Verabredung mit Mattok.
Roman von Julia Schoch (2004, Piper).
Besprechung von Thomas Kraft in der Frankfurter Rundschau, 7.7.2004:

Komm mit!
Mattok reibt sich das Kinn: Julia Schoch erzählt von einer Liebe

Bei "Verabredungen" denkt man an Zeit- und Ortsangaben und, wenn die Liebe mit im Spiel ist, vielleicht auch an Blumensträuße und konkrete Absichten. Doch davon sind die Begegnungen zwischen Claire und Mattok meilenweit entfernt; herzflattrig umschwirren sich die junge Frau und der große, schlaksige Mann in Julia Schochs Debütroman, mal geradezu magnetisch voneinander angezogen, dann wieder verstört und fast abweisend. Beide treffen sich in einem Kurort an der Ostsee; Claire lässt hier ihre mit einem Ekzem befallene Hand behandeln und Mattok, der sich offenbar an einem Bankraub beteiligt hat, sucht einen günstigen Fluchtweg über die Grenze nach Polen.

Viel passiert nicht in diesen Tagen ihres amour fou, abgesehen von der Havarie eines baltischen Öltankers, der vor der Küste leckgeschlagen ist und in Kürze unterzugehen droht. Diese kurz darauf auch tatsächlich eintretende Umweltkatastrophe strukturiert den Text, ihr gelten Anfangs- und Schlussbild des schmalen Romans, sie motiviert die Nebenfiguren der Handlung - Einheimische und Helfer, die den Strand vom Ölschlick befreien und die Vögel zu säubern versuchen sowie die zahlreichen angereisten Journalisten - und sie schwebt menetekelhaft über der Beziehung von Claire und Mattok. Um diese geht es ausschließlich in diesem Text, und das führt gleichermaßen zu wunderbaren Szenen und zu kleinen Erschöpfungszuständen.

So unvermittelt und schräg diese Liaison beginnt - Mattok reibt sich im Strandlokal das Kinn, was Claire als Aufforderung zum Mitgehen auffasst und dies auch ohne zu Zögern tut -, so geht sie auch weiter. Während die Welt ihren Fokus für eine sehr kurze Zeit auf den Strand des kleinen Ostseebades richtet, um dann schnell weiter zur nächsten Sensation zu hecheln, haben sich Claire und Mattok ineinander verkeilt, spielen Ping-Pong mit ihren Gefühlen und sehen sich und den anderen im Spiegel ihres Herzens. Ständig tun sie etwas, meist nebensächliche Dinge, die Autorin erzählt uns jede dieser Kleinigkeiten. Und so kommt es, dass der Charme dieser ungewöhnlichen Affaire in der Fülle der Details abhandenzukommen beginnt. Bewegungen, Blicke und Gänge werden genau beschrieben, aber da sie fast alle ins Leere laufen, wartet der Leser sehnsüchtig schon mal auf diverse Handgreiflichkeiten oder andere Konkretionen dieses Wirbels ("eine Weile ließ sie sich streicheln wie ein schwitzendes Tier"), und sei es, dass Claire nur in der Nacht vor Mattoks Tür steht und sich unschlüssig die Stirn kratzt. Beide spielen ihr Spiel mit der Intensivität, die ihnen die Augenblicke des Zusammenseins gewähren.

Eine Perspektive, glaubt man zu verstehen, hat diese Geschichte nicht. Sie kreist um zwei Menschen, die sich ungeachtet des großen, sich in ihrer unmittelbaren Nähe ereignenden Unglücks lieben in der Ahnung, dass sie etwas Tieferes miteinander verbinden könnte. Julia Schoch erzählt diese Geschichte auf eine sehr stringente, in sich geschlossene, kunstvolle Weise. Auf diese Konsequenz muss man sich einlassen mögen, sonst wird man sich für das leichte Glück von Claire und Mattok nicht interessieren.

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