Verlangen nach Musik und Gebirge von Brigitte Kronauer, 2004, Klett-CottaVerlangen nach Musik und Gebirge.
Roman von Brigitte Kronauer (2004, Klett-Cotta).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Die Dämonen
Brigitte Kronauers Roman "Verlangen nach Musik und Gebirge"

Jetztzeit, ein eher kühler Sommer; eine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Touristen, die für ein paar Tage das belgische Seebad Oostende besuchen; ein Mittelklasse-Hotel namens Malibu; eine puttenhafte, spionierende Hotelangestellte; eine Lokalbahn, die die Küstenlinie nachzeichnet und den kleinen Clan hin- und hertransportiert; die imaginär-museale Präsenz des Malers James Ensor; Betonburgen aus Appartmentscheußlichkeiten und der hingerissene Blick auf ein Meer, das ständig seine Farben wechselt: Das sind die Ingredienzen, mit denen Brigitte Kronauer ihren jüngsten Roman Verlangen nach Musik und Gebirge ausstattet. Wen das schon jetzt an einen gewissen Schriftsteller erinnert, möge sich noch ein wenig gedulden.

Man weiß zunächst nicht so recht, was die Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher Nationalität dazu veranlasst, drei Tage in Symbiose zu verbringen. Während Begehrlichkeiten hin- und herwandern, mit Blicken und gestelzten Worten geworben wird, erkundet die Gruppe das leicht morbide Oostende, macht einen Ausflug ins nahe Seebad Blankenberge, nimmt noch einmal zu einem Abschiedspicknick am Strand von Oostende platz, bevor plötzlich Frau Fesch - die Erzählerin und rätselhafteste Figur des Buchs - aufspringt und davonrennt. Sie läuft und läuft Richtung Hafen zu einem Schiff, mit dessen Ankunft aus England etwas außerordentlich Wichtiges verbunden ist.

Für die dreitägige Choreographie finden zusammen: ein junger Deutscher, Roy mit Namen, hinkend, großohrig, Jurastudent und auf Reisen mit seiner keineswegs rührenden, vielmehr gefährlich besitzergreifenden Großmutter; Sonia, von Frau Fesch meist "Schneeantilope", "Impala", "Rotduckerchen" oder "Hemerocallis" genannt, eine junge Italienerin von überwältigender, schläfriger Schönheit - als Roy sie erblickt, ist es um ihn geschehen. Ihr Begleiter respektive "Bodyguard", wie Frau Fesch süffisant wiederholt, Maurizio, ist der Sohn eines Florentiner Herrenausstatters und ebenfalls bildhübsch, ein Kerl mit wundervoll prallen Muskeln, wie jedenfalls Herr Willaert findet, ein älterer Parfümhändler aus Antwerpen. Willaert - ein Bewunderer, Kenner und, äußerlich gesehen, auch Wiedergänger des Oostender Malers James Ensor - macht sich im eigenen, erotischen Interesse zum Führer des bunten Grüppchens. Wie gut, dass Frau Fesch gleich erkennt: "Nein, zusammen passen die nicht" - Sonia und Maurizio nämlich.

Haben also Herr Willaert bei Maurizio und der hinkende Roy bei der "Schneeantilope" Sonia Chancen, mit ihrem Werben erhört zu werden? Die Anfangsdiagnose, dass dem italienischen Vorzeigepaar der libidinöse Kitt fehle, stimmt noch am Ende dieses Romans, der sich ansonsten virtuos im Kippen der Perspektiven übt: Hoffnung kippt um in Resignation, Begehren in Gewalt, das Hohe ins Läppische, Schönheit in Vulgarität.

Manche Figuren sind gleich im Zwielicht angesiedelt, die Dealer und Taschendiebe beispielsweise, die das Geschehen vom Rand her bespielen; der pfeifende Liliputaner, der nachts durchs Hotel schleicht; der knittrige Alte, der die schöne Sonia gekonnt belagert, und nicht zu vergessen: de Rouckl, ein verkrachter Künstlerkauz, dessen mehrlagige Pullover-Vermummung ihm eine clochardhafte Aura verleiht. De Rouckl genießt im "Malibu" ein zweifelhaftes Bleiberecht - dank Betty, der fülligen Hotelbediensteten, die den Vermummten vergöttert und zum Beischlaf eine Maske aufsetzt. Sonst klappe es bei ihm nicht, gesteht sie Frau Fesch, die noch ein paar anderen Gestalten die Zunge löst im Lauf des Romans.

