Veras Tochter.
Roman von Elke Schmitter (2006, Berlin Verlag).
Besprechung von
Wolfgang Schneider in Neue Zürcher Zeitung vom 9.8.2006:

Das Jämmerliche an der Liebe
Elke Schmitter kehrt mit dem Roman «Veras Tochter» zu ihrem Erstling zurück

Das muss ein wunderschöner Abend für Elke Schmitter gewesen sein, damals, als Marcel Reich-Ranicki im «Literarischen Quartett» ihren Liebesroman «Frau Sartoris» in überschwänglichen Tönen pries. Er wurde ein Bestseller, versteht sich. Dann kam das zweite Buch, «Leichte Verfehlungen», das in der parkettschimmernden Welt der sanierten Berliner Altbauwohnungen angesiedelt war, ein Roman über ein Damenquartett aus dem gehobenen Kulturmilieu der Hauptstadt: Sonntagmorgendebatten im Derrida-Lesekreis, Vernissagen, Theaterpremieren. «Leichte Verfehlungen» verzichtete mit der grossen Verfehlung auch auf alles, was den Leser gefühlsmässig in die Lektüre verwickeln könnte. Es war der Versuch eines Gesellschafts- und Konversationsromans, bei dem jedoch die hölzernen Dialoge und der manchmal prätentiöse Ton störten. Man fragte sich, wo die sprachlichen Qualitäten von «Frau Sartoris» geblieben waren, der aussergewöhnliche Sinn für Rhythmik, die unangestrengte Prägnanz des Ausdrucks.

Auftakt mit Paukenschlag

Nun sind sie wieder da. In ihrem dritten Roman kehrt Schmitter zurück zum ersten. Die Lobrede Reich-Ranickis auf «Frau Sartoris» wird ausführlich zitiert. Ist das peinlich oder an der Postmoderne geschulte Selbstreferenzialität? Die Tochter sei eine blasse und deshalb entbehrliche Figur in «Frau Sartoris», meinte der Kritiker. Nichts da!, erwidert Elke Schmitter und legt nun ergänzend den Lebensroman der Tochter vor – oder zumindest den einer Frau, die sich mit der Tochter verwechselt. Katharina Meininger heisst sie. Was ist das für eine Person, die ihr und ihrer Mutter Schicksal derart in einem Elke-Schmitter-Roman nachgezeichnet sieht, dass sie ihre Anwältin einschaltet? Jahre der Therapie hat sie hinter sich, was wohl etwas heissen soll. Und niemand, der nicht an die gegenwärtigen Debatten über die Verletzung von Privatsphären durch literarische Darstellung denken würde.

Eine Frage wie ein Paukenschlag steht am Anfang: Hat die Mutter «meinen Geliebten umgebracht»? Das wirkt wie ein verzweifelter Versuch, uns zum Weiterlesen zu zwingen. Das willst du doch sicher wissen, Leser, ob Mutter diese ungeheuerliche Tat begangen hat. Also los, Seite für Seite voran. Aber solche Animation ist entbehrlich. Denn auf den verstolperten Beginn folgen atmosphärisch starke Schilderungen einer provinziellen Siebziger-Jahre-Jugend. Die ganze Tristesse scheint in einem Wort wie «Cervelatwurst» komprimiert. Wie in «Frau Sartoris» ist die Tochter ein trauriges Einzelkind zwischen der egozentrischen Mutter, die ihre unglückliche Befindlichkeit erst mit Piccolos, dann mit Schnäpsen bekämpft, und dem nicht unsympathischen Vater mit der Beinprothese, der sein Leiden mit Fassung trägt.

