Unvollendete Vergangenheit.
Roman von Hugo Claus (2001, Klett-Cotta).
Besprechung von Bruno Preisendörfer aus der Frankfurter Rundschau, 21.6.2001:

Der Killer-Monolog
Hugo Claus' Roman "Unvollendete Vergangenheit"

Er ist verrückt, natürlich, wer so etwas sagt, muss verrückt sein: "Dass ab und an ein Kind geschändet, gebissen, getötet wird, das liegt in der Natur. Das Kaninchen frisst seine Jungen auch auf." Als Noel selbst noch ein Kind war, ist er beim Sturz von einem Tandem auf den Kopf gefallen. Jetzt sitzt er dem pensionierten Kommissar Blaute gegenüber und erregt sich über die drei Mädchen, die verschwunden sind, und die sein Arbeitskollege Dekerpel ermordet hat, oder, wer weiß, vielleicht doch Noel? Dekerpel jedenfalls ist Noels Opfer geworden, getötet, zerlegt und in Plastiktüten verteilt. Dekerpel ist nicht das einzige Opfer Noels. Er hat auch seine Frau Alice und den Kater Caramel erwürgt. Und so hört es sich an, wenn einer wie Noel ein Geständnis ablegt: "Er hatte kein Glück, Caramel, er lief mir vor die Füße, als sein Frauchen durch meine Daumen starb. Er schnurrte, er leckte an dem warmen Blut, das aus ihr rann, sie hatte ihre Tage. Ich konnte es nicht sehen, auch bei ihm hab ich's kurz gemacht. Er fiepte nur einen Moment. Er träumte, dass er starb, denke ich. Ich war so bekümmert, dass ich in dieser Nacht seine ganzen Dosen Friskies aufgegessen habe."

Unvollendete Vergangenheit, ein Roman in Verhörform, ist im niederländischen Original 1998 erschienen. Hugo Claus ist aber kein Holländer, sondern Belgier, ein niederländisch schreibender Flame, um genau zu sein. Diese Genauigkeit ist für das Werk von Hugo Claus sehr wichtig, für sein großes Epos Der Kummer von Flandern beispielsweise. Aber auch für den kleinen Roman mit den Bekenntnissen des verrückten Serienkillers Noel. Immerhin hat die schrecklichste Assoziation, die einem zum Thema Kinderpornografie und Mädchenmord einfällt, einen belgischen Namen: Marc Dutroux.

Der "Fall Dutroux", der das politische System Belgiens erschüttert hat wie kein anderes Ereignis der letzten Jahrzehnte, ist der blutgetränkte Boden der Wirklichkeit, auf dem Hugo Claus seinen fiktiven Mördermonolog stattfinden lässt. Obwohl der Name Dutroux nicht genannt wird sind sowohl seine persönliche als auch die allgemeine politische Verkommenheit in Belgien, die dieser Fall offenbart hat, in jeder Zeile des Romans anwesend. Die unglaublichen Verbrechen, die Dutroux begangen hat, und die Vertuschungen, durch die sie möglich wurden, sind die Realismusgarantie für die fiktiven Scheußlichkeiten Noels.

Hugo Claus ist das, was man ein Multi-talent nennen könnte, wenn es sich um einen jungen Mann handeln würde. Aber für den 1929 geborenen Haudegen, der als Lyriker, Dramatiker, Regisseur und Maler gearbeitet hat, ist ein Lob dieser Art nicht angemessen. Hugo Claus ist einer der Meister der europäischen Gegenwartsliteratur. Gerade wurde ihm und seinen Übersetzerinnen Maria Csollßny und Waltraud Hüsmert der mit 30.000 Mark gewichtete "Preis für Europäische Poesie" verliehen. Der Roman Unvollendete Vergangenheit ist sicher keines seiner Hauptwerke. Aber mit ihm reagiert Claus literarisch gekonnt auf eine Wirklichkeit, deren Schrecken als erfundene kaum zu glauben wären.

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