Verlorene
Kämpfe.
Essays von Dirk von Petersdorff (2001,
S. Fischer).
Besprechung von Volker
Sielaff aus Der Tagesspiegel, Berlin vom 14.7.2001:
Wer nicht kompliziert oder
irgendwie verdreht schreibt, hat es schwer. Die Schatten der ästhetischen Moderne liegen
noch heute über vielen Kunstdebatten. Kein Wunder, denn mit ihr sind die
"Schlüsselhalter" des Kulturbetriebs ja groß geworden, ihr haben sie
gehuldigt; die Moderne war totalitär. Ihr Programm bestand zu großen Teilen darin, die
Welt zu negieren, in die man doch hinein geboren war. Zertrümmern, zerlegen,
abstrahieren. Alles, was mit Alltag zu tun hatte, war verpönt. "Welch merkwürdiger
Hass auf den Alltag", wundert sich Dirk von Petersdorff und beklagt im Vorwort zu
seiner Essaysammlung "Verlorene Kämpfe", dass bis heute eigentlich kein
Gegenmittel existiert, keine "ästhetische Theorie, die von der offenen Gesellschaft
ausgeht". Und macht sich sogleich daran, eine zu entwerfen.
Der erste Satz steht irgendwo in der Mitte des Buches. "Das haben wir gehabt",
lautet er, und mit diesem einfachen Satz sagt von Petersdorff, was er von der Moderne (die
er etwa in der Mitte des 17. Jahrhunderts beginnen lässt), wirklich hält. Kein
sanfteres, aber auch kein entschiedeneres "Genug jetzt" ließe sich denken. Das
"Gespreize der Einmaligkeit" sieht er schlicht an ein Ende gekommen, was das von
den Feuilletons häufig zitierte "Unbehagen an der Moderne" zu bestätigen
scheint.
"Wann haben Sie das letzte Mal vor einem Kunstwerk der Gegenwart das Gefühl gehabt,
es sei groß, interessant, wahr, so dass ein Schauder Sie ergriff, Sie es festhalten
wollten in den Sinnen", so begann Dirk von Petersdorff vor zwei Jahren seine
Dankesrede zur Verleihung des Kleist-Preises. Lange her, mag da mancher Zuhörer vor sich
hin geflüstert haben.
Sind Schauder denn anachronistisch? Von Petersdorffs Antwort auf diese Frage durchzieht
sämtliche im Buch versammelte Essays. Aber vielleicht will die Moderne gar nicht mehr
verstanden werden. Was des Autors Einlassungen indes so sympathisch macht, ist, dass er
die alten Fundamentalismen nicht gleich durch neue ersetzt. Es sei jetzt bloß mal wieder
"die Fülle des Lebens" dran, schreibt von Petersdorff, und meint:
"Alltagssprache, Wissenschaft und Songs und Farnblätter im Stein... und viele
Stimmen; Selbstwidersprüche; Unsicherheit, woraus ein Ich besteht."
Rolf Dieter
Brinkmann hat diesbezüglich schon vorgelegt, in den 60er und 70er Jahren, ein Intermezzo
ist es geblieben. Den späten Enzensberger nennt von Petersdorff außerdem, ihn und seine
"parataktische, reihende Sprache, die das scheinbar Geschiedene wie Perlen zu einer
Kette aufreiht".
Es ist denn auch eine "Sprache der Kontingenz", die von Petersdorff für die
Zukunft vorschwebt, eine, die keine Angst hat vor Dingen, die es schon einmal gab und
diese unbekümmert in ihren Fluss aufnimmt. Mimesis heißt das Stichwort: "Jetzt kann
uns die Erinnerung an den Begriff Mimesis helfen, aus den Wüsten der Abstraktion zu
entkommen, aus dem toten Land der Selbstreflexion." Denn alles beginnt mit
Nachahmung, das macht gar nichts, will von Petersdorff seinen ermatteten Lesern und
womöglich auch seinen Kollegen Mut zusprechen, wenn es uns nur mitreißt, uns richtig
taumeln lässt. Das Wortmaterial besteht "aus alten Beständen und schriller
Neuheit".
Jene einst von Novalis geforderte und nur Auserwählten zugängliche
"Räthselsprache" wäre für die Vielstimmigkeit der heutigen Welt ohnehin das
falsche Rezept, vermutet von Petersdorff. Die Moderne habe "durch ihre Festlegungen
die Kunst eingeschränkt" und eine Sprache entwickelt, die in Rhythmik, Satzbau und
Wortwahl eine Sterilität aufweise, "deren Sinn man immer schwerer verstehe".
Sie war ein "angespannter Muskel", immer auf das neue aus. Aber jetzt sei
"taumelnde Übergangszeit" und die Geschichtsphilosophie erst einmal an ein Ende
gelangt. Von Petersdorff wünscht sich wieder offene, lange Gedichte, die "durch
mehrere Formen wandern", eine "Vereinigung... von kurzen hin geschossenen
Sätzen und Wortflocken".
In den Exponenten deutscher Gegenwartskultur mag er nur noch "Trauerklöße in
Weinsauce" sehen, "orakelnd, defensiv und ziemlich schlecht gelaunt",
Dieses Buch liest sich wie die Relativitätstheorie einer Ästhetik nach dem Ende der
"Großen Erzählungen". Natürlich, gibt sein Verfasser zu, reiche das Singen
nicht und blieben alle Vorschläge eitel, wenn ihnen nicht Werke folgten. Drei
Gedichtbände hat von Petersdorff schon geschrieben; auf seinen vierten darf man nun ganz
besonders gespannt sein.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.tagesspiegel.de]
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