von Renate Wiggershaus in der Frankfurter Rundschau, 24.6.2008:
Wie ein Taschendieb
Das jüngste Buch des renommierten israelischen Autors, dem
jetzt der Heinrich-Heine-Preis der Stadt
Düsseldorf zugesprochen wurde, hebt an mit einem Gewitter von Fragen, die
Schriftstellern und dem Publikum von Schriftsteller-Auftritten nur allzu
vertraut sein dürften: Warum schreiben Sie? Entspringt Ihre Geschichte der
Phantasie oder dem wirklichen Leben? Könnten Sie "ganz kurz in eigenen Worten"
erklären, was Sie mit Ihrem letzten Buch sagen wollten?
Amos Oz mokiert sich nicht über diese stereotypen Fragen. Vielmehr antwortet er
geradezu lustvoll in immer neuen Anläufen darauf. Nicht nur die Literatur, auch
das Leben bildet für ihn eine Mischung aus Fakten, Fiktion und Imagination. Mehr
noch als das Erlebte verlockt das Erfundene ihn zur Literarisierung, zur
Verwendung von Stilmitteln wie Übertreibung, Sarkasmus, Groteske, Ironie und
Humor, die seiner Erzählkunst das spezifische Flair von Frische und Vitalität,
Pathos und Spannung verleihen.
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finden Sie unter
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Leseprobe I Buchbestellung I home 0708 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau/R.W.
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2.)
Verse
auf Leben und Tod.
Roman
von Amos Oz
(2008, Suhrkamp - Übertragung Mirjam
Pressler).
Besprechung von Sebastian Karnatz aus dem titel-magazin
vom 14.7.2008:
Der
Geist der Erzählung
Der wohl bedeutendste lebende Autor
Israels, Amos Oz, entführt uns in seinem neuen Roman Verse auf Leben und Tod
in die fabelhafte Welt der Imagination, in der zwischen Sein und Schein kein
Unterschied mehr besteht.
Die Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen, ist die
Welt des Schriftstellers. So zumindest suggeriert es uns Verse auf Leben und
Tod, der neue Roman des frischgebackenen
Heinrich-Heine-Preisträgers
Amos Oz: Ein bedeutender, zeitgenössischer israelischer Schriftsteller geht
seinem Tagwerk nach. Er bereitet sich auf eine Lesung im Kulturzentrum „Schunja
Schor und die sieben Toten vom Steinbruch“ in Tel Aviv vor. Die Mitglieder des
Lesekreises „Das gute Buch“ erwarten ihn bereits sehnsüchtig, während er in
einem kleinen Café noch seinen Tagträumen nachhängt.
Nun wird der aufmerksame Leser dieser Rezension bereits eine Vermutung haben, in
welche Richtung sich diese Geschichte eigentlich entwickeln müsste: Es kann sich
doch hier nur um eine Satire auf den schwiemelig-verbiesterten Kulturbetrieb
handeln, oder? In der Tat könnte man Verse auf Leben und Tod als eine
solche lesen. Wunderbare Figuren wie der selbstherrliche Kulturbeauftragte
Jerucham Schdemati oder die vollkommen verschüchterte Vorleserin Rochele Resnik
entstammen deutlich dem farbenfrohen Reich der Parodie. Auch der
Literaturexperte Jakir Bar-Orjan, der das neueste Werk des Autors nach allen
Regeln der poststrukturalistischen Literaturwissenschaft dekonstruiert, erweist
sich als dankbare Zielscheibe beißenden Spotts:
Deshalb stützte er (der Schriftsteller, Anm. d. Verf.) beide Ellenbogen auf
den Tisch, (...) während der Literaturexperte, dessen sommersprossige Glatze im
Deckenlicht glänzt, (...) verborgene Strukturen aufdeckt, Ebenen und Stufen
unterscheidet, überraschende Zusammenhänge herstellt, sich in die tiefsten
Gründe versenkt und dann wieder an die Oberfläche aufsteigt, um schwer atmend
den Schatz zu präsentieren, den er aus der Tiefe geborgen hat, Codes
entschlüsselt (...).
