1.) - 3.)
Unterwegs
von Deutschland nach Deutschland.
Tagebuch 1990 von Günter Grass (2009,
Steidl).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
29.01.2009:
Ich und die Einheit
"Von Deutschland nach Deutschland" und mittendrin: Günter
Grass, der sein Tagebuch des Jahres 1990 herzeigt.
Der rätselhafteste Satz dieses Buches ist am 4. Januar 1990 notiert, und darin hält Günter Grass fest, dass er einen Roman von Philip Roth nur ungern gelesen habe, "weil ich Autoren, die sich permanent selbst zum Thema machen, nicht besonders schätze." Selbstironie? Unfreiwillige Komik? Eine Geste, die in der antiken Rhetorik "affektierte Bescheidenheit" (captatio benevolentiae) heißt? Was soll die tönende Verachtung für das Ich-Gespreize ausgerechnet in einem Tagebuch, das ganz offensichtlich auf eine Veröffentlichung hin geschrieben ist?
Achtung: Jetzt kommt ein Symbol!
Das Buch soll sich, der Titel beschwört es gleich doppelt, um die Wende im geteilten Deutschland drehen, handelt aber selbstverständlich mindestens genausoviel von Günter Grass. Der pflanzt - Symbol, Symbol! - ganz am Anfang einen Baum - im portugiesischen Vale das Eiras. Grass pendelt oft zwischen dem schleswig-hosteinischen Behlendorf und Vale das Eiras hin und her, und noch öfter zwischen dem politischen Gezerre um die deutsche Einheit und seinen Vorarbeiten an der Erzählung "Unkenrufe", die im Laufe des Jahres 1990 in ihm gärt.
Grass in Posen. Grass in Prag, in Leipzig und auf dem Prenzlauer Berg, wo er eine Lesung hält und zum ersten Mal seit Jahren wieder Lampenfieber hat, weil es sein DDR-Stück ist, "Die Plebejer proben den Aufstand". Grass wirft sich mit Verve in die täglichen Diskussionsschlachten um die Fragen der Wiedervereinigung, auch hinter den Kulissen, auf SPD-Parteitagen, bei Podiumsdiskussionen, im Wahlkampf - und wenn der "Spiegel" (Augstein? Ein "preußisch-welfischer Oberleutnant" mit "Kasinoton") seinen Brief nicht druckt, gibt er ihn der "taz". Die Bewegung der Geschichte bewegt Grass - sogar zu Zweifeln. Wohl nie zuvor und auch danach nicht hat er einen Text mit derart vielen Fragezeichen geschrieben wie dieses Tagebuch.
Hoffnungen. Befürchtungen. Vorhersagen. Aus diesem Tagebuch des entscheidenden Wende-Jahres wird die Enttäuschung, die ohnmächtige Wut, die schwarze Trauer der als Roman verkleideten Treuhand-Abrechnung "Ein weites Feld" plausibel, deren Grundidee am Schluss des Tagebuchs auftaucht, zusammen mit dem Golfkrieg. Und dann findet Grass wieder einen vierblättrigen Klee für seine Ute.
Willy Brandt und Gott und die Welt
Trotzdem, das besser erzählte Wende-Tagebuch liegt schon mit Walter Kempowskis "Somnia" vor: Dort wird die krude Durchmischung von Privatleben und Politik, von Bauchschmerzen und Halsabschneidern zu einer ganz eigenen Form - vielleicht gerade weil Kempowski die große Politik nur als Fernsehnachricht kennt und sich nicht einmischt wie Grass und auf Willy Brandt und Gott und die Welt einredet. Dafür bereichert Grass sein Tagebuch mit Zeichnungen, die selten schöner gewirkt haben als im Zusammenhang mit diesem Text.
Dieses eine Jahr 1990, notiert Grass zum Ende hin, habe ihn verändert, mehr als ihm zugestanden habe. Vielleicht hat der spätere Literaturnobelpreisträger ja dann irgendwann auch seine Meinung über Autoren geändert, die sich permanent selbst zum Thema machen. Das würde erklären, warum er die Öffentlichkeit nun schon eine geraume Weile vor allem mit sich und seinem Leben beschäftigt. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0109 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung
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2.)
Unterwegs
von Deutschland nach Deutschland.
Tagebuch 1990 von Günter Grass (2009,
Steidl).
