Verliebte Lügner.
Short Storys von Richard Yates (2007,
DVA - Übertragung Anette Grube).
Besprechung von Klaus Hübner aus der NRZ vom 28.01.2008:

Brennende Scheiterhaufen

Vielleicht sollte jemand mal das gesamte Scheitern auf einen Haufen werfen und anzünden. Wie schön wäre es dem zuzuschauen. Da der Wunsch aber unerfüllbar ist, bietet es sich an, Nase und Augen in die Bücher von Richard Yates zu stecken. Aktuell nun in den auf deutsch erschienenen zweiten Erzählungsband "Verliebte Lügner", der in den USA bereits 1981 erschienen ist.

Und dann macht man reinen Tisch

Wie schwer ist leichte Literatur? Hat das schon mal jemand nachgewogen? Der kleinkariert beobachtende Richard Yates führt eine simple, handfeste Botschaft auf das weite Feld menschlicher Existenzen: Wer zuviel Glück erwartet oder gar fordert, der wird scheitern. Das war in den 30er bis 60er Jahren, in denen Yates seine Geschichten ansiedelt, genauso wie heute.

Zum Beispiel für Elisabeth Baker, deren "Probelauf" im gemeinsam mit Freundin Lucy und allen Kindern gemieteten Haus wie ein Griff in die Schatulle des Scheiterns wirkt. Im Privattheater des heranwachsenden Baker- und Towers-Nachwuchses, allen voran die unbeliebte, nörgelnde, launische Nancy, herrscht Kleinkinderkrieg mit garstigen Begleitelementen. Kleinen Schrittes stolpern die im tiefsten Inneren in liebevoller Abneigung verbandelten Ohne-Ehemann-Familien auf das Finale zu: die Trennung von Haus und Haushalt im schönsten Mobbing.

Den Hauch von Tragik, den Susan in "Ein natürliches Mädchen" verbreitet, empfindet ihr Vater wie einen Keulenschlag. Bums, ist die Vaterliebe weg. Und ein paar Jahre später auch die für den Ehemann. Was macht man dann? Reinen Tisch, die Flecken weg wischen, vielleicht einen neuen kaufen. Tisch, nicht Ehemann. Wie Susan, deren weibliche Konsequenz das Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vorzieht. Dem Obergefreiten Paul Colby gelingt es in der Story "Urlaub aus privaten Gründen" nicht, seine nicht weichen wollende Jungfräulichkeit im Paris der Nachkriegszeit zu verlieren.
Wer seine Figuren so dezent oder bombastisch, so grundehrlich oder verschämt scheitern lässt wie Richard Yates, der weiß mutmaßlich genau, wovon er schreibt. Yates, der zu Lebzeiten als Autor wenig beachtet wurde, tut sich als Scheiterhaufenanzünder hervor. Keine Überraschung, war er doch selbst ein verlorener Gescheiterter, der als Autor erst allmählich wieder entdeckt wird. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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