Es muss uns nicht verwundern, dass dieser Satz noch rund eine Seite lang
fortgeführt wird. Jedoch ist Verse auf Leben und Tod nicht nur eine
Satire auf höchstem Niveau. Der große Erzähler Amos Oz will selbstverständlich
weit mehr als das. Sein kleiner Roman, den man im Übrigen mit gutem Recht auch
ganz altmodisch eine Erzählung nennen könnte, ist ein gekonntes Spiel mit
verschiedenen Realitätsebenen, das schließlich zu einer allgemeinen Reflexion
über das Leben eines Schriftstellers bzw. gar über das Leben an sich mutiert.
Beobachter und Regisseur
"Mancher Kluge hat keinen Geist/ Und mancher Narr ein grosses Herz,/und manche
Freude endet im Schmerz,/und niemand versteht, was ihn selber treibt." So lautet
das leitmotivisch eingesetzte Motto des Romans, das Oz dem Werk des vergessenen
israelischen Dichters Zefanja
Beit-Halachmi
entlehnt. Diese im Grunde genommen etwas alberne Spruchweisheit bestimmt die
Entwicklung des Romans, denn tatsächlich weiß keiner so genau, was den Text und
seine Figuren eigentlich vorantreibt. Es ist der Schriftsteller selbst, der – um
mit einem Bild Thomas Manns zu sprechen
– vom „Geist der Erzählung“ nur schwer zu unterscheiden ist. Der Schriftsteller
träumt sich in eine Parallelwelt ein. Der leicht verrutschte Slip einer
Kellnerin wird zum Ausgangspunkt einer abstrusen ménage à trois, das
aufmerksam-verträumte Gesicht eines jungen Zuhörers gibt Anlass zur
Rekapitulation der eigenen Jugend.
Der Schriftsteller bemächtigt sich seiner Umwelt, er eignet sich das Leben
seiner Mitmenschen an, um es zu Literatur zu transformieren. So ist Verse auf
Leben und Tod auch Ausdruck der heimtückischen Macht der Phantasie, die in
der Lage ist, aus Lebenden Sterbende, aus Glücklichen Tieftraurige zu machen.
Nur der Autor selbst steht in dieser Welt sprichwörtlich draußen vor der Tür. Er
ist zugleich Beobachter und Regisseur, das Bindglied zwischen Realität und
Imagination. Symbolhaft stellt Oz dies in der nächtlichen Affäre des
Schriftstellers mit der verschüchterten Vorleserin Rochele dar. Ob jenes
erotische Treffen nach einem eher verkorksten Auseinandergehen der beiden nun
tatsächlich stattgefunden hat, oder es – wie eben so vieles andere auch – nur
eine Ausgeburt der dichterischen Phantasie war, bleibt offen. Sein und Schein
sind eben doch enger verschränkt, als manche meinen.
Ein brillantes Alterswerk
Nichts läge Amos Oz jedoch ferner als eine hoch intellektualisierte Mischung aus
Satire und fröhlichem postmodernen Ebenenwechsel- und Anspielungsversteckspiel –
auch wenn die poststrukturalistischen Ausführungen des lokalen
Literaturkritikers natürlich perfekt auf den vorliegenden Roman passen würden.
Oz bleibt bei aller Finesse vor allem eines: ein begnadeter Erzähler. So ist die
Rochele-Episode in ihrer zögernden Zärtlichkeit und aufbrausenden libidinösen
Rauschhaftigkeit ein Musterbeispiel hochliterarischer Erotik; so entlarvt das
Spiel mit Realität und Imagination die Melancholie, die paradoxe Tristesse des
vermeintlich wahren Lebens und Sterbens.
Verse auf Leben und Tod ist eines jener kleiner Werke, die trotzdem den
Keim zu Großem in sich tragen – eine zugleich humorvolle und tieftraurige
Reflexion über die menschliche Existenz. Dass der mit seinen Versen stets
präsente, fast vergessene Dichter
Zefanja
Beit-Halachmi
am Ende sterben muss, erscheint dem Leser als nahezu folgerichtig; dass er wohl
nur ein Produkt der Phantasie des Autors ist, ebenso. Von ihm bleiben uns
lediglich wenige Zeilen und der Titel eines wohltuend unaufgeregten, stilistisch
brillanten Alterswerks eines der größten lebenden Schriftsteller unserer Zeit.
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