Verabredungen/Afspraken, Gedichte/Gedichten von Katharina Bauer, Bianca Boer, Thomas Kade, Els Moors,Ralf Thenior, Tsead Bruinja, Ellen Widmaier, Menno Wigmann (2014, Literair Productiehuis Wintertuin, Nijmegen).Verabredungen/Afspraken.
Gedichte/Gedichten von
Katharina Bauer, Bianca Boer, Thomas Kade, Els Moors, Ralf Thenior, Tsead Bruinja, Ellen Widmaier, Menno Wigman (2014, Literair Productiehuis Wintertuin, Nijmegen).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, März 2014:

Von einem holländisch-deutschen Literaturprojekt ist zu berichten, das zur Nachahmung nur empfohlen werden kann.
Vier nordrhein-westfälische Dichter und Dichterinnen übersetzten Gedichte von vier niederländischsprachigen Autoren und Autorinnen ins Deutsche, die vier niederländischsprachigen Kollegen Gedichte der deutschen Kollegen ins Niederländische.

Katharina Bauer übersetzte Gedichte von Bianca Boer ins Deutsche und umkehrt. Bianca Boer übersetzte Gedichte von Katharina Bauer ins Niederländische. Die drei anderen Paarungen bildeten Thomas Kade und Els Moors, Ralf Thenior und Tsead Bruinja und last not least Ellen Widmaier und Menno Wigman.

Aus dieser sicher spannenden, kollegialen, originären und Übersetzungsdichtkunstarbeit sind zwei Bücher entstanden, von denen das holländische Pendant zur deutschen Ausgabe „Verabredungen/Afspraken“ das Objekt meiner Besprechung ist, die vier deutschen Dichter und Dichterinnen Katharina Bauer, Thomas Kade, Ralf Thenior und Ellen Widmaier und ihre Gedichte, ins Holländische übersetzt.

Man möge mir nachsehen, dass ich zu den holländischen Übersetzungen nichts sagen kann, da ich der holländischen Sprache nicht mächtig bin und daher mein Augenmerk auf die deutschen Originale richte, ein, ich möchte behaupten, intensives Leseerlebnis, das mit einer überraschenden Entdeckung begann, den Gedichten von Katharina Bauer, die ich bis dato nicht kannte.

Katharina Bauer, geboren 1982 in Dortmund, ist eine Lyrikerin lakonisch verhaltener Töne, leise, treff- und zielsicher: „Wir haben mit Papier/ mehr Geduld als mit Menschen“, lesen wir oder: „Noch eben Anna Karenina lesen bis zu dem Punkt// wo sie unglücklich wird/ das dauert nicht lange.“

Das menschliche Mit- und Gegeneinander thematisiert sie in ihren Gedichten, das Verhalten und Auftreten von Leuten als Individuums in der Gesellschaft mit ihren Zwängen. Auch in der kleinsten Gemeinschaft, der einer Liebesbeziehung, beobachtet sie Freud und Leid, um diese poetisch zu analysieren und wortspielerisch zum Ausdruck zu bringen:

„Es ist nicht viel übrig// von der Stille die du mir eingeschenkt hast/ damit über meine Lippen kein Wort und mein Mund/ deinen Mund nicht findet.“

Oder: „Du hältst dich am Lenkrad fest/ und kannst mich nicht fassen/ wie frei ich bin und/ wie schnell ich ins Dunkle verschwinde.“

Unverstellt sind nicht nur diese Gedichte, die man vielen Zeitgenossen als Spiegel vorhalten möchte, es ist auch Katharina Bauers Ironie, die ihr Dichten zu dem macht, was es ist, ein Trost:

„Ich habe meine Lesezeichen// aus deinen Büchern genommen/ und die Bücher geschlossen/ Und die Betten gemacht/ die Fenster weit auf/ noch während ich bei dir liege// ich habe den Henkern im Traum/ deinen Namen genannt sie sagen/ es gibt keinen Grund dich zu töten/ sie lassen dich leben/ ich spreche dich vogelfrei.“

Sooft ich die Gedichte von Thomas Kade, geboren 1955, lese, die nachdenklich, berührend, aber auch dezidiert daherkommen, wünsche ich mir, dass sie mehr Beachtung fänden. Die Gedichte des Dichters sind schlanke und zarte, fließende Texte, fast frei jeglicher Interpunktion, die den Leser auf nehmen in ihren Sog des Erzählten alltäglicher Gegebenheiten und Beobachtungen: „Müder Mann ziemlich früh morgens// an der Zapfsäule heulend fragt sich warum/ ist das Benzin tatsächlich so teuer/ der Vater lange schon tot.“

Thomas Kade schreibt sensibel vom Altern, von der Liebe und dem Tod in der Art, dass man sich oft betroffen wiedererkennt und zustimmend nickt mit dem Unterschied, dass man sich nicht wie er ausdrücken kann: „Die Beerdigung// Handvoll Erde greif ich raus/ Wie traurig sehn die Finger aus.“

