unterwegs von Paul Alfred Kleinert, 2015, JTHBVunterwegs.
Gedichte von Paul Alfred Kleinert (
2015, JTHBV Johann Timotheus Hermes-Bibliophilenverband, Wien-Josefstadt, mit einem Nachwort von Wolfgang Frühwald und einer eingelegten Originalgraphik von Volker Scharnefsky).
Besprechung von
Marek Jakubów, Lublin für die LYRIKwelt.de, 24.02.2015:

"Wenn Zuordnungsverhältnisse schwinden“

Der Reisende in dem neuesten Gedichtband von Paul Alfred Kleinert ist kein gewöhnlicher Besucher fremder Orte. Mailand, Turku, Brno, Wien, Rom, Leipzig oder Riga sind Stationen auf seinem langen Weg und markieren Routen, auf denen sich deutschsprachige Wanderer seit Jahrhunderten bewegten. Die Abbildung der passierten Landschaften ist für ihn eher sekundär und nur skizzenhafte Striche vermitteln das Atmosphärische einer Umgebung. Die punktuell heraufbeschworenen Namen, Begriffe, flüchtigen Eindrücke sind Indizien, die den Prozess des Hinzu-  und Mitdenkens in Gang setzten.

Die Wiederentdeckung der vertrauten Spur erlaubt einerseits dem Besucher, sich in einer der Städte wieder heimisch zu fühlen, wie zum Beispiel bei der Ankunft in Wien, wenn die Klänge des C-Dur-Streichquartetts für ihn zum Zeichen werden, dass er „wieder angekommen“ ist.  Andrerseits kann man ihr über die persönliche Wahrnehmung hinaus zu den verborgenen oder verdrängten Bereichen der musikalischen Tradition, dem komplexen europäischen Kulturgut und der jüngsten Geschichte folgen. Auf diese Weise entstehen Konnotationen,  die durch die massenhafte touristische Erkundung verwischt wurden oder dem Leser kaum bewusst waren. Der besuchte Raum wird somit in seiner Vielschichtigkeit aufs Neue gestaltet.

In den Mailänder Gedichten erschließt sich die Stadt durch Horowitz’ Spiel, Dichter wie Merini oder Manzoni, die „Ausgabe von Heynes Vergil“, Bilder von Caravaggio und die Stille des herbstlichen Cimitero Monumentale. Das ständig präsente Gefühl des Fremdseins kann sowohl als subjektive existenzielle Frage als auch in einem übergreifenden Sinne, dank den Anspielungen auf das künstlerisch Überformte, als Verlust der identitätsstiftenden Substanz – das „Ende einer Epoche“ verstanden werden. Am Ende dieser Wanderung steht: „‘wir‘ kehren heim/ ohne ‚die blaue Blume der Romantik‘ oder / gar ‚die Erkenntnis‘“.

Selbst das „wir“ wird in Anführungszeichen gesetzt. Diese Perspektive erweitern auch die zurückgewonnenen Erfahrungen aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die den Glauben an die zweckmäßigen historischen Entwicklungen in Frage stellen.

Die Nähe des Todes verwandelt sich in den Gedichten Kleinerts aber nicht in einen nihilistischen Ton der Verzweiflung. Die Existenz an der Schwelle zum Nichts („verschmilzt die Zeit mit dem Nichts“) birgt in sich auch Potenzen zum Eigenen und  Kreativen, natürlich „ohne Gewähr“. Es sind die kleinen Entdeckungen wie die Venus von Moravany, die den „Wunsch nach Fruchtbarkeit“ mit dem „tiefen Anspruch“ verbindet, oder die bescheidenen „Zettel, verbunden mit Schnur“ im Museum von Krišjānis Barons in Riga, die sich trotz ihrer Zerreißbarkeit und Feinheit als „dauernd“ erweisen.

Der Balanceakt zwischen Verzweiflung und Hoffnung  erinnert an die barocke Zerrissenheit, die entweder durch spielerische, rhetorische Figur oder durch  direkten Hinweis in den Gedichten (Fragen oder das alte Heft) angedeutet wird. Sie wird aber nicht transzendiert, sondern als ständiges Ringen „im Jetzt und Hier“ ausgetragen. Obwohl der wiederkehrende Ausklang mancher Gedichte als Pointe formuliert wird, bringt sie keine Entlastung, sondern spornt paradoxerweise zu einer neuen Auseinandersetzung an, erlaubt nicht, einen Punkt zu setzen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0315 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Marek Jakubów