Vater.
Drama von August Strindberg (187/2008, Theater an der Ruhr, Mülheim).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 7.04.2008:

Schlachtfeld Familie
Ein Ehekriegsstück, einst ein Skandalstück, zeitgemäß geformt: Thomas Peter Goergen inszeniert Strindbergs "Vater".

Die Bühne ist eine Manege, Altmeister Gralf-Edzard Habben hat ein schwarzes und doch durchschimmerndes Halbrund gebaut.

Dahinter wird irgendwann sogar der Schein des Heiligen Abends aufrechterhalten. Am Ende aber liegt der Familiendompteur, der Vater, diese wilhelminische Hierarchiefunktion ohne Namen, gefesselt und dahingestreckt in den Armen seiner Frau. Und die wird sich nie mehr dressieren lassen, seufzt: "Was geschah, entsprang niemals meiner Überlegung, sondern lief auf Schienen, die du selbst gelegt hast."

In August Strindbergs "Vater" streiten sich Eltern um die Erziehung ihrer Tochter, um das, was sie füreinander aufgegeben haben, und um - Freiheit. Ein Ehekriegsstück, genau wie "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", zu dessen Großvätern es zählt. Strindbergs Dreiakter war 1887 ein Skandalstück. "Eine alte Dame ist während einer Vorstellung tot umgefallen, eine andere hat entbunden, und beim Anblick der Zwangsjacke hat sich dreiviertel des Publikums wie ein Mann erhoben, um unter wahnsinnigem Gebrüll den Saal zu verlassen", schrieb Strindberg an Nietzsche, der vom "Todhass der Geschlechter" in diesem Stück hellauf begeistert war.

Nun, im Mühlheimer Raffelbergpark reagierte das Publikum gelassener und bedachte Thomas Peter Goergens "Vater"-Inszenierung für das Theater an der Ruhr mit langem, herzlichen Beifall. Was auch daran lag, dass Goergen sich nicht sonderlich weidet am Geschlechterkampf. Durch kluge Kürzungen und eine geschickte Personenführung legt er vielmehr die soziale Mechanik hinter dem Ehedrama frei, das gegenseitige Aufschaukeln der Parteien im häuslichen Krieg - und was da zugrunde liegt, die unter allem lauernde Angst vor der wirtschaftlichen Deklassierung, die schwankenden Rollenbilder von Männern und Frauen, die so gar nicht mit der Wirklichkeit da draußen übereinstimmen, all das trägt das Stück in Goergens Formung ins Heute. Der dramatische Motor des Ganzen, der Verdacht des Vaters, seine Tochter sei ein Kuckuckskind, wäre heutzutage durch einen DNA-Test ja auch leicht aufzulösen.

Das Schlindern in den Wahn

Aber es geht um Kindererziehung, um unbezahlte Rechnungen, um Familienkontrolle und das Schlindern in den Wahn, das Albert Bork in der Titelrolle sehr kontrolliert, aber äußerst überzeugend nach außen trägt. Er ist ein verzweifelt Liebender, der nicht über den Schatten seines Mannsbilds springen kann, so wie seine Frau Laura aus Abwehr und Wut gegen die Familiendressur auf die wildesten Ideen kommt, aus denen am Ende die große Intrige wächst: Petra von der Beek spielt sie ein bisschen als Frau aus dem letzten Jahrhundert, als Erniedrigte im berechtigten Aufbegehren, als Beleidigte auf kühlem Rachefeldzug. Steffen Reuber gibt dem Doktor Östermark exakt die Unentschlossenheit, die diese Rolle braucht, während Rosemarie Brücher der Amme Margret einen Schuss zu viel Gouvernante verpasst. Der Rest des Ensembles ist deutlich an den Grenzen seiner Darstellungsmöglichkeiten. (NRZ)

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