Venus im Pudel.
Gedichte von Paul Wühr (2001, Hanser).
Besprechung von Sascha Michel in der Frankfurter Rundschau, 11.10.2002:

Kampf mit dem Licht
Schlechte Performance: Paul Wühr und Michael Lentz im Literaturforum

Es hätte mal wieder so ein richtig exklusives Fest der Poesie werden können: Werner Söllner vom Hessischen Literaturforum wies in seiner Begrüßung ironisch darauf hin, dass sich die "Masse" auf der Buchmesse befinde, während die "Elite" im Mousonturm versammelt sei, und Michael Krüger, Verlagsleiter bei Hanser, betonte in seiner Einführung vielversprechend die Innovationsfreude und Vortragskunst der beiden eingeladenen Autoren.

Doch bei der Lesung von Paul Wühr und Michael Lentz, den diesjährigen Preisträgern des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI, wollte noch nicht einmal eine ironisch gebrochene Avantgarde-Stimmung aufkommen, die man dem Buchmessengerede über Zahlen und Geld hätte entgegensetzen können. Statt dessen gab es business as usual einerseits und schlechte Performance andererseits.

Nach drei brillanten Prologen, in denen Michael Lentz einfach nur nachdenkliche Hmhm-Laute aneinandergereiht oder einen Jean-Paul-Satz syntaktisch auseinandergenommen hatte, ging der letztjährige Bachmann-Preisträger kein Risiko mehr ein und las den in Klagenfurt prämierten, mittlerweile im Fischer Verlag erschienenen muttersterben-Text vor. Innovativ war zwar nichts an dieser sprachkritischen Umkreisung von Krebs und Tod, die sich jedem Erzählen und Psychologisieren konsequent verweigert. Immerhin aber funktioniert ein solcher Text mit seiner distanzierenden indirekten Rede und seinem kalten Feststellungseifer nach Lord Chandos und Handkes Wunschlosem Unglück auch heute noch - zumal Lentz die sezierende Bewegung seiner Sätze rhythmisch perfekt vortrug.

Hatte diese Professionalität von Lentz' Performance immerhin noch das wenig Überraschende von muttersterben kompensiert, so war der danach lesende Paul Wühr, der vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI den Hans-Erich-Nossack-Preis für Literatur erhalten hatte und den Michael Krüger gar für den nächsten Büchnerpreis empfahl, eine einzige Enttäuschung. Warum Wühr in Insiderkreisen so hoch gehandelt wird, konnte der Autor an diesem Abend jedenfalls nicht beantworten.

Hilflos und verdächtig nichtssagend hatte Michael Krüger das bei Hanser verlegte Buch Venus im Pudel, aus dem Wühr Passagen vortrug, "groß" genannt. Das Große aber, mit dem wohl der enzyklopädische Reichtum und das sprachlich Riskante von Wührs Poem gemeint sein sollte, war während der Lesung nicht zu erkennen. Auch die groß angelegte Komposition des Werkes wurde nicht deutlich. Statt dessen stolperte Wühr, mehr mit dem Licht und den notierten Seitenzahlen kämpfend als kontinuierlich lesend, durch sein Buch, das wenn schon nicht groß, so doch erkennbar dick war.

Das vermeintliche opus magnum über Sex und Liebe, die Polarität von Geist und Fleisch, Tier und Mensch, Frau und Mann blieb dabei diffus und wirkte gerade im Vergleich zur Präzision von Lentz' Prosa eher angestaubt statt innovativ. Schade angesichts eines so viel versprechenden Abends.

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