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Vatertagebuch.
Roman von Klaus
Modick (2005, Eichborn)
Besprechung von Jochen
Hörisch in Neue
Züricher Zeitung vom 3.08.2005:
Die Wonnen der familiären
Alltäglichkeit
Klaus Modicks «Vatertagebuch»
«Was für eine Welt, in die diese Generation hineinwachsen muss!», notiert Klaus Modick, stolzer Vater zweier jung-erwachsener Töchter, am 11. März 2004, also am Tag der Terroranschläge in Madrid, in sein «Vatertagebuch». Es gibt originellere Kommentare zu diesem Ereignis. «Dieses Buch ist nicht nur eine Apotheose der Vaterschaft, es ist eine Hymne auf die Familie, eine Verteidigung ihrer Werte gegenüber den Gebildeten unter ihren Verächtern.» Es gibt für Schriftsteller subtilere Weisen, mit Vater- und Autorenstolz umzugehen, als Lobeszeilen eines Verlagslektors wiederzugeben, der soeben einen Blick ins entstehende Manuskript geworfen hat. So machen es Autoren ihren Rezensenten eben nicht leicht, sondern besonders schwer. Es gibt fraglos banale, ärgerliche, eitle, missglückte Passagen in diesem Tagebuch aus dem Jahr 2004. Doch noch diese Passagen lassen sich retten und rechtfertigen. Wirken sie doch wie ein Selbstversuch, von dem kaum abzusehen ist, welchen Grad an Freiwilligkeit er hat: Wie bedrohlich sind in poetisch-intellektueller Hinsicht die Wonnen der Gewöhnlichkeit eines glücklichen Familienlebens?
Glück als Thema?
Ein erfolgreicher Schriftsteller (nie erfolgreich genug, aber doch zufrieden mit seinem Werk und halbwegs zufrieden mit dessen Rezeption) sieht nach nie langweiligen Ehejahren seiner Silberhochzeit entgegen und freut sich am Gedeihen seiner beiden ebenso klugen wie hübschen Töchter. Ein mehrwöchiger Aufenthalt als Gastprofessor an einem gehobenen US-College sorgt, wie in den Jahren zuvor, für die willkommene ritualisierte Abwechslung; die erste «richtige» Liebe der selbständig ebendort studierenden, ihn also nicht etwa begleitenden Tochter gibt Anlass zu geniessend-melancholischen Überlegungen zum Fluss der Zeit und handfester zum Generationenverhältnis. «Vatertagebuch»: ein Versuch über ein glückliches Jahr, über glückliche Jahrzehnte, über ein glückliches Ehe- und Familienleben.
Kann das gut gehen? Die Reaktionen auf ein solches Schreibunternehmen müssen geradezu stereotyp sein. Als eigentlich literaturwürdig gilt nämlich allein das Aussergewöhnliche. Nun liegt aber eine dialektische Umkehrung suggestiv nahe – nicht umsonst bietet der Gastprofessor am Middlebury College einen Kurs über Adornos «Minima Moralia» an. Selten und aussergewöhnlich ist heute eine lang anhaltende, glückliche Ehe; interessant machen sich intellektuelle Paare, die mehr als ein Kind haben; geheimnisvoll sind Köpfe, die nicht krisengelähmt, sondern munter und pointiert produktiv sind; exotisch wirkt im heutigen Literaturbetrieb ein an Raabe oder Fontane geschulter Realismus; Lebensformen, die einmal als bürgerlich-konventionell gescholten wurden, werden von eben den linksliberal-ökologischen Leuten ins postbürgerliche Zeitalter gerettet, die sie überwinden wollten.
Kinder und Bücher
Es gehört zum subtilen Reiz des «Vatertagebuchs», diese und weitere Paradoxien vorzuführen; es gehört zu seiner gelinden Schwäche, diese Vorführungen mitunter durch essayistische Exkurse oder durch Ausbreitung von Lesefrüchten zu verdoppeln. Wunderbar darf hingegen eine Doppelmotivik genannt werden, die das «Vatertagebuch» durchzieht: «liberi et libri» – Kinder und Bücher in die Welt zu setzen und nach den Verwandtschaften zwischen beiden Sphären zu fragen. Modick gibt diesem witzigen, zugleich psychologischen (männlicher Gebärneid!) und philosophischen Motiv eine überraschend klare, handgreifliche und heilig-nüchterne Wendung. Dass er vergleichsweise früh Vater wurde und eine Familie ernähren musste (Eintragungen wie «Skireise von Emilys Sportkurs: Euro 320» bilden einen basso continuo des Tagebuches), veranlasste Modick zur Änderung seines Schreibstils: «Das war also ein Wendepunkt in meiner Entwicklung – weg von der schwer lesbaren sprachlichen Preziose hin zu einer Art plot-orientierten, unpeinlich-unterhaltsamen Erzählliteratur.» Die deutsch(sprachig)e Gegenwart(sliteratur) hat Modicks Familie offenbar viel zu danken – wer weiss: am Ende gar einen Beitrag zur Lösung demographischer Probleme, macht die Lektüre doch Lust auf Familienzuwachs.
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