Verlangen
nach Drachen.
Roman von Verena Rossbacher
(2009, Kiepenheuer&Witsch).
Besprechung von Nicole Henneberg in der Frankfurter Rundschau, 6.10.2009:
Modernes
Märchen
Liebestolle Drachen
Auch wenn die Sorge, aus der Leipziger Schreibschule könnten nur stromlinienförmige Texte ohne Eigensinn hervorgehen, sich als unbegründet erwiesen hat - eines lernen die Absolventen dort sicher: den Markt zu beobachten. Außerdem sichert die gängige Seminarpraxis, entstehende Texte zu diskutieren und sie in einem quasi demokratischen Prozess weiterzuschreiben, den Romanen und Erzählungen eine erprobte Lesertauglichkeit. Eigenwillig, unterhaltsam zu lesen und voll überraschend verknüpfter Motive - in diesem Sinne ist Verena Rossbachers Debüt "Verlangen nach Drachen", ihre Abschlussarbeit des Literaturinstitutes, ein perfekt gelungenes Produkt: vom Fantasy-Cover bis zum dramatisch schönen Autorinnenphoto. Und es ist ein Wagnis: ein modernes Märchen, das die Grenzen der Gattung ausreizt und die Stadt Wien zu einem magischen und apokalyptischen Schauplatz macht.
Die Autorin interessiert sich für die Bruchstellen in Biographien, "wo das Eis sehr dünn und wo die Haut sehr dünn ist". Davon handelt ihr Roman, der vom Begehren und dessen Scheitern erzählt: Sechs von Klara, der abwesenden Heldin des Romans, verlassene Männer reden sich ihren Schmerz von der Seele. Die Konstruktion ist raffiniert, denn je mehr über Klara erzählt wird, desto unbestimmter und widersprüchlicher erscheint sie. Jeder der Verzweifelten sehnt sich nach einer völlig anderen Klara: einer Nymphe, einem Vamp, einer Kindfrau, einem Naturmädchen.
Mit ihrem Vater fängt es an, der selbst gern
Namen und Identität wechselt und Hochstapler im klassischen Sinne ist. Er
verkehrt in der kleinkriminellen Unterwelt von Wien, seine Gangsterfreunde
heißen Zyklop und Atlas, und ihre Geschäftsideen sind halb zauberisch, halb
absurd. Ein unbestimmtes, märchenhaftes Wien ist der Schauplatz des Romans,
klassisch ausgestattet mit Fleischer, Blumenladen und dem Restaurant "Neugröschl",
in dem Klara manchmal kellnert.
Unverkennbar ist Verena Rossbacher, 1979 in Vorarlberg geboren, von
Musil und
Joseph Roth, Doderer und
Horváth geprägt. Ihre Figuren sind
melancholisch und fatalistisch, die bieder-scheinheilige Gemeinheit der
"Geschichten aus dem Wienerwald" schwingt in allen Dialogen mit - auch wenn
diese sich, wie im Blumenladen, um Versteinerungen, Engel und alchemistische
Versuche drehen. Halb Zauberwald, halb Verführungs-Labyrinth ist dieser Laden,
doch dagegen ist Klara immun.
Die ersten sechs Romankapitel, lauter Verzweiflungsmonologe, drehen sich in
redundanten Endlosschleifen und verlieren sich mitunter in running gags und
überstrapazierten Bühneneffekten - etwa wenn der tollpatschige Professor Teupel,
ein fanatischer Paläontologe, immer wieder den gleichen, zerstreuten Auftritt im
Blumenladen hinlegt. Die Zusammenbrüche laufen immer nach dem gleichen Muster ab
- den schönsten (dem man die Theatererfahrung der Autorin anmerkt) liefert der
Musiker Wurlitzer im "Neugröschl". Sein Lamento schraubt sich in hysterische
Höhen, und alle Wut, allen Liebesfrust kippt er auf Frau Teupel, seine zufällige
Tischnachbarin, die sich von ihm begehrt fühlt. Eines der vielen
Missverständnisse des Romans mit gravierenden Folgen.
Bis hierher geht die Geschichte kein Risiko ein, jetzt meldet sich Klara zu
Wort, und zum Vorschein kommt - ein kindlich-naives Gemüt, dessen schlichte
Sätze in bestürzendem Kontrast zu dem Chaos stehen, das sie entfesselt. Der
Roman, der mitunter sprachlich unkonzentriert und verplaudert schien, wird
hochspannend und böse. Wie ein Kartenhaus zerfallen die männlichen Projektionen,
und die biedere Frau Teupel, vom verzweifelten Musiker mit seiner Begierde
infiziert, feiert mit den Verlassenen ein dionysisches Fest, während ihr
Ehemann, ein Bruder von Canettis Bücherfanatiker Kien, halbnackt und leise
jammernd durch die zerstörte Wohnung irrt.
In einem zarten, musikalisch schwingenden Märchenton wird diese Groteske erzählt
- Schuberts "Impromptus" haben ihr Schreiben begleitet, sagt Verena Rossbacher.
Aber die besondere Sogwirkung des Romans entsteht durch das sehnsüchtige Riechen
und Schmecken seiner Figuren und ihre aberwitzigen Versuche, das Flüchtige
festzuhalten.
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