1.) - 2.)
Unter
Paaren.
Roman von Thomas
Lang (2007, Beck).
Besprechung von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur,
23.2.2007:
Strumpfhose
mit Comfortgriffrand
„Unter Paaren”: Der Münchner
Autor Thomas Lang betreibt satirische Studien
Rafa heißt eigentlich Rafaela. Per war Peter. Pascal taucht auch als Pablo oder Paul auf. Und die 26-jährige spanische Studentin Reginita wird Inita genannt: Niemand ist zufrieden mit dem, was er hat, oder damit, wie es aussieht. Vor allem nicht die drei Vierzigjährigen. Sie, die sich aus ihrer Jugendzeit kennen, sind jetzt voll etabliert. „Spaß ist ein Fetisch deiner Generation. Ihr wollt für nichts Verantwortung übernehmen. Euer einziges Lebensziel ist es, eure Lust zu bedienen und Unlust zu vermeiden. Das ist nicht das Leben, das ist infantil”, analysiert die junge Frau deren Haltung.
Der in München wohnende Autor Thomas Lang (Jahrgang 1967) schildert in seinem Roman „Unter Paaren” nicht einfach so genannte Beziehungskisten, er nutzt sie vielmehr, um auf leicht satirische, komödiantische Weise gesellschaftspolitische Studien zu betreiben. Da ergibt sich zum Beispiel, dass „Paare” eher Singles sind, die gelegentlich einen Partner suchen. Pascal tut das konsequent, während Rafa und Per an einer beständigen Bindung basteln. Das ist nicht einfach, denn in ihren Kreisen herrscht die Ideologie des Individualismus und Egoismus. Aber es gibt eben auch den Wunsch nach Nähe, Geborgenheit und Liebe.
Lang erzählt das mit einem Gestus der Distanz,
ohne offensichtlich zu moralisieren. Und er untergräbt sarkastisch seinen
eigenen unantastbaren Beobachter-Status, indem er ihn durch einen dilettierenden
Dokumentarfilmer parodiert. Wie schon in seinem Bachmann-Preis-gekrönten Buch
„Am Seil” beweist der Autor, dass er Dialoge mit dramatischem
Boulevard-Pfeffer schreiben kann (wie an Botho Strauß trainiert) und dass er
Landschaft und Natur literarisch respektiert. Ob Feuerwanzen, ob dunkler Tann
sie sind die stillen, kraftvollen Antagonisten der Menschen. Von ihnen werden
sie meist als Kulisse oder Nutzobjekte an den Rand gedrängt zeigt der
Schriftsteller. Und formt sie sogleich widerständig als autarke Phänomene aus,
ohne in Naturschwärmerei zu verfallen.
Per, der eine Stunde von Köln entfernt aufs Land gezogen ist, sich ein altes
Haus ausgebaut hat, verkörpert diese Zwiespältigkeit.
Genauso wie der allgemeine Design-Wahn. Nichts darf „irgendwie” sein. Alles braucht eine gestalterische Prägung, und zwar durch ein teures Markenzeichen. Lang hat sich dazu eine unterschwellige Ironie ausgesucht. Er spöttelt nicht offen, sondern nimmt die Produkt-Begeisterung (wie Loriot) einfach wörtlich. Prospekt-Deutsch und die Floskeln von „Interior”-Zeitschriften sind wie Intarsien in den Text eingelassen. So erfährt der Leser zum Beispiel, dass Inita „eine glänzende Strumpfhose mit breitem Comfortgriffrand und Bikinislip-Hosenteil” anzieht.
Styling gibt dem Leben Halt. Eine Illusion, wie Per erfahren muss. Der Roman „erwischt” ihn an einem schwachen Punkt. Das herrliche Sommerwochenende, an dem der Jugendfreund Pascal vorbeischauen will, ist von Anfang an gefährdet. Nicht nur dass Per arbeitslos ist, Rafa will nicht zu ihm ziehen und scheint sich über Gebühr für Pascal zu interessieren. Der ist mit dickerem Auto und junger Freundin obendrein beim Hahnenkampf im Vorteil. Das Spiel „Unter Paaren” kann beginnen.
Thomas Lang führt es elegant durch: spannend, aber nicht effektgeil. Verwundbarkeit und Untergang sind präsent, ohne dass er es zum Äußersten kommen lässt.
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2.)
Unter
Paaren.
Roman von Thomas
Lang (2007, Beck).
Besprechung von Christoph Schröder aus Die Zeit,
22.3.2007:
In der Markenfalle
Wenn Stilbewusstsein Gefühle ersetzt,
wird die Welt schnell fad: Thomas Langs neuer Roman »Unter Paaren«.
Mein Haus. Mein Auto. Meine Frau. Darum geht es, kurz gesagt. Außerdem noch um: meine Möbel, mein Aquarium, meinen Garten, meine Marken−Mokassins. Und um die innere Leere, die sich hinter alldem verbirgt. Schon auf den ersten Seiten seines neuen Romans macht Thomas Lang deutlich, was hier vorgeführt werden soll - eine glanzpolierte Oberflächenwelt, die Welt jener Menschen um die 40, die uns immer wieder begegnen (auf der Straße oder in der Werbung). Gepflegt und hübsch anzuschauen, auf eine nicht protzige, aber dennoch unübersehbare Weise wohlhabend. Agenturexistenzen, für die der Tag verloren ist, wenn er nicht mit einem probiotischen Joghurtdrink beginnt.
