Verloren in Amerika von Isaac Bashevis Singer, 1985, dtvVerloren in Amerika.
Vom Schtetl in die Neue Welt von Isaac Bashevis Singer (1985, dtv - Übertragung Ellen Otten).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 21.05.2006:

Vom Regen in die rettende Traufe

"Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral", lautet einer der bekanntesten Sprüche Bertolt Brechts. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Und eine solche Ausnahme findet sich zur Zeit des Ersten Weltkrieges bei Singers in Warschau, in der Krochmalnastraße 12: "Wir hungerten zu Hause. Draußen war es bitterkalt, (...) in unserem Ofen brannte kein Feuer". Trotzdem lassen der Wissensdurst und der Drang zur Erkenntnis den kaum über zehn Jahre alten Isaac nicht los, der "Hunger hin, Kälte her" darauf brennt, "das Geheimnis der Welt zu ergründen". So verschlingt er einerseits die Bücher des Vaters und ist praktisch von Kindesbeinen an mit Tora, Gemara, Midrasch und Kabbala bestens vertraut. Andererseits aber liest er auch die weltlichen Bücher des elf Jahre älteren Bruders Josua, der schon früh vom orthodox-chassidischen Glauben vollends abgefallen ist: "Mein Bruder sprach nicht von den Wundern Gottes, sondern von den Wundern der Natur". Im wiedererstandenen, wenn auch recht labilen und von Unruhen geschüttelten polnischen Staat der Nachkriegszeit ändert sich am nun einmal eingeschlagenen Weg Isaacs wenig: "Ich litt unter Hunger, Kälte und Krankheit", aber nach wie vor ist der Drang, "das Geheimnis der Welt zu enträtseln" so groß, daß er darüber Hunger, Kälte und sogar Selbstmordgedanken vergißt. Indes setzt sich auch im Liebesverhältnis zur "überschwenglichen" Gina das Streben nach Höherem fort: "Gina und ich versuchten beide, uns mit den Mächten, die die Welt regieren, zu vereinen und zu einer Art Abrechnung und Schlußfolgerung, was die Welt angeht, zu kommen, aber diese Mächte wollten davon nichts wissen. Wir waren dazu verurteilt, auf ewig im Chaos versunken zu bleiben". Der Weg zur Erkenntnis ist um so schwieriger zu beschreiten, als der Wissenshungrige schon früh erkennen muß: "Der Mensch ist ein Bettler, wenn es sich um Vernunft handelt, aber ein Millionär, was Gefühle betrifft". Die Welt des jungen Isaac Bashevis Singer ist eine Welt im Umbruch. Mit dem geistigen, religiösen Erbe bricht er nicht, kommt aber zu dem Schluß, Gott stehe nicht für "Liebe, Frieden und Gerechtigkeit", sondern sei vielmehr "ein Gott der Grausamkeit, dessen Prinzip ist: Macht schafft Recht" -, ein Gott, "der buchstäblich eine ganze Welt auf dem Prinzip der Gewalt und des Mordes aufgebaut hat". Es gilt, sich durchzuwursteln. So vermag der angehende Schriftsteller, der vorerst mit dem äußerst dürftigen Gehalt eines Korrektors bei einer jiddischen literarischen Warschauer Zeitschrift auskommen muß, nur durch zusätzliches, künstliches Hungern sich der zweijährigen Einberufung ins Heer zu entziehen. So schäbig die äußeren Verhältnisse auch sein mögen, sein Innenleben bleibt dennoch ein allzeit brodelndes: "Ich suchte immer noch nach einer Möglichkeit, die Schwierigkeiten der reinen Vernunft zu meistern, das Ding-an-sich zu begreifen und eine Grundlage für eine Ethik zu finden". Und auch sein Gefühlsleben ist ein bewegtes: "In meinem Inneren bekämpften sich Askese und der Drang, allen Leidenschaften nachzugeben". So bleibt Gina denn auch nicht die einzige Frau, die er liebt. Stefa bzw. Schewa Lea, Sabina, Lena bzw. Lea Frieda, Esther sind für ihn auch durchaus von