Utopie
und Entzauberung.
Geschichten von Claudio
Magris (2002,
Hanser - Übertragung Ragni Maria Gschwend und Karin Krieger)
Besprechung von W. Hellmich aus der
NRZ vom
6.11.2003:
Vorsagen ist gut
Die Schriftsteller Europas reden nur noch selten von Moral. Vielleicht sind sie ihrer überdrüssig, weil viele Menschen Moral mit Moralisieren verwechseln. Wie wohl tuend ist es da, einen stillen Vertreter der moralischen Zunft zu lesen. Die 37 Aufsätze und Essays, die Claudio Magris unter dem Titel "Utopie und Entzauberung" vorlegt, sind anregend und kurzweilig, bisweilen amüsant, immer hoch gebildet. Als wolle der 64-jährige Italiener beinahe ein Leben verspätet gegen die falsche Moral in der Schule protestieren, verteidigt Magris das Vorsagen und Abschreibenlassen als Ausdruck "brüderlicher Solidarität". Erst wer den anderen am Eigenen partizipieren lässt, zeigt menschliche Größe. Magris setzt die Humanität gegen die entsolidarisierende Konkurrenzgesellschaft. Der humanistisch gebildete Lehrer für deutsche Literatur an der Universität von Triest verspürt ein diffuses Unbehagen an der modernen Kultur, gegen deren Verflachung er anzukämpfen bestrebt ist. Die Literatur ist Magris' Utopie vom geglückten Leben. Im Essay "Soll man die Dichter aus dem Staat verbannen?" heißt es: "Die Literatur verteidigt das Individuelle, das Besondere, die Dinge, die Farben, die Sinne und das sinnlich Wahrnehmbare gegen das falsche Universelle, das die Menschen reglementiert und nivelliert." Magris zweifelt nie, er ist ganz und gar mit sich im Reinen, nichts vermag ihn zu erschüttern. Magris macht Mut. Einen der besten Essays widmet der Autor dem kulturell disparaten Triest, sozusagen dem Berlin Italiens, als dieses noch geteilt war. Der Band, der zur Hälfte Aufsätze zum europäischen Literaturkanon (Borges, Hesse, Mann, Levi) enthält, hätte eine noch bessere Note verdient, wenn er nicht auf jede Erläuterung verzichtete. Handelt es sich bei den Texten um Erstveröffentlichungen? Wie erklärt sich die große zeitliche Spanne des Erscheinens von 1974-1998? So mutet die Sammlung bisweilen auch ein wenig willkürlich an. Weder Titel noch Untertitel sind die Klammer, welche die Texte zusammenhält.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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