Verschlossene Kammern von Marion Poschmann, 2002, Zu KlampenVerschlossene Kammern.
Gedichte von Marion Poschmann (2002, Zu Klampen).
Besprechung von Gernot Krämer im titel-magazin, 2002:

Von Madonnen und flachgelegten Häusern

Marion Poschmann legt ein fabelhaftes Lyrikdebüt vor. Vereinzelt waren sie schon in Literaturzeitschriften zu lesen, die Gedichte von Marion Poschmann: in Sinn und Form, Edit, Konzepte, Neue deutsche Literatur und Macondo. Ein halbes Jahr nach ihrem Roman Baden bei Gewitter hat die mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis ausgezeichnete Autorin einen Gedichtband vorgelegt – eines der beeindruckendsten lyrischen Debüts seit langem.

Stilleben mit Fisch und Milch der Spiegel von matten Fingerspuren bepudert: die Augen mit Fernsehschnee belegt, darunter das Grau weicher Bleistifte eingegraben: so brach der Abend herein, langten eiserne Gabeln nach den Gläsern im Schrank – ich hatte im Nachthemd die Haare begradigt, ich sah die wenigen Zimmerpfade entlang, eine abgeschmackte Traurigkeit oder Sturzbecher Lampe; so kamst du von hinten mit schweren Fingernägeln, die dir die Arme nach unten zogen – du tratest mit rohen Füßen zwischen die kratzigen Strähnen am Boden; kauertest dein Gesicht neben meines; zeigtest auf Blößen im Spiegel, die Ängste vor hohlen Tönen; als sei langes Wachen die wachsende Fähigkeit, während wir uns automatisch beschrieben, ein Augentrichter

Verschlossene Kammern ist in der von Heinz Kattner herausgegebenen „Edition Postskriptum“ des zu Klampen Verlags erschienen. Der Band umfaßt drei Zyklen, die mit den Titeln „Merkblätter für flachgelegte Häuser“, „Barocke Serie“ und „Sibirische Elegien“ überschrieben sind. Thematisch hervorstechend sind vor allem die zwölf Madonnengedichte der „Barocken Serie“. Ihre Titel könnten barocken oder altdeutschen Altarbildern entnommen sein: Schutzmantelmadonna etwa, Madonna mit den grünen Birnen oder Madonna in den Wolken. Das Heilige und das Kunstschöne geht hier eine irritierende Verbindung ein mit dem Zeitgenössischen und Profanen.

„[S]ie hülle sich nur noch in Kerzenlicht“, heißt es in dem Gedicht Pietà, „creme die Hände mit Kälte ein, / steche mit fleckigen Fingern große und kleine Kometen aus, / halte den Kosmos im Backofen sorgsam verborgen“.

Auffallend in den Madonnengedichten ist – wie hier – der Gebrauch der indirekten Rede. So entsteht der Eindruck, die Autorin sei die Mittlerin einer Art lyrischen Zwiegesprächs mit der Gottesmutter. Dies allerdings weniger im Sinn eines Gebets. Eher einer skurril-versponnenen Plauderei, beinahe von gleich zu gleich. Denn die Poschmannschen Madonnen sind vor allem eines: Frauen und Mütter. Häusliche Gegenstände mischen sich in den hohen, den mystischen Diskurs: Wasserhähne, Wäsche, Backpulver und Kompotte. Mit feiner Ironie gelingt es der Autorin, beide Sphären gegeneinander auszubalancieren und jede billige Profanierung zu vermeiden. Das Spirituelle wird an das Banale nicht verraten, und umgekehrt gilt das gleiche. Es sind Madonnen, die häkeln und sich fotografieren lassen, aber doch auch Madonnen „im Sonnenkragen, im Glorienschein“ – vom Engel der Verkündigung heimgesuchte Trägerinnen mystischer Erfahrung.

