Variationen über ein verlorenes Thema von Elazar Benyoetz, 1997, HanserVariationen über ein verlorenes Thema.
Aphorismen von Elazar Benyoëtz (1997, Hanser).
Besprechung von Armin A.Wallas aus Rezensionen-online *LuK*, 1997:

Aphorismen von Elazar Benyoëtz
Ein israelischer Schriftsteller aus Wiener Neustadt

An Gott als erste Ursache können wir nicht heran, aber als Ursprung aller Zweifel«, so lautet einer der Kern-Sätze des Aphorismenbandes von Elazar Benyoëtz. Glaube ist unabdingbar verknüpft mit Zweifel, dem Zweifel am Glauben, aber auch dem Zweifel am Zweifel. In der Ketzerei erst wird der Glaube »fruchtbar«, die Rede vom »Tod Gottes« hingegen ist gleichbedeutend mit einem »Außerkrafttreten aller Ketzergedanken«. Benyoëtz aktualisiert das dynamische Glaubens- und Wirklichkeitsverständnis der biblischen Weisheit. Aus der Erkenntnis der Fragmenthaftigkeit der Wahrheitssuche und der Skepsis gegenüber geschlossenen Denksystemen ergibt sich ein unabschließbarer Dialog über das Göttliche und das Menschliche, gegründet auf der Offenheit und Mehrdeutigkeit im Umgang mit der biblischen Überlieferung.

Der israelische Schriftsteller Benyoëtz (geboren 1937 in Wiener Neustadt, seit 1939 in Jerusalem lebend) wählt die deutsche Sprache als Medium seiner Reflexionen über Gott, Glaube und Judentum, eine Sprache, die ihm Distanz (zur hebräischen Bibeltradition) verschafft, ihm aber zugleich ermöglicht, der Sprache der ehemaligen Verfolger neue Qualitäten abzugewinnen, ihr die (durch die Ermordung und Vertreibung der Juden) verloren gegangene »nomadische Beweglichkeit« wiederzugeben.

Die Variationen über ein verlorenes Thema widmet Benyoëtz dem Andenken an Margarete Susman, Erwin Loewenson und Paul Engelmann – hierin deutet sich sein eigener Grenzgang zwischen Literatur, Religion und Philosophie an. Eingeleitet wird das Buch von der provokanten Frage: »Ich will vom Glauben sprechen, habe ich ihn? Von Gott reden, bin ich dazu befugt?« Er nähert sich dem »verlorenen Thema« aphoristisch, auf dem Wege der Erkundung ursprünglichen Wortsinns, der Sprachkritik, des Wortspiels, der religionsphilosophischen Reflexion und der Zitatencollage. Zitieren heißt für Benyoëtz »hervorrufen und vernehmbar machen«, aber auch »wortentführen«.

Choreb (Horeb), der Berg der Offenbarung, und Churban, die Vernichtung, sind für Benyoëtz die Pole, zwischen die die jüdische Glaubensgeschichte gespannt ist. Am Choreb erhielt das Volk Israel die Tora, im Churban, der Vernichtungsmaschinerie des nationalsozialistischen Deutschland, wurden die Juden millionenfach ermordet. In der Polarität von Choreb und Churban drückt sich die Gegensätzlichkeit zwischen der Offenbarung und der Verborgenheit Gottes aus. Die Shoah bedeutet eine fundamentale Zäsur nicht nur der Geschichte und des Geschichtsdenkens, sondern auch der Rechtfertigung Gottes: »Rom wie Jerusalem sind aber nur noch über Auschwitz zu erreichen.« Dennoch sind die Juden, behaftet mit der Last der Auserwähltheit, Träger der göttlichen Offenbarung zu sein, ewige Zeugen der biblischen Botschaft, aber auch ewige Zeugen der von Deutschland ausgegangenen Vernichtung. Auserwähltheit beinhaltet kein Vorrecht, sondern eine besondere Verantwortung, die vielfach Leid und Verfolgung nach sich zieht – es bedeutet, »der Ungnade ausgesetzt« zu sein.