Ist Frau Fesch, die Erzählerin, die niemals "ich" sagt, sondern stets - mit einer Ausnahme - "man", ist diese Dame mittleren Alters, eine Deutsche übrigens, die sich im Malibu einquartiert für ein paar bedeutende oder unbedeutende Tage, je nachdem, ist sie wirklich die rätselhafteste Erscheinung in diesem so mehrdeutigen Roman? Ihre Augen werden mal als böse, mal als gut wahrgenommen, während Frau Fesch sich wundert, warum sie sich auf den durch kurze Nachtpausen unterbrochenen Dauerausflug mit den Oostender Zufallsbekanntschaften überhaupt einlässt. Sie hat nichts zu tun, das kann man sagen, sie wartet. Und so wird sie zur Beobachterin, zur Voyeurin gar, mit teils ätzendem, teils mitfühlendem und oft sehr poetischem Urteilsvermögen. Deskriptionskunst und Kritik - durchaus im Sinne der Kulturkritik - fallen dabei oft in eins.

So kommt es, dass das Verhältnis von Ursache und Wirkung in einem Schwebezustand gehalten wird, und man möchte sagen: Dieser Schwebezustand ist Kronauers sprachlicher Idealzustand und gehört genauso zum Kern des Romans wie das Spiel mit literarischen Vorlagen. Wer kein Vergnügen an Entschlüsselungsarbeit hat, dem ist die Lektüre dieses Buchs - und das gilt für viele Kronauer-Bücher - nicht zu empfehlen. Die anderen müssen durch eine streckenweise zähe Lektüre hindurch, was etwa an den präzisen, mäandernden Parenthesen liegt, werden aber überreichlich belohnt. Verlangen nach Meer und Gebirge spielt im ersten, im heiteren Teil mit etlichen Motiven aus Prousts "Recherche", im zweiten, dunkleren Teil mit solchen aus Joseph Conrads Œuvre.

Im Unterschied zu Conrad, der mehrmals erwähnt wird, fällt der Name Proust nicht. Doch so viele Elemente aus den Balbec-Teilen der Suche nach der verlorenen Zeit sind hier versammelt, dass Zufall auszuschließen ist: Das Hotel am Meer, der Junge mit seiner Großmutter, die Lokalbahn, der "kleine Kreis", das begehrte Mädchen, der homosexuelle Verehrer, der bewunderte Maler (bei Proust Elstir, bei Kronauer Ensor), das Gaffen in den Speisesaal, die kuriosen Sitten der Hotelangestellten, und, besonders wichtig: Gespräche über Musik.

Kronauer ihrerseits lässt eine alte Opernsängerin auftreten, Madame Collin, die zwar nicht zum kleinen Kreis um den Zeremonienmeister Willaert gehört, aber dafür die Operntheorie der Frau Fesch ganz wunderbar auf den Begriff bringen darf. Die Collin sitzt im Frühstücksraum des Malibu und erläutert, Oper sei "angestaute Energie sonst nicht ausgesprochener Gefühle". Frau Fesch hört vor Zustimmung zu kauen auf: "Richtig, Madame, der Sehnsucht müssen Gegenstände, ein Gesicht, die heilige Rita, ein Hochgebirgstal (Felsschlauch glücklicher, wüster Menschenleere, klaffend zwischen europäischen Zufahrtsstaßen), ein Liedchen hingehalten werden, in die sie münden kann. Umgekehrt schlüpft man wiederum durch diese Schlüssellöcher tief in die phantastische Welt seines eigenen Inneren."

Und wer ist der Musikus in Kronauers Roman? Er hat keinen Namen. Wir erfahren nur von seinem international bekannten barocken Lockenkopf. Gleich auf den ersten Seiten blitzen irgendwo männliche Locken auf, und Frau Fesch rast das Herz. Aber das ist er noch nicht, den die Verliebte erwartet, das ist nur eine Erscheinung, nur der Zauber der Ähnlichkeit.

Von Dover soll er über das Meer nach Oostende kommen, um ihr neben der Liebe jene Musik zu bringen, die ihr zu ihrem Opernlibretto noch fehlt. Ja, Opernlibretto. Nun ist es heraus - Willaert hat ebenfalls eine ganze Weile gebraucht, bis er der Tricksterin auf die Schliche gekommen ist. Frau Fesch, eine Dichterin! Willaert, der kulturbeflissene schwule Parfümhändler aus Antwerpen, will das Libretto unbedingt lesen und fragt interessiert, wie es denn heiße? Siehe da: "Alice oder das blaue Pantöffelchen." Verraten wird noch, dass es Joseph Conrads Erzählung "A Smile of Fortune" folge.

Und schon befinden wir uns inmitten des "Schmierentheaters", von dem die alte Sängerin und verblichene Schönheit Madame Collin in ihrem Frühstücksgeplauder ebenfalls spricht. Die zeitgenössische Oper, damit ist Kronauers Frau Fesch d'accord, kommt ohne profane, läppische Anteile nicht aus. Und ausgerechnet an Sonia, der "Schneeantilope", diesem zwischen Animalischem und Pflanzlichem angesiedelten Wesen mit seinem sehnsüchtigen "Flehmen" - eine Kronauersche Wortschöpfung -, ausgerechnet an ihr wird die größte Profanisierung vollzogen.

