Verschwörung egegen Amerika von Philip Roth, 2005, Hanser1.) - 2.)

Verschwörung gegen Amerika.
Roman von Philip Roth (2005, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Wolfram Schütte aus dem titel-magazin vom 22.8.2005:

Die Verwandlung in Newark
Der längst literaturnobelpreiswürdige amerikanische Erzähler Philip Roth hat sich in seinem jüngsten Roman das Schicksal der amerikanischen Juden ausgemalt, wenn 1940 der isolationistische und antisemitische Fliegerheld Charles A. Lindbergh US-Präsident geworden wäre und nicht Franklin D. Roosevelt. In einer fingierten autobiographischen Erinnerung blickt er mit den Augen des siebenjährigen Philip Roth auf die „Verschwörung gegen Amerika“, deren Zeuge, Opfer und Täter er im Kreise seiner erodierenden Familie möglicherweise geworden wäre – wenn es so gekommen wäre, wie der einundsiebzigjährige Romancier es sich hat alpträumen lassen.

„Angst beherrscht diese Erinnerungen, eine ständige Angst. Natürlich hat jede Kindheit ihre Schrecken, doch ich frage mich, ob ich als Kind nicht weniger Angst gehabt hätte, wenn Lindbergh nicht Präsident gewesen oder ich nicht das Kind von Juden gewesen wäre.“ Wer wie der 71jährige Philip Roth seinen neuen Roman „Verschwörung gegen Amerika“ derart beginnt, gibt gleich zu Beginn dessen Klima an: Angst. Ständige Angst als Grundbestimmung einer Erinnerung an seine Kindheit. Der Autobiograph läßt uns Leser nicht im unklaren über die Gründe seiner „ständigen Angst“: Es ist zum einen die Präsidentschaft Lindberghs und zum anderen die bekannte Tatsache, daß er „das Kind von Juden ist“. Das jüdische Kind und der US-Präsident – in einem Satz enggeführt & auf einander bezogen: das war die Quelle ständiger Angst des jungen Philip Roth.

Nur: wie man weiß, ist Lindbergh nie Präsident der USA gewesen, er hat sich noch nicht einmal um das Amt beworben. Wer seine autobiographische Erinnerung mit einer solchen historischen Lüge beginnt: ist dem zu (ver)trauen? Was ist von einer „ständigen Angst“ zu halten, wo doch zumindest einer ihrer Gründe gar nicht vorhanden war?

Bedürfte es noch eines Beispiels sowohl für die Kunst der „Wahrlüge“ des Romans (Vargas Llosa), als auch für die seinssetzende Genialität eines Romananfangs: hier wäre es gegeben. Philip Roth, der Franz Kafka zu seinem Meister erklärt hat, geht dabei noch über dessen literarische Paukenschläge hinaus, mit denen „Die Verwandlung“ oder „Der Prozeß“ eröffnet wurden („Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“ / „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“).

Der amerikanische Schüler des Prager Meisters wagt nämlich noch mehr, er spielt mit noch höherem Einsatz gegen die Wirklichkeit & Wahrscheinlichkeit unseres sicheren Wissens: indem er seinen Roman der historischen Realität implantiert und ihn sogar noch als subjektive, autobiographische Erinnerung behauptet. Ein starkes Stück.

Aber ist nicht Philip Roth jener Autor, der wie kein zweiter sein Judentum zum Dreh-& Angelpunkt seines gesamten Werkes gemacht hat? Und gibt es – außer vielleicht dem Argentinier J. L. Borges – noch einen zweiten Schriftsteller von weltliterarischem Rang, der das Verwirrspiel mit seinem Namen, seiner Person und seiner Biographie derart virtuos entfaltet hat, wie Philip Roth alias „Philip Roth“ alias Nathan Zuckermann?

Der fiktive Philip Roth

Philip Roth hat das in der amerikanischen Populär- & Trivialkultur weit verbreitete Human-Interest- & Gossip-Getratsche als ironisch genutzte Camouflage in seinen Romanen kultiviert, um desto freier, aber auch im Blickkontakt mit der Realität, seiner epischen Phantasie Auslauf geben zu können. Kritiker und Leser haben dann weitläufig Gelegenheit, sich über Wahrheit & Lüge, Fakten & Fiktionen in seinen Büchern den Kopf zu zerbrechen – nachdem der Autor diese Leimrute ausgelegt, ihnen solche Fallen gestellt hat und die derart Gefesselten literarisch an der Nase herumführen kann.