Von ganz anderem Charakter sind die zwölf „Sibirischen Elegien“: karger, weniger wortschwelgerisch, im Gestus mehr beschreibend als assoziativ. Mit geradezu schmerzhafter Intensität werden Kälte, Erstarrung, Weite und die vielfältigen Erscheinungsformen der Farbe Weiß variiert und mit den bescheidenen und unvermögenden Zeichen menschlicher Anwesenheit kontrastiert. Sibirien, das ist die Landschaft des Permafrosts, die niemals auftaut:

„Was dich umgibt sind die Temperaturen von gestern, von vorgestern.“

Das lyrische Du, das hier in Erscheinung tritt, markiert eine Form des Selbstgesprächs, ganz im Unterschied zu anderen Gedichten, in denen ein partnerschaftliches Du erkennbar ist.

Thematisch weiter gespannt sind die Gedichte des Zyklus „Merkblätter für flachgelegte Häuser“. Neben zwei „Stilleben“, dem fabelhaften erotischen Gedicht Gnadenanstalt und einigen Momentaufnahmen vom Unterwegssein enthält er Gedichte, in denen marode oder verlassene Zivilisationsräume erkundet werden: ein Betriebsbahnhof, der von der Natur wieder in Besitz genommen wird, ein Hausbesetzerhaus, die zu Wildnis gewordenen Schutthalden der titelgebenden „flachgelegten“ Häuser. Wer den Roman Baden bei Gewitter kennt, wird sich bei diesen Gedichten an die Genauigkeit erinnern, mit der Marion Poschmann auch in ihrer Prosa solche verwilderten innerstädtischen Räume zu schildern vermag. Es sind Räume, Mikrokosmen, in denen sich wie Sediment die Spuren menschlicher Gewohnheiten und Lebensläufe abgelagert haben.

Hier geht die Autorin mit Vorliebe auf Entdeckungsreise. Mit einer an die Surrealisten gemahnenden Freude an objets trouvées, an vorgefundenen Objekten, verwendet sie (sprachliche) Fundstücke aus den unterschiedlichsten Bereichen. Der lyrische Impuls geht dabei vor allem von der Bildlichkeit aus, weniger von strengen Kompositionsregeln: Reimlos und in freien Rhythmen präsentieren sich die Gedichte aus Verschlossene Kammern. Die Stärke der Bilder und Metaphern liegt in der Alogik des Aufbaus, der Kühnheit der Zusammensetzung. Und dennoch haftet selbst den unerwartetsten Wortverbindungen etwas Eingängiges, etwas zwingend Suggestives an: „[D]ie Frauen hocken wie Waschbetonkübel“, heißt es in Annaselbdritt, „ihnen versickern die Hände im Schoß“.

Zuweilen wirken die Gedichte wie angeschnittene Fotos, wie Fragmente, zusammengesetzt aus Fragmenten. Das liegt an der auch grammatischen Offenheit und Mehrdeutigkeit mancher Passagen, am Mut zur Ellipse, zur Unvollendung, den die Autorin besitzt, ohne von ihrem hohen künstlerischen Anspruch etwas preiszugeben. Vom lyrischen Aphorismus sind diese Texte ebenso weit entfernt wie vom Erzählgedicht.

Mit Verschlossene Kammern ist Marion Poschmann eine beeindruckende und originelle Synthese experimenteller Schreibweisen in der Tradition Mayröckers und Jandls mit einer geradezu neo-romantischen Sinnlichkeit gelungen. Ganz ihr eigen sind die hinreißenden, ebenso zärtlichen wie ironischen Madonnengedichte. In der Begründung der Jury für die Vergabe des Wolfgang-Weyrauch-Förderpreises beim Darmstädter Leonce-und-Lena-Wettbewerb wurde die „diskrete und doch verstörende Schönheit“ ihrer Texte hervorgehoben, und Raoul Schrott, ebenfalls Mitglied der Jury, nahm sogar an einem Klassiker Maß: „So würde Droste-Hülshoff heute schreiben.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

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