Bedeutung. Mit den Jahren wird die Lage der Juden in Polen jedoch immer brenzliger: "In ihrem Innersten spürten die polnischen Juden, daß ihnen der Untergang gewiß war". Aber wohin sich wenden, wenn Polen "die Juden loswerden" will, "in Rußland die Hölle los" ist, es immer schwieriger wird, "ein Visum für ein europäisches Land zu bekommen, und Amerika seine Tore geschlossen hat"? Soll Isaac etwa nach Palästina auswandern? Eher nicht, denn schon damals sieht man dort "auf die jiddische Sprache herunter". Außerdem erteilt das Palästina-Amt nur verheirateten Leuten Einwanderungszertifikate. Fazit: "Ich hätte gern das getan, was Juden seit zweitausend Jahren tun - fliehen. Aber es gab keinen Ort der Zuflucht, kein Versteck". Inzwischen hat der ältere Bruder Josua, der bereits in Polen einen Ruf als Journalist und Schriftsteller erworben hat, in Amerika Fuß gefaßt, und zwar als Mitarbeiter des "Jewish Daily Forward". 1935 gelingt es ihm, Isaac nachkommen zu lassen, der zu dieser Zeit bereits Vater geworden ist, allerdings ohne es zu wissen. Erst später wird er erfahren, daß Lena "einen Jungen geboren hatte, während ich noch in Warschau war". Die Reise geht über Berlin, Paris und Cherbourg. So entgeht Isaac unverhofft einem heraufziehenden düsteren Schicksal in Polen. Ist dafür in Amerika alles eitel Glück? "Es hatte Augenblicke gegeben, in denen ich annahm, daß ich nach Erteilung des Visums für Amerika glücklich sein würde". Daß er in dieser Annahme gründlich irre gegangen ist, merkt Isaac schon ein paar Stunden nach der Ankunft in New York: "Ich konnte spüren, daß sich hier eine geistige Katastrophe abspielte, ein Wandel, für den es in meinem Vokabular kein Wort gab, nicht einmal die Ahnung eines Begriffs". Die Ursache ist gleich eine doppelte: Einerseits spürt er von allem Anbeginn an, daß seine jiddisch-polnischen Wurzeln für immer des Nährbodens beraubt sind: "Ich hatte alle Wurzeln, die ich in Polen gehabt hatte, ausgerissen und wußte bereits, daß ich hier bis zu meinem letzten Tag ein Fremder bleiben würde (...) Es gab für mich keine Zukunft hier". Andererseits hat Amerika ihm für diesen Verlust keinen auch nur annähernd gleichwertigen Ersatz zu bieten. Er ist also "verloren in Amerika, verloren auf immer" - so die Schlußworte des autobiographischen Berichts aus dem Jahre 1976. "Ich hatte mich von meinem Gott entfernt, aber nicht von meinem Erbe", heißt es an anderer Stelle. Es ist tatsächlich ein Charakteristikum des Isaac Bashevis Singer, trotz aller persönlichen und zeitbedingten Umbrüche das Erbe des osteuropäischen Judentums in sich bewahrt und es aus der amerikanischen Rückschau, gleichsam in der Verbannung, zu einem literarischen Werk voller geistig-lyrischer Höhenflüge verarbeitet zu haben: "In späteren Jahren verschmolzen die Spannungen meines Lebens und meines Schreibens so vollständig, daß ich oft nicht mehr wußte, wo eines begann und das andere aufhörte". Wer auf die Zerreißproben neugierig ist, denen die aschkenasische Welt der Zwischenkriegszeit ausgesetzt war, wird "Verloren in Amerika" mit höchstem Gewinn lesen. Aber auch wer einfach nur Zugang zum Werk des jiddischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers des Jahres 1978 sucht, wird diese dreigegliederte, höchst spannende, autobiographisch gefärbte Erzählung ("Ein kleiner Junge auf der Suche nach Gott", "Ein junger Mann auf der Suche nach Liebe", "Verloren in Amerika") mit ebensolchem Gewinn lesen.

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