Seine jüngste erzählerische Falle hat er nun als persönliche Erinnerung, als autobiographisches Geständnis aufgestellt. Seine „Verschwörung gegen Amerika“ trägt sich zwischen dem siebten und neunten Lebensjahr des 1933 geborenen Autors zu, also 1940/42, und zwar in der Summit Avenue in Newark, wo er mit seinen Eltern Herman & Bess Roth, seinem zwölfjährigen Bruder Sandy und dem einundzwanzigjährigen, verwaisten Cousin Alvin „im ersten Stock eines kleinen Zweieinhalbfamilienhauses“ in einer „glücklichen Familie“ lebte. Soweit so gut, so autobiographisch und (wahrscheinlich) auch: „wahr“ (bis hin zur Telefonnummer seiner Eltern). Das heißt aber auch: von „ständiger Angst“ des jungen Philip Roth war da keine Spur: in der Realität jener Jahre. E

rst der siebzigjährige Schriftsteller, der gar keine Autobiographie seiner glücklichen Jugend schreiben wollte, beschäftigte sich mit der Frage, warum er 1940 im jüdischen Wohnviertel von Newark keine Angst zu haben brauchte und warum er, seine Familie und die jüdischen Bürger der USA doch noch einmal daran vorbeigekommen sind, wie andere Juden zur damaligen Zeit (vor allem in Europa), in „ständiger Angst“ um ihre nackte Existenz leben zu müssen.

Eine historische Erinnerung an den Isolationismus

Denn Antisemitismus und Faschismus waren nicht auf Europa beschränkt. Es gab ihn auch in den USA – vorallem unter jenen einflussreichen isolationistischen Gruppen und Bewegungen, die wie das „America First Committee“ die USA aus dem „europäischen Krieg“ um jeden Preis heraushalten und das Großbritannien Churchills allein lassen wollten im Kampf gegen den siegreichen Nationalsozialismus, in dem die US-Isolationisten sogar ein „Bollwerk“ und in Hitler einen Kämpfer gegen den Kommunismus begrüßten.

Die prominentesten und populärsten Isolationisten waren zum einen: der Inbegriff des amerikanischen Selfmademan & Großindustriellen, der Automobilhersteller Henry Ford, der sein vierbändiges antisemitisches Pamphlet: „Der internationale Jude: Das Problem der Welt“ über seine Händler vertreiben ließ; und zum anderen: sein intimer Freund, der „All American Hero“ Charles A. Lindbergh, der als erster Mensch allein in seinem „Spirit of St.Louis“ den Atlantik überquert hatte.

Beide waren Träger des „Deutschen Adlerordens“, einer Auszeichnung für Ausländer, die sich um „das Deutsche Reich verdient gemacht“ hatten. Lindbergh hatte die Auszeichnung noch 1938 aus Görings Händen und auf Hitlers Wunsch in Berlin entgegen genommen. Es war schließlich Lindbergh, der in einer absolut rassistischen Rede für das „America First Committee“ im September 1941 (also drei Monate vor dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour!) die Frage „Wer sind die Kriegstreiber?“ gestellt und sie mit der „britischen Rasse“, der „jüdischen Rasse“ und der „Roosevelt-Regierung“ beantwortet hatte. Wer kannte aber diese historischen Fakten noch, die Philip Roth zusammen mit anderen Dokumenten und Kurzbiographien historischer Personen in einem 26seitigen (!) Glossar seinem Roman anfügt? Wohl kaum noch jemand in den USA und gar keiner in Europa.

In einem Essay zum Erscheinen des Buchs hat Roth erklärt, er sei in einer Roosevelt-Biografie des amerikanischen Historikers Arthur Schlesinger jr. auf die Mitteilung gestoßen, einige Republikaner hätten die Absicht gehabt, den Fliegerheros Lindbergh als Präsidentschaftskandidaten gegen Roosevelt 1940 aufzustellen, als dieser – was bislang einmalig und deshalb heftig umstritten war – für eine dritte Amtszeit kandidierte (& gewählt wurde). „Was, wenn sie es getan hätten?“, habe er sich damals gefragt – und nach dreijährigen historischen Recherchen und der Arbeit an seinem Roman „Verschwörung gegen America“ versucht, darauf eine Antwort zu geben.