Besprechung von Wolfgang Platzeck aus der WAZ
vom 29.1.2009:
„Ich bin kein passionierter Tagebuchschreiber” , notiert Günter Grass am 1. Januar 1990 an seinem portugiesischen Winterdomizil Vale das Eiras. „Es muss schon Ungewöhnliches anstehen, das mich in die Pflicht nimmt.”
Was Günter Grass in diesem ereignisreichen und bedeutsamen Jahr an- und umtreibt: Der Fall der Mauer wenige Wochen zuvor, der Zusammenbruch des Ostens, die deutsch-deutsche Entwicklung, die ihn zur Weißglut treibt.
Tags drauf – er hat gerade mit der Niederschrift seiner Rede „Schreiben nach Auschwitz” begonnen, ereifert er sich über „verdächtig viele meiner schreibenden Kollegen, die. . . zur Zeit national bis an die Grenzen zum Stumpfsinn gestimmt” sind. Und er vertraut seiner Kladde weiter an: „Will versuchen, in der Frankfurter Rede das angebliche Recht auf deutsche Einheit im Sinne von wieder-vereinigter Staatlichkeit an Auschwitz scheitern zu lassen.”
Grass nimmt sich vor (Eintrag vom 3.1.), „ab Ende Februar bis zum September jeden Monat. . . in der DDR zu sein, von Rügen bis zum Vogtland, um die Veränderungen nach der großen politischen und revolutionären Veränderung im Auge zu behalten.” Alles, was er sieht, erfährt, empfindet, bestätigt oder übertrifft nur noch sein „immer stärker werdendes Vorgefühl des Scheiterns” der Einheit. Nach einem Besuch in Dresden konstatiert er am 2. März eine „nun unverbraucht und offen zutage tretendende rechte Mentalität, die sich nationalistisch, fremdenfeindlich, antisemitisch, vulgär-materialistisch und insgesamt intolerant ausspricht”.
Man kennt all die, teilweise berechtigten, Bedenken, die der „Schwarzmaler der Nation” (Erich Loest) gegen einen schnellen „Anschluss” hatte, kennt zur Genüge sein – zusammen mit Oskar Lafontaine – immer wieder variiertes Plädoyer für eine Konförderation bzw. einen Staatenbund und für eine neue Verfassung. Man weiß um Grass' damalige Wut über den „Ausverkauf” der DDR durch die Treuhand (seinen 1990 konzipierten Fontane-Berlin-Wiedervereinigungsroman „Ein weites Feld” wollte er zunächst „Treuhand” nennen). Insofern bietet das heute in den Handel kommende Tagebuch 1990 „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland” herzlich wenig Neues, vor allem kaum neue Einsichten.
Die Unkenrufe (am gleichnamigen Roman arbeitete Grass zu der Zeit) von einst wirken heute eher enervierend. Gleichzeitig irritieren die auch das Private und banal Allägliche konservierenden Tagebuchaufzeichnungen, mit denen Günter Grass seine Tradition der Werkstattbücher begründete , mit zeitlicher Distanz umso mehr: durch die Schärfe der Tiraden, der Sottisen, aus denen oft fast so etwas wie ungezügelter Hass zu sprechen scheint. Und die sich, deutlicher als bisher erahnt, zeigende Großmannssucht, die Selbstgefälligkeit, (die „Zeit” sprach jüngst von Größenwahn), mit der Grass sich zum unfehlbaren Richter über weltpolitische Ereignisse aufschwingt, strapaziert Nerven und Duldsamkeit des Lesers.
Das Tagebuch, das am 2. Januar 1991 und dem Rückflug nach Portugal endet, ist eine sehr subjektive Chronik des Vereinigungsjahres. Mehr noch ist es aber ein aufschlussreiches Selbstporträt, das, ausheutiger Sicht, beiläufig ein zentrales Thema der Biografie „Vom Häuten der Zwiebel” vorwegnimmt. „Die Arbeit an der Frankfurter Rede erzwingt Rückblicke auf mich als Hitlerjungen. Zwar war ich nicht stramm fanatisch, aber auch nicht von Zweifeln beschwert. Ein wie ausgetauscht anderer Mensch seitdem. .?”
„Unterwegs von Deutschland nach Deutschland” ist, wie alle Grass-Bücher, bei Steidl erschienen (256 Seiten mit einigen kleinformatigen Zeichnungen; 20 Euro). In dem Tagebuch, das heute in den Buchhandel kommt, legt Günter Grass den ruppigen, selbstherrlichen Ton seiner Polit-Philippika nur ab, wenn es um seine Familie geht.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0509 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine
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3.)
