Verlängerte Reise.
Roman von Jan Bürger (2001, Kowalke).
Besprechung von Christine Rigler aus Der Standard, Wien vom 30.9.2001:

Leuchtdioden-Lagerfeuer und Uhrgeticke
Koneffke, Bürger, Schamp. Drei Romane jüngerer deutscher Autoren

Jan Koneffke (41) steuert mit Paul Schatz im Uhrenkasten einen Roman zur NS-Erinnerungsliteratur bei und rekonstruiert die Schrecken der Nazi-Zeit aus der Perspektive eines halb jüdischen Kindes. Als Sohn aus einer Mischehe zwischen verschiedenen Identitäten hin- und hergerissen, vergöttert der Junge Paul Schatz die mächtigste Erscheinung in der Familie, den herrischen Großvater.

Der fanatische Uhrensammler, der seinen jüdischen Schwiegersohn verabscheut, erscheint dem Enkel auch als Herr über die Zeit - die es für die Verfolgten mühselig zu überstehen gilt. Nach dem Tod des Großvaters träumt das Kind davon, wie dieser in einer Loge im Erdinneren die Zeiger der Weltuhr verstellt und so das Unrecht verhindert. Immer grausamer aber stellt sich die Wirklichkeit ein und bringt Pauls Fantasien zum Verstummen. Nach und nach werden die Juden aus dem Berliner Scheunenviertel verschleppt und ermordet; Paul selbst überlebt bei Verwandten im Osten Deutschlands. Dort muss er auch erfahren, wie sein Idol, der Großvater, in seinem antisemitischen Hass den Tod der Mutter mitverschuldet hatte.

Jan Koneffke bringt einige anrührende Episoden und Bilder zustande, beschwört mit seinem Erzählduktus die verlorene jüdische Kultur in Deutschland; seinen gealterten Helden Paul lässt er - ein überdeutliches Symbol - eine gigantische Uhr konstruieren, in der mit Figuren der Ermordeten und Verschwundenen die zerstörte, vergangene Welt der Kindheit wiederersteht. Der Roman, so scheint es, soll die Macht der Wörter und der Literatur als Speicher von Erinnerung beweisen, und zwar unter anderem in einem quantitativen Sinn. Die Neigung zum Tiradenhaften, der verschwenderische Gebrauch von (ziemlich antiquierter) Sprache gibt dem Buch durch den speziellen Rhythmus ein zügiges Tempo, führt aber auch zu Redundanzen.

Jan Bürgers (33) Verlängerte Reise könnte man ebenfalls als Retrospektive - der postmodernen Literatur der 80er-Jahre - lesen. Die Parallelen sind auffallend: der Ich-Erzähler als Flaneur und Beobachter, der hier durch die Großstadt streift, um seine verlorene Liebe zu suchen; die (namenlose) Metropole als Abgrund und Labyrinth, in dem sich die Besucher emotional verstricken, verirren, lustvoll in Gefahr begeben - bis das Spiel im einen Fall abgebrochen, im anderen ernst wird; der Roman gleichzeitig als Labyrinth paradox verschränkter Textebenen.

Bürgers Ich-Erzähler Peer Brenner wird von einem vermeintlich freundlichen Bewohner der Stadt in die Falle gelockt und dessen Gefangener. Dagegen gelingt es einem mit Brenner befreundeten Paar, das sich zur gleichen Zeit in der Stadt aufhält und dort zur Auffrischung seiner Beziehung erotische Aufreißerspiele betreibt, gerade noch, dem perversen Fremdenführer zu entkommen. Bürger verlässt sich sehr auf die selbst auslösende Strahlkraft des Mythos "Großstadt", ohne dessen Faszination, über die Anrufung von Klischees hinaus, selbst entsprechend zu erzeugen und konkret zu vermitteln. Nur indem man zum Beispiel eine Stadt nicht benennt, also auf genauere Konturen der Geschichte verzichtet, wirkt diese aber nicht automatisch geheimnisvoll oder charismatisch. Daher fehlt dem Roman der Sog, auf den er baut.

Zukunftsvision: Die Außenwelt - "versunken wie einst Atlantis" - existiert nur mehr als Fiktion einer im Zentralcomputer generierten Wirklichkeit. Die Menschen sind zu isolierten und medikamentös unterjochten Dumpf-Gehirnen geschrumpft, der von ihnen selbst geschaffenen künstlichen Intelligenz um Welten unterlegen. Fred, Joe, Scotty, Mack, Sam, Jim, Bill und der Erzähler Kid sind einfache Hilfsprogramme. Ihr Credo lautet: "Du sollst nicht gegen die Programmierung verstoßen". Ihre Aufgabe ist es, eine Herde menschlicher Hirne nach Osten zu treiben. Aus unerfindlichen Gründen allerdings werden die "Brainboys" einer nach den anderen defekt und stellen nicht vorgesehene Fragen nach dem Sinn des Ganzen. "Sie grübeln sich weg", was bedeutet: Sie werden gnadenlos gelöscht. Der Autor und Konzeptkünstler Matthias Schamp (37) kreuzt mit seinem Roman Hirntreiben.EEG den Western mit dem Science-Fiction-Genre. Aus dieser Kombination ergibt sich eine Reihe von Gags und ein paar davon sind auch ganz amüsant (wie "Leuchtdioden-Lagerfeuer", "Datengras" als Futter für die Hirne, Angeln im "Informationsfluß" usw.) - dieser Level des Wortwitzes wird auf den immerhin zweihundert Seiten dann jedoch kaum mehr vertieft. In Tradition der Trivialadaption mit Kunstanspruch hält Schamp sein Werk mit dem Augenzwinkern der Ironie auf Distanz zu den Niederungen des Schunds. Das Spiel mit der Nichterfüllung von Erwartungshaltungen fordert den Verzicht auf die in Western und Science-Fiction üblichen Qualitätsansprüche; damit schwindet aber auch deren Unterhaltungswert, auf den andererseits rekurriert wird. []

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