Die Antwort des Romanciers ist der uns nun vorliegende „uchronische“ Roman, der eine möglichst schlüssige Alternativ-Vergangenheit erfindet, in dem der Erzähler Philip Roth eine umfassende Wahrscheinlichkeitsrechung aufmacht. Von dem bekannten historischen Personal und der historischen & gesellschaftlichen Situation ausgehend, „rechnet“ Philip Roth deren mögliche Entwicklung zu einer „Verschwörung gegen Amerika“ „hoch“ und malt sich vorallem die „Kollateralschäden“ einer solchen Faschisierung der USA auf die eigene Familie und die gesamte „Jewish Community“ aus.

Historischer Roman einer Möglichkeit

Lindbergh versus Roth – das ist die konzeptionelle Versuchsanordnung eines als autobiografische Reminiszenz fingierten Historischen Romans, wobei der autobiografische Charakter ihm am Schlüssigsten erlaubte, die notwendigen historischen Erfindungen in die Erzählung einzuflechten, sie zu erläutern und zu kommentieren. Wie alle uchronischen Romane hat auch dieser jedoch das Problem, am Ende sich wieder in die „wirkliche“ Historie einklinken zu müssen. Leicht ist der Ausstieg aus der historischen Realität mit der fiktiven Wahl Lindberghs zum Präsidenten und deren Folgen. Aber wie kommt man von dort wieder zurück? Philip Roth läßt nach nur zwei, wenngleich folgenreichen Amtsjahren den wortkargen Flieger-Präsidenten auf einem Alleinflug (wie Orson Welles´ „Mr. Arkadin persönlich“) spurlos verschwinden. Lindbergh hat seine konzeptionelle Schuldigkeit als Auslöser einer historischen Katastrophe getan. Im Verlauf der seinem Verschwinden folgenden Unruhen sorgen Gerichte und Nationalgarde dafür, daß der offen faschistische Vizepräsident verhaftet und Roosevelt doch noch Präsident wird, die USA in den Weltkrieg eingreifen – und des jungen Philip Roths „ständige Angst“ während des Lindberghschen Interregnums von ihm weicht, allerdings hat er dadurch das Glück seiner Kindheit und sein Grundvertrauen in die amerikanische Welt verloren: im Roman, versteht sich.

Erkennbar hat der Romanciers diese Haupt- & Staatsaktionen und den Wiedereintritt seines uchronischen Höhenflugs in die Erdatmosphäre der historischen Realität „mit heißer Nadel gestrickt“. So absolviert er diese Verzahnung mit unübersehbarem epischen Desinteresse, indem er die kurze Zeit der chaotischen Unruhen wenig überzeugend als Zusammenfassungen „Aus dem Archiv des Newarker Wochenschauarchivs“ summarisch abhandelt.

Denn seine wirkliche Domäne als Erzähler ist der (fiktive) Familienroman der Roths und deren Heimsuchung durch einen Alptraum, in dem fast alle familiären Bindungen zwischen Eltern und Kindern, zu Verwandten und Freunden innerhalb der jüdischen Gemeinschaft sich auflösen – Erfahrungen von Widerstand und Kollaboration, von Mut, Verzweiflung, Feigheit oder Opportunismus, wie sie Philip Roth in den Büchern seiner europäischen Kollegen und Freunde Primo Levi und Aharon Appelfeld als Realerlebnisse begegnet waren. Seine emphatische Vorstellungskraft und epische Erzählsouveränität imaginiert sich sowohl das Spezifische eines amerikanischen Faschismus subversiver Art wie auch die prekäre Situation, in welche jüdische Amerikaner geraten wären, wenn sie – wie von Lindbergh & Ford bereits in der „Realität“ stigmatisiert – zu „Juden in Amerika“ erklärt worden wären. Denn das wäre die titelgebende „Verschwörung gegen Amerika“ gewesen.

Die Erosion einer jüdischen Familie

Zwischen sieben und neun Jahren alt ist Philip, der hauptsächliche Augen- & Ohrenzeuge, aus dessen kindlichen Perspektive & Befindlichkeit der „sich erinnernde“ Autor den fiktiven Horror wie einen wirklich erlebten erzählt – und zwar so suggestiv, daß man als Leser an seine Seite gezogen wird bis zum glücklich-zwiespältigen Ende.

