unterwegs
verloren.
Erinnerungen von Ruth Klüger (2008,
Zsolnay).
Besprechung von Jochen Vogt aus der
NRZ vom
05.01.2008:
Ruth Klüger, Jahrgang 1931, überlebte als junges Mädchen die Konzentrationslager von Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau. Ihr autobiografisches Buch "weiter leben", in dem sie 1992 - inzwischen Germanistik-Professorin in den USA - jene Zeit beschrieb, war ein Riesenerfolg und bald auch Lektüre in deutschen Schulen. Hier wurde die Erfahrung Auschwitz, lange von einer philosophisch begründeten "Unaussprechlichkeit" blockiert, endlich mitteilbar, erzählbar und - besonders für ein jüngeres Publikum - diskutierbar. So konnte man auf eine Fortsetzung gespannt sein. Die ist angenehm zu lesen, weil Frau Klüger bei ihrem unprätentiösen, persönlichen Stil bleibt. Sie berichtet vom Weg in die Vereinigten Staaten 1947, von "Eheunglück", Kinderkriegen und Scheidung, vom steinigen, erfolgreichen Weg zur Professur für deutsche Literatur.
In Deutschland findet sie in in der "zauberhaften Universitätsstadt" Göttingen ein "zweites Zuhause", die Zeit und den Elan, um "weiter leben" zu schreiben. Findet persönliche Zuneigung bei Freundinnen und Anerkennung: ein Ehrendoktorat der ruhmreichen Göttinger Germanistik. Die eingebrannte Auschwitznummer, die nach wie vor als Stigma wirkt, lässt die ältere Dame schließlich mit dem Laserstrahl entfernen.
Unbehagen hinterlässt die Lektüre freilich, wenn Frau Klüger ihre Karriere als Wissenschaftlerin in Amerika und als Schriftstellerin in Deutschland beschreibt. Das "akademische Dorf" in USA ist offenbar ganz von chauvinistischen Männern und Antisemiten beherrscht. Auch in Deutschland erlebt sie fast nur Enttäuschungen, Abwehr und Hass. Martin Walser, der Freund aus jungen Jahren: ein heimlicher Antisemit, Günter Grass ein autoritärer Besserwisser, Verleger Siegfried Unseld ein arroganter Kotzbrocken - darüber kann man ja noch diskutieren.
Dass aber der ehemalige Ehemann, jüdischer Weltkriegsveteran und namhafter Historiker, ein gefühlloses Monstrum war, sollen wir einfach glauben. Jedenfalls erhält er nach Jahrzehnten seine Quittung: "Er lebt noch, er ist 88. Er wird sich ärgern, wenn er das liest." Aber warum müssen wir das eigentlich lesen? Dass die Ehe keine "ideale" Lebensform sei (wie die Autorin schlussfolgert), hatte manch einer schon vermutet.
Ärgerlicher, weil durchgehend, ist Frau Klügers Neigung zu Pauschalurteilen. Wirklich bedauerlich, bei aller Liebe zu Göttingen, ist der undifferenzierte Blick aufs heutige Deutschland. Dass es im konservativen Milieu einer "kleinen Universitätsstadt" dünkelhafte Professoren und opportunistische Jungakademiker (und auch einen betrügerischen Bankangestellten) geben mag, sei unbestritten. Aber steckt hinter jedem Missgeschick, jeder Ungezogenheit und jedem Betrugsversuch immer wieder nur Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus?? Hier wurde eine Chance vertan, ein bedeutendes Buch "weiter" zu schreiben. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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