Die Ausgangslage von Unter Paaren ist einfach: vier Menschen, zwei Männer, zwei Frauen, in einem abgelegenen Anwesen am Wald. Rafa und Per, die Hausbesitzer, führen seit Jahren eine Beziehung, die mittlerweile deutliche Risse zeigt; bei Pascal und der wesentlich jüngeren Inita kann man sich über beides nicht sicher sein. Per und Pascal sind durch eine alte Bekanntschaft, die sie selbst Freundschaft nennen, Rafa und Pascal noch durch mehr als das miteinander verbunden; Inita blickt von außen auf dieses Spannungsfeld. Sie ist die hellsichtigste von allen, weswegen sie nach dem ersten von zwei Tagen Aufenthalt auch einfach verschwindet und nicht mehr auftaucht. Eine gute Entscheidung, nicht für den Leser allerdings, dem etwa zur Hälfte des Romans die einzige halbwegs interessante Figur genommen wird.
Was Thomas Lang gereizt hat, dürfte die Entwicklung eines wahlverwandtschaftlichen Kammerspiels unter den Bedingungen der Habitat− und Manufactum−Herrschaft gewesen sein. Das gibt diese Konstellation durchaus her. Unter Paaren aber ist gescheitert, weil es nicht gelingt, eine eher flache, stumpfe und letztendlich auch langweilige Welt in eine literarische Sprache zu überführen. Lang geht vollkommen auf in Markenfetischismus und Konsumhoheit. Jedem der Kapitel ist das Motto vorangestellt, welches das
Geschehen kommentiert oder andeutet - von Shakespeare über Sonic Youth bis zum Bulthaup−Küchenkatalog. Allerdings setzt sich diese durchaus vielversprechende Mixtur aus Stilen, Denkweisen und Ansätzen nicht in den Text fort; dort herrschen Kühle und Teilnahmslosigkeit.
Dass seine Protagonisten möglicherweise von irgendetwas anderem angetrieben sein könnten als von Stilbewusstsein und sozialer Positionierung, wird zwar hin und wieder angedeutet, nur nimmt man es dem Autor nicht ab. So wird geredet und getrunken; die Männer vergleichen ihre Autos, die Frauen liefern sich kleine Verbalscharmützel. Es gibt ein paar Tränen und nicht wenig Eifersucht, aber letztendlich bleibt all das unerheblich und wird erzählt in einer distanzierten, beherrschten Sprache, die keine Ausbrüche zulässt. Die größtmögliche Inszenierung von Individualität ist eingesperrt in ein entpersonalisiertes Werbervokabular: »Eine dezente Formensprache und die Besinnung auf das Wesentliche eröffnen Freiräume für eine individuelle und kreative Raumorganisation. Es entstehen neue Formen des Wohnens, deren Mittelpunkt der Mensch ist, mit seinen persönlichen Vorstellungen, seinen Bedürfnissen und seiner unverwechselbaren Lebensart.« So erklärt Per seine Küche.
Geistige Armut ist das wohlkalkulierte Programm
Vielleicht hat Lang bemerkt, dass er sich in eine Sackgasse manövriert, und hat deshalb in die eigentliche, im Präsens erzählte Handlung eine zweite Ebene eingeflochten; kursiv gedruckte Passagen, in denen Rafa, Per und Pascal vor der Kamera für ein soziologisches Projekt im Nachhinein jene beiden Tage im Landhaus noch einmal aus ihrer jeweiligen Perspektive kommentieren. Die Crux daran ist, dass die Reflexionsebene ebenso eindimensional bleibt wie die Handlungsebene. Die geistige Armut, so scheint es, ist das wohlkalkulierte Programm dieses Romans, allein: was folgt daraus? Was wollte Thomas Lang schreiben? Für eine Satire ist Unter Paaren zu pointenarm, für ein kühles Generationsporträt zu klischeebeladen. Eine Kapitalismuskritik? Wahrscheinlich. Doch ist der Kapitalismus zu komplex, als dass ein Ansatz wie dieser, von innen heraus, in ihm nicht mit angelegt wäre. Wer hier wen im Griff hat, ist lediglich eine Frage des Blickwinkels.
Mit einem Auszug aus seinem Roman Am Seil gewann Thomas Lang im Jahr 2005 den Ingeborg−Bachmann−Preis. Auch Am Seil war eine technisch versierte, ausgefeilte literarische Versuchsanordnung, die die psychologische Motivationslage weitgehend ausblendete. Sollte es die Kunstanstrengung von Unter Paaren sein, dass der Text zu keiner Sekunde, an keiner Stelle klüger ist und weniger flach als seine nicht sonderlich klugen Protagonisten, dann kann man diese Bemühung als erfolgreich bezeichnen. Vielmehr allerdings beschleicht einen das ungute Gefühl, dass Lang in eine Falle gelaufen ist, die er zuvor mit großem Aufwand selbst aufgestellt
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