Unbedingt erwähnt werden müssen seine Gedichte, in denen er auf ganz eigene und faszinierende Weise vom Erleben der Liebe berichtet: „Momentum intimissimum// sah sie gebeugt/ über das Waschbecken nackt/ sagte ich Offenbarung/ sagte Liebste/ Linie des Nackens/ verlängert über den bleichen Leib.“

Thomas Kade ist ein Dichter, verwurzelt in der Region des Ruhrgebiets, der auch eine Fahrt nach Holland nicht vergessen hat und daher punktgenau in diese Anthologie passt: „Meer als// wer zuerst/ das Meer sieht gewinnt/ wieviele Arten gibt es Sand zu beschreiben?/ sooft wir darin liegen nimmt er uns an/ erst müssen wir die Grenze überfahren/ die es nicht mehr gibt hier steht/ die am meisten siffigste/ Toilette zwischen Dortmund und Domburg.“

Der 1945 geborene Ralf Thenior hat die Literaturszene Nordrhein-Westfalens mitgeprägt wie nur wenige und wurde dafür mit angesehenen Preisen wie den Literaturpreis Ruhrgebiet geehrt.

Seine Lyrik ist außerordentlich, ebenso tiefgründig wie um die Ecke gedacht, melancholisch, ironisch, skurril. „Ich ging im Schlafanzug an Bord, / der letzte Passagier, Departure Nord,/ ein Haufen ungeklärter Fragen im Gepäck.“ Es sind diese Fragen, die den Dichter umtreiben, der weltoffenen, tolerant und weitgereist ist und daher Verse wie diese schreiben kann:

„Doch der Musiker am Niendorfer Markt/ mit kleiner elektrischer Verstärkung/ singt ein bulgarisches Lied: Njama graniza.// Sein Klang ergreift mich und wirbelt mich auf/ in die Luft hoch über die Dächer und über das Land/ nach Osten und Westen in die Welt hinaus.“

Er denkt über das Leben und die Vergänglichkeit nach: „Alter Mann im Winterpark// Unter der Mütze den Himmel/ In der Milz den Möwenflug,/ Pfützeneis in der Hosentasche/ Und Schimmel im rechten Schuh, / Ein Winterlicht im Kniegelenk,/ das locker die Leere trägt,/ Steht er wie eine Kiefer,/ Bald zu Brettern zersägt.“

Ralf Theniors Gedichte klingen nach „Ohne Grenzen“, bilden Augenblicke großer Gefühle ebenso ab wie Augenblicke, die Nachdenklichkeit hinterlassen, ohne larmoyant zu sein. Er ist Dichter durch und durch, der seinem Lebensmittel vertraut: „Die Worte, durchsichtige/ Fische, sprudeln aus einer/ Quelle, die nicht/ versiegen will.“

Die vierte im Bunde der „Verabredungen“-Autoren auf deutscher Seite ist Ellen Widmaier, die als freie Schriftstellerin in Dortmund lebt, eine selbstbestimmte Frau und Dichterin, die, ob gereimt oder in freien Versen, starke, sehr nachvollziehbare Gedichte schreibt, die einen breiten Fächer  an Themen aufblättern, lebensprägende Erfahrungen, Natur, Erinnerung, Liebe, Tod, Politik und

Selbstverständnis, das erst einmal gefunden werden muss: „Mein Fahrrad wurde gestohlen/ außerdem melde ich/ den Verlust meiner Zeit/ Umwege, Irrwege, falsche Berufe.// So viel Politik/ So wenig Lyrik/ das fing an vor meiner Geburt/ Mord – bis in die Familie.“

Authentisch sind die Gedichte der Dichterin, auf der Suche nach Standpunkten, Verortung und Identität: „Du hast nicht Staub gewischt/ sagte samstags meine Mutter/ hast du Lust im Dreck zu sitzen/ ich sagte JA – hab Lust/ störrisches frühreifes Kind/ Klümpchen von Fliegenschiss/ leuchten im Frühlingslicht.“

Originell, ungekünstelt, aber kunstvoll komponiert, bringen sich diese Gedichte zur Sprache, ein Glücksfall für den Leser und die Poesie: „Misanthropische Stunde// Es ist Abend geworden, der Sommer/ endgültig vorbei. Himmel senkt/ seine blauen Lippen herab, / wechselt ins Rot. Morbus Mensch, / dein Gesicht leuchtet auf/ vor Scham.“

Da ich davon ausgehe, dass die Übersetzungen der Gedichte ins Holländische ebenso geglückt sind wie die hier vorgestellten deutschen Originale, kann ich das Buch zur Lektüre nur wärmstens empfehlen, auch als Sinnbild eines grenzüberschreitenden Miteinanders und der Freude, die es macht, einander verstehen zu wollen, um in freundlichem Nebeneinander Gemeinsames und Fremdes zu erforschen und zu vereinen. Wo sollte das gelingen, wenn nicht in der Poesie während des Eintauchens in die eigene oder eine fremde Sprache?

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