Der Choc der Nomination Lindberghs, der nach endlos unentschiedenen Wahlgängen wie vom Himmel geschickt, nämlich in Fliegermontur, die Bühne des republikanischen Parteitags betritt und sofort als Retter nominiert wird, führte schon zu heftigen Diskussionen im Hause Roth. Denn man ist selbstverständlich auf Seiten des New-Deal-Präsidenten Roosevelt, weil man ja auch den Antisemiten und Nazifreund Lindbergh hinlänglich kennt und ebenso hasst, wie die sonntäglichen Radiopredigten Father Coughlins, eines antisemitischen katholischen Priesters. Gerade hat Vater Herman Roth, der erfolgreiche und beliebte Versicherungsvertreter, eine Beförderungschance seiner Firma ausgeschlagen, weil er dafür den ihm vertrauten jüdischen Lebensbereich in Newark verlassen müßte, da wird der erdrutschartige Wahlerfolg des Fliegerhelden im Radio gemeldet, der nachts und im Morgengrauen alle Männer des Viertels in höchster Erregung und Unruhe in Pyjamas auf die Straße treibt. Nicht nur sie sind über diesen Präsidenten empört, auch der junge Philip Roth – schreibt rückblickend der alte – sah nun „das umfassende Gefühl persönlicher Sicherheit (erschüttert), das ich als amerikanisches Kind amerikanischer Eltern auf einer amerikanischen Schule in einer amerikanischen Stadt in einem Amerika, das mit der Welt in Frieden lebte, immer für etwas Selbstverständliches gehalten hatte“.

Nichts ist von nun an selbstverständlich mehr, war es schon nicht mehr, als sich der jüdische Radioprediger Rabbi Bengelsdorf (eine von Philip Roth erfundene Figur) öffentlich an die Seite Lindberghs stellte, „um jeglichen Zweifel an der unverbrüchlichen Treue der amerikanischen Juden zu den Vereinigten Staaten von Amerika auszumerzen“ und bald darauf als Quisling am Hofe des Präsidenten in dessen Sinne beratend tätig wird: als Propagandist einer subversiven, staatlich verordneten Assimilationspolitik.

Das ist für Herman Roth umso schlimmer, als der eitle jüdische Kollaborateur sein Schwager wird, weil er Evelyn, die Schwester seiner Frau Bess, heiratet und Evelyn, geblendet vom glanzvollen Aufstieg an seiner Seite, bald versucht, die Rothsche Familie erfolgreich innerlich zu zerstören.

Erst sorgt Tante Evelyn dafür, daß der künstlerisch begabte zwölfjährige Sandy, der seine Porträtzeichnungen Lindberghs vor dem Vater verstecken muß, in den Sommerferien an einer Kinder-Land-Verschickung nach Kentucky teilnimmt. Als er von diesen, staatlich geförderten „Ferien auf dem Bauernhof“ (for jews o­nly) an seine heimische städtische Ostküste zurückkehrt, ist er seiner Familie total entfremdet, die er als „Ghetto-Juden“ beschimpft. Kurz darauf holt Evelyn zum zweiten assimilativen Schlag aus: Herman Roth bekommt von seiner Versicherungsfirma die briefliche Mitteilung, daß er sich glücklich schätzen könne, als einer der ersten, „gemäß einer Aufforderung des Amtes für amerikanische Eingliederung (...), die Gelegenheit zu einem Standortwechsel“ zu erhalten, um seinen „Aufenthaltsort auf Kosten der Regierung zu verlegen und in einer attraktiven, Ihnen zuvor nicht zugänglichen Region Amerikas Wurzeln zu schlagen“, wo „im Schoß einer traditionsbewußten Bevölkerung (...) Eltern und Kinder über die kommenden Generationen hinweg ihr Amerikanertum bereichern können“.

Philip begibt sich auf Abwege & auf die Flucht

Dieser zwangsweisen Umsiedlung der Familie kann sich der dominante Vater nur entziehen, indem er seinen geliebten Beruf aufgibt und sich als nächtlicher Lagerarbeiter mit Sechzehnstundentag und wenig Lohn unter die ausbeuterische Knute seines brutalen Bruders, eines Gemüsegroßhändlers, begibt. Die soziale Erosion der Familie setzt sich im verwaisten Cousin Alvin fort, der nach Lindberghs Wahl nach Kanada gegangen war, als kanadischer Soldat in Europa schwer verwundet wurde und ein Bein verloren hatte und nun verbittert mit Philip in einem Zimmer schläft – bis er immer mehr auf die schiefe Bahn zur Kriminalität gerät.

