UNter Leuten von Juli Zeh, 2016, LuchterhandUnterleuten.
Roman von Juli Zeh, (2016, Luchterhand).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 16.4.2016:

Juli Zeh zieht es im Bestseller „Unterleuten“ aufs Land
Juli Zehs neuer Roman "Unterleuten": Hippe Städter voller Sehnsüchte treffen auf Dörfler, deren Gemeinschaft ganz eigenen Gesetzen gehorcht.

Raus aufs Land! In die Dörfer zieht es die urbanen Kreativlinge der Republik, hier renovieren sie Bauernhäuser, atmen Wiesenblumenduft, leben den Traum – und schreiben darüber in Büchern, die „Landlust“ heißen, „Das Gummistiefel-Gefühl“ oder „Schöner Mist“.

Auch die Schriftstellerin Juli Zeh lebt auf dem Dorf, mit Pferd und Familie im Havelland bei Berlin. Ihr Roman „Unterleuten“ steht auf Platz 3 der aktuellen Bestsellerliste und ist so schwergewichtig wie, sagen wir, der Grundstein zu dem Pferdestall, den Linda hinter ihrem neuen Landhaus zu errichten gedenkt. Das Grundstück allerdings gehört dem Spekulanten Meiler. Der will tauschen: Gegen Lindas Fitzelchen Land auf der „Schiefen Kappe“, denn dann könnte er den Windpark errichten, den die Investmentfirma Vento direct nach Unterleuten bringen möchte. Nur: Auch Gombrowski, Chef des LPG-Nachfolgebetriebs Ökologica, hat dort oben Land. Und Interesse an Lindas Flurstück. Die verhandelt nach allen Seiten, getrieben von der Idee, ein „Mover“ zu sein, eine, die etwas bewegt. Erfolg ist eine Frage der Haltung – egal, woher der Wind weht.

Einen mittelschweren Sturm lässt Juli Zeh durch das von der Welt nahezu vergessene Dorf pusten, die Verflechtungen sind vielfältig, reichen teils tief in die Vergangenheit und entwirren sich in absurden, beinahe klamaukigen Szenen: Schaller, einst Gombrowskis rechte Hand, verwickelt in eine tödliche Gewitternacht vor vielen Jahren und seit einem Unfall mit Vergessen gesegnet, räuchtert auf dem Gelände seiner Autowerkstatt das benachbarte Naturschützer-Pärchen aus. Die alte Hilde, deren Mann Erik damals starb, hat seitdem Angst, dass ihr der Himmel auf den Kopf fällt und verlässt ihr mit 20 Katzen überbevölkertes Haus nicht mehr – bis, nach unschönen Ereignisse um ein kurzzeitig vermisstes Kind, plötzlich der Tierschutzverein klingelt. Bürgermeister Arne parkt seinen Passat so, dass der Tanklaster („Scheißewagen“) nicht zur Sammelgrube von Nachbarin Kathrin durchkommt. Deren Vater Kron ist Gombrowskis Erzfeind inklusive aller Wortspiele („Morbus Kron“, „kronisch krank“), ihr Streit reicht noch zurück in jene Zeit, in der die Bauern sozialistisch enteignet wurden. Heute gilt Kron als Ewiggestriger, und tatsächlich finden sich in jenen Kapiteln, die aus seiner Sicht erzählt sind, herrliche Sätze: „Freiheit war der Name eines Systems, in dem sich der Mensch als Manager der eigenen Biographie gerierte und das Leben als Trainingscamp für den persönlichen Erfolg begriff.“

Reale Personen in der virtuellen Welt

Man kann förmlich hören, wie Linda hier „Ist doch prima!“ ruft. Und muss doch insgeheim ihrem Freund Frederik zustimmen, dem das Dorf erscheint wie ein „Dostojewski-Roman, bei dem jede Figur von der Frage begleitet wurde: Wer war das denn noch mal?“ Kleiner Tipp: Die Seite www.unterleuten.de führt Ortsplan und Namensregister; zudem treibt Juli Zeh ein Spiel, indem sie ihre Protagonisten als reale Personen in die virtuelle Welt einzuspeisen versucht.

Kurz: Zehs Roman ist so erschlagend wie der Ast, unter dem einst Erik starb. Ehebruch und Eifersucht, DDR-Historie und Kapitalismuskritik, die Computerspielbranche und Vogelschutz, Schuld, Sühne und Rache – die 41-Jährige will zwischen all den Kleinkriegen Grundsätzliches sagen über die menschliche Moral, über Wollen und Wirkung, Gut und Böse (klar, der „Faust“ wird auch zitiert). Das Gerangel um die Windkraft und deren Profite führt sie zu einem fulminanten, ironiesatten Schluss, der keine Fragen offen lässt. Das macht den Roman zu einem Statement. Leider.

Harte Währung im ewigen Machtspiel

Dabei gibt es auf den 640 Seiten bestechend kluge Figurenzeichnungen, leise Passagen, die psychologisch feinfühlig Zwischenmenschliches verhandeln, Enttäuschungen, Sehnsüchte. In ihren besten Momente spürt Zeh dem Charakter eines Dorfes nach, das beinahe unabhängig vom gesellschaftlichen System als eigener Organismus lebt und atmet. Das – in aller Armut – nicht nur „Kartoffeln, Eier, selbstgemachte Blutwurst, polnische Zigaretten“ tauscht, sondern auch kleine Hilfsdienste, Gefälligkeiten – als „Anwartschaften auf die Zukunft“ und harte Währung im ewigen Machtspiel. Das ist sehr viel spannender als der Krimi, mit denen sie ihre Beobachtungen überfrachtet.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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