Unterwegs
von Deutschland nach Deutschland.
Tagebuch 1990 von Günter Grass (2009,
Steidl).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur,
26.2.2009:
Erlebte
Geschichte. Leiden am Ost-"Anschluss"
Günter Grass’ "Tagebuch 1990"
beschäftigt sich mit der Wiedervereinigung, mit Kochen, Familie, Dichten und
Zeichnen.
Er sei kein Tagebuchschreiber, vermerkt Günter Grass (Jahrgang 1927) am 1. Januar 1990 in seinem Tagebuch. "Es muss schon Ungewöhnliches anstehen, das mich in die Pflicht nimmt."
Und das Wichtige war in diesem Fall die für Grass höchst
bedenkliche Wiedervereinigung, die in jenem Jahr zustande kam. Der deutsche
"Großautor" positioniert sich also von Anfang an - noch schreibt er in seinem
portugiesischen Haus, später im Behlendorfer und dänischen Domizil, in Berlin
und auf Reisen - als Zeitzeuge von historischem Gewicht. Zugleich als Mann des
Wortes, der durchaus politischen Einfluss nehmen will. Auch das Tagebuch ist
kein schlicht-
Aber Grass ist ebenso Dichter, Zeichner, Genießer, Gartler
und Familienmensch, sodass der Leser von "Unterwegs von Deutschland nach
Deutschland - Tagebuch 1990" auch Familienfeste, ausführlich die Bepflanzung mit
Agaven und Kakteen oder das Sammeln von Brombeeren und Äpfeln mitbekommt oder
sich mächtige Appetit-
Dieser Mischung aus Politik und Alltag, aus Groß und
Klein, aus Umfassendem und Detail frönt der Schriftsteller in dem Tagebuch
genauso wie in seinen Erzähltexten. Nur in den Zeichnungen bleibt er ganz beim
Unscheinbaren, ob Schwammerl, ob Kröte, die sich in Unkenrufe Richtung Politik
und in den Titel "Unkenrufe" verwandelt. Als Koch, Grafiker und Gärtner ist
Grass ganz Handwerker, so liest man aus seinen Eintragungen heraus. Sie sind
geradlinig, unverstellt. Wollen nichts, als bloß sein. Hier ruht die wahre Kraft
des Künstler-
Für den Leser ist das nicht sensationell, dafür angenehm
erwärmend. Und für Literaturhistoriker eine schöne Quelle. Die werden sich
freilich am meisten freuen über die ausführlichen Ideen-
Sehr sympathisch in dem Zusammenhang, wie Grass die damals heftig befehdete Christa Wolf ehrlichen Herzens verteidigt. Natürlich gibt es viele Zusammentreffen mit Kollegen von Erich Loest bis Jurek Becker, aber auch bei Tagungen mit Größen aus aller Welt (von Elie Wiesel bis Nelson Mandela). Hier wird sehr deutlich, dass Günter Grass in der internationalen Wahrnehmung wohl der wichtigste deutsche Schriftsteller war (ist?). 1999 bekam er den Nobelpreis.
Aber wie steht’s um Deutschland und Deutschland in dem
Tagebuch? Was der Handwerker-
Der Autor aber sieht nicht, schaut nicht hin, er verbeißt sich in seine Abneigung gegen die Wiedervereinigung. Nach der Schoah sei sie ein Tabu. Es fallen Worte wie "Anschluss", "Kolonialismus", "Schnäppchen" für westliche Geldsäcke oder "Bevormundung". Mit aller Kraft will Grass das zweite Deutschland gegen die bösen Kapitalisten verteidigen. Zugleich ist für ihn die einstige DDR ein "in jeder Beziehung zurückgebliebenes Land", ein "Mangelland".
Seine Besuche dort, die im Tagebuch viel weniger Raum
einnehmen, als der Titel suggeriert, absolviert er mit kalter Distanz. Nur
zeichnerisch registriert er die aufgewühlte Landschaft des Braunkohle-
Alle Befürworter der Wiedervereinigung sind für Günter Grass unverständlich nationalistisch, denn bei ihm löst sie Fluchtgedanken aus: "Will lieber Zigeuner als Deutscher sein. Oder anders entschlossen: vor die Wahl gestellt, Deutscher oder Pole sein zu wollen, zu müssen, hieße mein dritter Weg: Zigeuner, staatenlos, europäisch sein."
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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