Zwischen dem zornig aufbegehrenden, physisch ausgepowerten Vater und dem aufmüpfig-besserwisserischen älteren Bruder Sandy allein gelassen, vom eiternden Stumpf des fluchenden Alvin ebenso verstört wie genervt von dem lästigen Freundschaftsverlangen seines Klassenkameraden Seldon Wishnow, den er nicht mag, beginnt der kleine Philip Roth die bislang behütete, nun bedrohte jüdische Welt zu verlassen. Mit einem Klassenkameraden folgt er nachmittags in der S-Bahn ausgesuchten „christlichen“ Männern auf deren Heimweg in fremde Stadtteile – bis die beiden jüdischen Scouts in Goiland auf einen vermeintlichen Päderasten treffen, der seine kindlichen Verfolger zu sich einlädt und sie damit in die Flucht schlägt.

Nach dieser gewissermaßen Mark Twainschen Episode wechselt der einundsiebzigjährige Erzähler zu einem Dickensianischen Melodrama: Systematisch klaut Philip dem ignoranten Seldon Wishnow Kleidungsstücke, um mit ihnen und unter Seldons Namen aus den familiären Bedrängnissen seiner jüdischen Familie zu fliehen und in einem katholischen Waisenheim ab- & unterzutauchen. Dabei wird er, in einem Stall versteckt, von einem scheuenden Pferd am Kopf verletzt, und er wäre gewiß verblutet – wenn ihn nicht ausgerechnet der ungeliebte Langweiler Seldon entdeckt hätte und der „Nachtwandler“ in den Schoß der bestürzten Familie zurückgebracht worden wäre: beschämt und am Boden zerstört, weil er bei diesem Fluchtversuch seinen größten Schatz, sein Briefmarkenalbum, verloren hatte.

Aber Roth der Erzähler versteht es, in seinem kleinen Welttheater der „Verschwörung gegen Amerika“ nicht nur, wie hier, immer auch eine tragikomische Balance zwischen der wachsenden Angst seiner Personen und der absurden Komik ihrer Intentionen zu halten: eine mittlerweile schon „typische“ erzählerische Gratwanderung des schonungslosen Chronisten der Comédie humaine. Tragisch aber endet Philips Versuch, seinen ungeliebten, lästigen Lebensretter Seldon, der natürlich seinen unverhofften Triumph genießt, sich vom Halse zu schaffen. Das geht nur, indem er selbst zum Kollaborateur wird und seine Tante Evelyn bittet, Seldon und dessen Mutter zur zwangsweisen Umsiedlung in den Mittleren Westen zu zwingen. Kaum sind die beiden Wehrlosen dort angekommen, wird die Mutter Opfer eines Pogroms und Seldon, der davon nichts weiß, aber die ausbleibende Mutter vermisst, ruft in seiner Not bei den Roths an. Der telefonische Dialog zwischen ihm und Bess Roth, Philips Mutter, die nun an die Stelle seiner Mutter tritt, gehört zu den bizarr-komischen Glanzstücken des Romans.

Mit einer abenteuerlichen Autofahrt Hermans und Sandys in den Wilden (pogromwütigen) Westen retten sie den verwaisten Seldon und bringen ihn in Sicherheit – in das Bett neben Philip. So folgte die Strafe für ihn auf dem Fuße (ohne daß das jemand in der Familie ahnte). Aber „diesmal hatte ich keinen Stumpf zu versorgen“, wie Philip es zeitweilig mit dem kriegsverletzten Alvin tun mußte. „Der Junge selbst“, schließt sarkastisch der amerikanische Erzähler seine ausgreifende Fiktion einer verstörenden Jugend während der „Verschwörung gegen 

Amerika“ – „Der Junge selbst war der Stumpf, und bis ihn zehn Monate später die verheiratete Schwester seiner Mutter zu sich nach Brooklyn nahm, war ich die Prothese“.

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Verschwörung egegen Amerika von Philip Roth, 2005, Hanser2.)

Verschwörung gegen Amerika.
Roman von Philip Roth (2005, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 24.8.2005:

Der Schrecken des Unvorhergesehenen
Verblüffend plausibel: Der Roman "Verschwörung gegen Amerika" von Philip Roth

Es ist eine Geschichte von großer Schuld und kleiner Schuld und allen Abstufungen dazwischen. Und das Schöne und Hintergründige an ihr ist, dass sie so ungeheuer fiktional und so erschütternd naiv aus der Perspektive eines kleinen Jungen erzählt wird, dass sich ihr hoher moralischer Anspruch elegant, aber unaufhaltsam im Leser entfaltet.