Aus der Erfahrung der Shoah wird eine neue Lehre gewonnen – Leidens-Orten wie Morija, Golgatha oder Auschwitz steht stets der Hoffnungs-Ort Choreb/Sinai entgegen. Hier empfing das Volk Israel die Tora (Pentateuch), die göttliche Lehre bzw. Weisung. Die Tora ist das Grundbuch des Judentums: »Das Judentum aber, in seiner Denk- und Dankbarkeit, wurzelt einzig im Pentateuch, weil darin Prophetie noch Granit ist und nicht Pergament. Ein Stein des Anstoßes, nicht ein Stein der Weisen. Darauf kann man bauen.« Die Gebote der Tora weisen den – oftmals widerspruchsvollen – Weg zu Gott, stellen den Menschen in die Spannung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen. Gegründet auf der Erkenntnis des Fragmentarischen der menschlichen Existenz konfrontiert die Tora den Menschen mit einer Fülle von Lebensvarianten und verhilft ihm schließlich zur Einsicht in seine eigenen schöpferischen Möglichkeiten. Solcherart wird die Tora zu einem Stein des Anstoßes, einer ebenso vitalen wie dynamischen Herausforderung, stets aufs neue mit dem göttlichen Gebot zu ringen: »Der gefundene Gott ist der verlorene, nicht der gesuchte.«

Als Quelle des Lebens umfaßt die Tora, das »Buch«, eine Vielzahl von – über die fünf Bücher Mose hinausweisende – Bedeutungen. So vollzieht sich auch die Schöpfung der Welt »mit und aus dem Wort«: »Auch Gott muß sich am Buch orientieren (…)«. Benyoëtz rezipiert die nachexilische Tradition, die Tora mit der Chochma (= Weisheit) zu identifizieren. Die Tora wird demnach als Schöpfungsplan aufgefaßt, Schöpfungs-Wort und Offenbarungs-Wort gleichgesetzt. Ohne das »Zeugen des Menschen« bleibt jedoch die Schöpfung »kahl und leer«. Für das jüdische Volk als Ganzes stellt die Tora die Verbindung mit Gott her. Die Tora gewährleistet die Einheit von Immanenz und Transzendenz, durch die Erfüllung der Gebote wird sie täglich aufs neue vergegenwärtigt, zugleich wird die Verantwortung des Menschen in der Welt hervorgehoben. Im Unterschied zu dem ins Jenseits orientierten christlichen Glaubensverständnis stellt das Judentum die »Heilung des Lebens« in das Zentrum: »Das Jüdische ist auch hier, bei Ezechiel, daß der Glaube nicht nur in den Himmel ragen soll, sondern auch immer Boden gewinnen muß, denn er muß auch standhalten«. Wirklicher Glaube weist »Lebenswege«, er verwirklicht sich im Konkreten, während der »große Glaube« sich im Abstrakten verliert, »an seiner Unermeßlichkeit« scheitert.

Wenngleich Gott hebräisch spricht, sind doch alle Sprachen befähigt, »die Stimme Gottes (zu) vernehmen«. Dennoch setzt sich gerade in der jüdischen Tradition die intensive Befassung mit Sprachfragen fort: »Und doch wird es kein Zufall sein, daß Juden gern an Sprachstämmen lehnen, daß viele Juden, immer wieder Juden, in allen Sprachen um die Wortwurzeln versammelt und bekümmert sind«. Wie aus der Schöpfung, so läßt sich auch aus dem »Wesen der Sprache« und »dem des Fragens« die Antwort Gottes rekonstruieren. Sprache stellt die Beziehung zwischen Schöpfung und Welt her und macht »den Schöpfer zum Gott, für diese Welt verantwortlich«. Die Unruhe des Glaubens verbindet sich mit Sprachkritik. Die doppeldeutige Rede von der »Unglaublichkeit des Glaubens« bringt die Ambivalenz zwischen Zweifel und Zuversicht zur Sprache. So verstanden, stellt der Glaube vorgefaßte Überzeugungen in Frage, verunsichert und fordert zur Offenheit heraus. Glaube, Zweifel und Verantwortung bilden demnach eine untrennbare Einheit. Bei Elazar Benyoëtz, der hebräische Weisheit in deutsche(r) Sprache (ver)dichtet, gewinnt biblisch-jüdische Überlieferung beunruhigende Aktualität.

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