Nichts los in der Siedlung – «es gab nicht mal eine Litfasssäule». An den Sonntagen herrscht «mehlige Stimmung». Im Übrigen gehören zum Mädchenleben: Vokabelhefte, Pferdekalender, C&A-Blusen. Kaum erstaunlich, dass Katharina die Welt draussen voller unerreichbarer Verheissungen erscheint. Jeden Gammler könnte sie beneiden, weil er das «echte Leben» verkörpert. Katharinas anschwellende Liebessehnsucht begnügt sich nicht mit einem Mitschüler, mit dem man nur wieder in denselben kleinen Verhältnissen ankäme. Sie will etwas ganz anderes, will weg. Und lernt eines Tages Robert kennen. Der ist einige Jahre älter; ein Typ von wortkarger Coolness, der seine dunkle Lederjacke auch an warmen Tagen trägt und vor allem sehr gut aussieht. «Müdigkeit und Abgeklärtheit» gehen von ihm aus. Die beiden treffen sich regelmässig an den Nachmittagen, in einer schäbigen Hinterhauswohnung, die einem verreisten Freund gehören soll. Katharina weiss nicht, wohin Robert geht, wenn er die Wohnung verlässt, sie hat keine Ahnung, womit er Geld verdient.

Eines Tages kommt Robert nicht zur verabredeten Stunde – einen ganzen Nachmittag wartet Katharina vergeblich im Hinterhof. Verlorener kann niemand sein als dieses fröstelnde Mädchen mit dem Ballettbeutel, das am selben Abend noch einen Zusammenbruch erleidet. Liebe ist eben nicht nur, wie in allen Schlagern besungen, grossartig und herzaufquellend; sie kann auch etwas sehr Jämmerliches sein.

Seit der Liberalisierung der Lebensverhältnisse und der leichten Trennbarkeit von Beziehungen hat der Liebesroman mit seinem grossen Thema, dem Ausbruch aus den bürgerlichen Konventionen und der gedämpften Normalität, einen schweren Stand. Elke Schmitter gehört zu den nicht zahlreichen deutschen Autoren, die noch überzeugende Liebesgeschichten erzählen können. Ihre Analysen der Leidenschaft erinnern bisweilen an Max Frisch, den Beschreibungskünstler von Affären, Seitensprüngen und Ehemalaises aller Art.

Ob die Mutter aber nun tatsächlich den Geliebten mit dem PKW ins Jenseits befördert hat – diese eingangs gestellte Spannungsfrage bleibt offen. Auf jeden Fall schieben die Eltern die Tochter nach Aufdeckung des unerwünschten Verhältnisses ins Internat ab. Später geht Katharina nach Berlin und lebt dort in einer Wohngemeinschaft, in der sich bald ähnlich festgefahrene Rituale entwickeln wie daheim im Kaff. Dann zieht sie nach Köln, arbeitet für eine Musikagentur. Am Ende gibt es noch zwanzig glänzende Seiten über den Tod des Vaters und einen Besuch bei der plötzlich wieder verjüngt wirkenden Mutter in Baden-Baden. Weniger vital erscheint Katharina die eigene Generation der im Wohlstand aufgewachsenen Mittvierziger: Sie wirken früh alt und «schon verbraucht von einer Anstrengung, die keiner benennen konnte».

Schlackenlose Prosa

Über weite Strecken schreibt Schmitter schlackenlose Prosa; gelegentlich stören jedoch stilistische Gewolltheiten und schiefe Vergleiche. Da liegt «das eigene Selbst, riesig, gelähmt, ganz leer vor Erwartung, am Strand des Alltags wie ein präparierter Wal». In der prinzipiell hyperbolischen Metaphorik des Liebeslieds mögen Hurrikane zupass kommen; in Prosa wirkt dergleichen trivial: «Es kam vor, dass ich meine Schultasche packte und mich plötzlich, ohne Anlass und Warnung, ein Energiestoss durchfuhr, als wäre ich in einen Orkan geraten, in einen Hurrikan . . .»

Für die meisten Leser, die «Frau Sartoris» vielleicht doch nicht so parat haben wie «Madame Bovary» oder «Effi Briest», bildet die selbstreferenzielle Rahmenkonstruktion eine Lesehürde. «Veras Tochter» ist ein unglücklich gebautes Buch, in dem sich dennoch eine lesenswerte Geschichte verbirgt. Eine Geschichte, der Schmitter offenbar selbst nicht genug traute. Dabei hätte sie, so porentief erlitten, wie sie hier erzählt wird, durchaus Vertrauen verdient.

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