Philip Roth arrangiert in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Verschwörung gegen Amerika" das, was mit dem häufig gebrauchten Begriff Versuchsanordnung allerdings am besten beschrieben ist: Er nimmt sein Heimatland USA, einige reale Figuren - seine eigene Familie - und ein paar Größen der Geschichte und setzt sie künstlich geschaffenen Bedingungen aus. Nämlich: Nach  zwei  Amtszeiten tritt gegen Präsident Franklin D. Roosevelt 1940 der Atlantik-Überflieger Charles A. Lindbergh als republikanischer Kandidat an und gewinnt.

Und mit ihm kommt antisemitisches Gedankengut an die Macht, das der echte Lindbergh ja tatsächlich äußerte.

Für einen siebenjährigen jüdischen Jungen aus einer Kleinbürgerfamilie in New Jersey, Philip Roth, verändert das alles. Er sieht den widerstandsfähigen und selbstbewussten Vater in den kommenden zwei Jahren zusammenbrechen, die patente, schutzbietende Mutter fast verzweifeln, den älteren Bruder abtrünnig und Lindbergh-freundlich werden und den Cousin einbeinig aus dem Krieg wiederkehren. Ein Junge versteht die Welt nicht mehr, deren scheinbar verbindliche Koordinaten er gerade erst kennengelernt hat.

Philip Roth erzählt unpathetisch und verblüffend plausibel von dieser großen Schuld Lindberghs, der - so eine Erklärungsvariante am Ende des Buches - vielleicht eine Marionette der Nazis wurde, weil diese seinen entführten Sohn als Geisel halten: Verschwörung gegen Amerika - Diskriminierungen im Alltag, Massenunruhen gegen Juden, Lynchjustiz. Und Roth erzählt, gewitzt und furchterregend zugleich, von der kleinen Schuld des Philip Roth. Der partout nicht mit einem Umsiedlungsprogramm nach Kentucky ziehen will, durch seine einflussreiche Tante aber den unausstehlichen Nachbarsjungen dorthin verbannt. Und letztlich, wegen der dort stattfindenden Pogrome, den Tod von dessen Mutter mitverursacht. Verschwörung gegen zwei Kinder - gegen ihre Unschuld, ihren zarten, noch unbedarften Verstand, ihr Schutzbedürfnis.

Der wunderbar unterhaltende Tonfall des Buches verdankt sich Roths Kunst, die kindliche Logik und den weisen, kommentierenden Rückblick des Gealterten ideal zu verbinden. Recht haben beide, der junge und der alte Philip. Der Neunjährige bringt es nicht übers Herz, den einbeinigen, Lindbergh-feindlichen Cousin im selben Zimmer mit dem regierungstreuen Bruder schlafen zu lassen und nimmt dafür lieber selbst den Schrecken vor dem Phantombein in Kauf. Oder er zieht den Schluss, dass er seine Briefmarkensammlung nicht perfektionieren kann, weil er Jude ist. Denn er hat gelernt, dass es in den Wohngegenden amerikanischer Nazis Dachböden mit alten Briefmarkenschätzen gibt, seine Eltern aber nie in eine solche Gegend ziehen würden. Und der spätere Roth konstatiert, beide Blickwinkel übereinander schiebend: "Der Vater weinte wie ein verlassenes Baby und ein gefolterter Mann zugleich, weil er machtlos war, das Unvorhergesehene aufzuhalten. Den Schrecken des Unvorhergesehenen lässt die Geschichtswissenschaft verschwinden, indem sie eine Katastrophe zu einem Epos macht."

Der Autor Roth aber verwandelt das episch Gewordene zurück ins Unvorhergesehene und gibt ihm seinen undomestizierten Schrecken wieder. In der Gestalt und dem fragilen Gefühlsleben des kleinen Jungen erleben wir, die wir die Historie einordnen können, die Bedrohung neu, neu auch in der unerwarteten Perspektive eines faschistischen Amerika. Und zuletzt beweist der Autor in diesem so privat gehaltenen, aber hochpolitischen Buch seine Erzählkunst, indem er Amerika und seine demokratischen Grundfesten geschickt rehabilitiert: Denn vielleicht war dieser Lindbergh ja nur von den Nazis instrumentalisiert worden. Seine Frau Anne Morrow Lindbergh aber darf schließlich die Redemokratisierung einläuten.

Und dennoch: Roth thematisiert eine faschistische Grundstimmung in den USA und bringt damit den plötzlich sehr naiv wirkenden Mythos von der Selbstverständlichkeit der amerikanischen Demokratie heftig ins Wanken. Ein gerade wegen seiner großen Leichtigkeit und Brillanz verstörendes schriftstellerisches Experiment.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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