Nicht dem jugendlich drängenden Roy gibt Sonia nach, nicht das verkörperte Liebesleid kitzelt deren Sinne, sondern ein Halbkrimineller: ein kleiner, knittriger Kerl, der einfach nur zuzupacken weiß. Roy erkennt, sie sei eine "Idiotin" geworden, ohne deshalb weniger zu leiden.

Spätestens, als Willaert das Libretto der Frau Fesch seinem Freund de Rouckl vorträgt, während die Verfasserin heimlich zusieht, spätestens da ist klar, dass Kronauer ihren Roman auf einer zweiten Ebene als Oper angelegt hat. Beim ersten, flüchtigen Lesen redundant wirkende Motive sind, so gesehen (so gehört), Themen, Variationen, Melodien: die Goldzähne in Willaerts kakaodunkler Mundhöhle - eine Anspielung auf Belgiens koloniale Vergangenheit in "Belgisch-Kongo", die oft in diesem Buch zur Sprache kommt - oder das Hinken des armen Roy oder die Pantoffeln des Großmütterchens. Apropos Schuhe. Die Großmutter-Pantoffeln erfahren gleich zwei Variationen: durch das "blaue Pantöffelchen" der Alice aus Frau Feschs Libretto und durch Sonias hochhackigen Fetisch, den sie für ihr Rendezvous mit dem Faltigen angelegt hat.

Dieses Detail wiederum beobachten Frau Fesch und Roy durch die Scheibe eines Restaurants, angewidert (Fesch) und wimmernd (Roy). Frau Fesch und Roy sind überhaupt ein bemerkenswertes Paar. Im Zusammenhang mit ihm sagt die Erzählerin plötzlich "wir". Wie kann das sein? Eine Erklärung wäre: weil er ihr Opernheld ist. Warum sonst sollte Frau Fesch konstatieren: "Leute vom Schlage Roys haben so viel Begeisterung als Rohstoff in sich, daß man sie vor leere Kartons stellen kann und ihnen befehlen: Sei außer dir, sei euphorisch, rase!" Ihr Wunsch ist ihm Befehl. Roy rast, Roy ist außer sich, ja Roy wird gewalttätig. Er stürzt in das Restaurant, in dem sich die kokette "Impala" an den ludenhaften Alten anschmiegt, er plustert sich auf, schlägt schließlich zu - bekommt ein blinkendes Messer zu sehen und gekonnte Fausthiebe ins Gesicht. Stürzte Frau Fesch, sein Schutzengel, nicht hinterher, erginge es Roy noch schlechter. Und die schöne Sonia steht daneben.

Man kann sagen: Nun sind die Dämonen hinter den farbenfrohen Ensor-Masken hervorgekrochen. Ein zweites Mal, als Roys "Rohstoff" mit ihm durchgeht, als er seine Großmutter vor die Straßenbahn schubst, hat er wieder Glück: Willaert fängt die ahnungslose Greisin auf. Roy rät er, besser nicht mehr mit ihr zu verreisen. Der Ratschlag eines enttäuschten Teufels, wie Frau Fesch weiß. Denn an Maurizios bescheidener Intelligenz ist ihm der Geschmack inzwischen vergangen. Höchste Zeit also, das Feld zu räumen. Was will "man" auch mehr? Libido ist in Tanatos umgeschlagen, Kunst in Kitsch, das Hohe ins Niedrige. Das Spektrum des Rohstoffs Leidenschaft wurde ausgereizt, mit der alten Sängerin Collin gesagt: Die "angestaute Energie sonst nicht ausgesprochener Gefühle" ist im Romantext aufgegangen. Im Libretto übrigens stirbt das Mädchen Alice durch Selbstmord. Genau wie unsere schläfrig schöne Sonia hatte sie sich durch erotische Uneindeutigkeit in Not gebracht, was für ein Schmierentheater, in der Tat.

Was fehlt, ist allein die Musik. Aber da kommt schon der Catamaran Dover - Oostende mit dem komponierenden Lockenkopf an Deck. Das Finale, der atemlose Lauf der Frau Fesch zum Hafen, zum Schiff, ist ein Lauf nicht nur zum Geliebten, sondern auch - zur Musik. Die Geburt der Farce aus dem Geist der Musik, so darf man Brigitte Kronauers ambitionierte Interpretation jenes Nietzsche-Zitates deuten, das sie dem Roman voranstellt: "Diese Erdichtungen, welche unseren Trieben der Zärtlichkeit oder des Scherzes oder der Abenteuerlichkeit, oder unserem Verlangen nach Musik und Gebirge Spielraum und Entladung geben..."

Brigitte Kronauer, die "helle Schwester" Elfriede Jelineks, wie Reinhard Baumgart einmal formulierte, hat einen hochartistischen, ganz und gar europäischen Künstlerroman auf der (Gebirgs-)Höhe der Zeit geschrieben. Beim wiederholten Lesen gewinnt er die Leichtigkeit, die ihm gebührt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1204 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau