Verbrecher und Versager.
5 Porträts von Felicitas Hoppe (2004, Marebuchverlag).
Besprechung von
Dorothea Dieckmann in Die Zeit, 22.7.2004:

Dichter an der See
Hoppe, Kennedy, Zeh

Rantum auf Sylt

Kaum hat man die Insel betreten, da haut es einen um. Der Sturm kommt von links. Die quietschgrünen Laternen auf dem Bahnhofsvorplatz knicken steif zur Seite. Daneben ragt, auch sie giftgrün und windschief, die trashigste aller Touristenfamilien meterhoch in den grauen Himmel, in Shorts und Bikini, Halt suchend auf gigantischen Barfüßen, die Plastik-Haarschöpfe waagerecht in der steifen Brise. »Hätte man sich sparen können«, sagt der Besitzer der Imbissbude an der Ecke zu den im Jahr 2001 unter viel Protest enthüllten Figuren des Künstlers Martin Wolke. Mir gefällt’s. Aber irgendetwas stimmt nicht.

Was, entdecke ich erst auf dem Gelände des Kulturzentrums Syltquelle am Rantumer Hafen, Blick aufs Watt: Zum ersten Mal im kalten, nassen norddeutschen Sommer ist es vollkommen windstill. Kein Gräschen regt sich. Die Künstler sitzen draußen. Der Saxofonspieler trägt einen schwarzen Hut, A.L.Kennedy eine schwarze Lederhose, Felicitas Hoppe knallroten Lippenstift, und Juli Zeh, Inselschreiberin dieses Jahres, hat ihren Hund dabei. Gelesen wird in der Abfüllstation, hundert Leute vor Tausenden Mineralwasserkästen. Es riecht nach Schwefel. Das Saxofon spielt Take Five.

Felicitas Hoppe stimmt das Thema an. Sie liest aus Verbrecher und Versager, ihrem jüngsten Buch, in dem vergessene Glücksritter zum Leben erweckt werden, skurrile Reisende aus drei Jahrhunderten. Da erzählt eine Wirtin im Jahr 1781 über ihre Untermieter Friedrich Schiller und Franz Kapf. Der eine schreibt die Räuber, der andere lässt sich als Heidenmissionar nach Afrika anwerben: »Dem Dichter das Werk, dem Soldaten das Leben.« Der rhythmische Märchenton dieser glasklaren Prosa macht das Vergangene gegenwärtig und bringt die Ferne nah, nüchtern fabulierend, verspielt rekonstruierend. Ihre eigenen Reisen haben Hoppe ins fantastische Kielwasser der historischen Figuren gebracht. Verführt, entrückt, im Sturm erobert werden wir jedoch von jemand, der sich, wie Schiller, nicht von zu Hause wegbewegt. Jennifer, die Protagonistin von A.L.Kennedys Roman Also bin ich froh, erzählt über sich und warum sie, statt zwischen ihren friedlichen Laken einzuschlafen, das Bett zerwühlt: Sie denkt an Sex, eiskalten, sadistischen Sex (die knallharte Szene, die davon ein Beispiel gibt, muss Kennedys Übersetzer Ingo Herzke, ein wenig beklommen, auf Deutsch vorlesen). »I’m not emotional«, sagt Jennifer trocken, »you should know that about me.« Und ihre Erfinderin wirft, noch trockener, ein: »She is an unrelieable narrator.« Fast auswendig rezitiert sie Jennifers Selbstgespräch. Eindringlich und absolut unaufdringlich ist diese leise Performance, eine irrsinnige Mischung aus Scheu und Selbstironie, Kälte und Wärme. Es ist, als entstünde der Text vor unseren Ohren.

Wir hätten gern angehört, wie sich Jennifers zerstörte, durch Reflexion abgedichtete Innenwelt der Liebe öffnet, wenn Cyrano de Bergerac auf einer fantastischen Zeitreise in ihr Leben fällt. Stattdessen geht es mit Juli Zeh nach Bosnien: Leseproben aus ihrem Reisebericht Die Stille ist ein Geräusch. Hauptfigur ist zunächst der Hund, den wir vorher zu Gesicht bekamen. Dann geht es – »Sie erfahren zwar jetzt nicht so viel aus dem Inneren Bosniens, aber ich lese die Stelle einfach so gern« – um die deutschen Kfor-Soldaten, die Leberwurst essen, in »Hosen, Bade, blau« schwimmen gehen und von Land und Leuten keine Ahnung haben. Aber irgendetwas stimmt nicht. Die gefällige, monoton mit intelligenten Gags gespickte Rhetorik der »naiven« Reisenden wirkt so glatt und cool wie die »abstrakten« Kriegsberichte, gegen die sie sich richtet. Das ist wohl der Preis der Authentizität. Als Ingo Herzke nach der Lesung nach dem Verhältnis von Literatur und Wahrheit fragt und Juli Zeh betont, wie »unglaublich offen und vielschichtig die Leute in Bosnien denken«, klingt es ein wenig nach TUI für Akademiker. »Man muss der schreibenden Zunft misstrauen«, sagt Felicitas Hoppe vieldeutig, »Hinschauen kann blind machen.« Allison Kennedy lacht und stottert und denkt beim Reden. »We are fiction authors«, sagt sie. »We live in a strange middle-land.« Und das liegt ganz nah. Dort, wo Cyrano de Bergerac vom Himmel fällt. Wie die grünen Riesen am Bahnhof.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0904 LYRIKwelt © D.D./Die Zeit