Untergrundkrieg von Haruki Murakami, 2002, DuMontUntergrundkrieg.Der Anschlag von Tokio.
Bericht von Haruki Murakami (2002, DuMont - Übertragung Ursula Gräfe).
Besprechung von Ulrich Baron aus Die Welt vom 23.2.2002:

Mit Schirm, ohne Charme
Tod in der U-Bahn: Der Schriftsteller Haruki Murakami über den Giftgasanschlag von Tokyo

Am 20. März 1995 verübten fünf mit Regenschirmen bewaffnete Männer in der Tokioter U-Bahn den bis dahin schwersten terroristischen Anschlag der Weltgeschichte.

Mit den an einer Schleifmaschine geschärften Schirmspitzen durchstießen sie in Zeitungspapier gewickelte Plastikbeutel. Die Beutel enthielten Sarin. Sarin ist ein tödliches Nervengift. Es gab zwölf Tote und über 5.000 Verletzte. Es hätten viel mehr sein können. Dennoch wirkt die Ausführung des Anschlag von Tokio, verglichen mit der Zerstörung des World Trade Center, wie eine Folge von "Mit Schirm, Charme und Melone" gegenüber einem Katastrophenfilm. Dazu passt auch, dass vier der Attentäter das Durchstoßen der Giftbehälter fünf Tage zuvor an Plastikbeuteln geübt und sich dabei angeblich gut amüsiert hatten.

Doch die unmittelbar Betroffenen besaßen diesen Überblick nicht. Sie saßen - so wie Jahre später die Menschen im WTC - in einer Falle, in der sie nach Willen der Aum-Sekte alle hätten umkommen sollen. "Es war auch kein durchdringender Geruch. Wie soll ich sagen? Es war mehr ein Gefühl als ein Geruch - Atemnot im wahrsten Sinne des Wortes", beschreibt eine Überlebende den Augenblick, als das Giftgas sich in der U-Bahn ausbreitete. Einige der Bahnangestellten, die damals starben, hatten noch versucht, den ausgetreten Inhalt der tödlichen Beutel mit Zeitungspapier aufzuwischen.

Verschwörungen und unterirdische Welten haben den japanischen Schriftsteller Haruki Murakami schon immer fasziniert. In seinem Roman "Hardboiled Wonderland oder das Ende der Welt" liegt unter Tokio das Reich lemurenhafter "Schwärzlinge", und als er vom Anschlag auf die U-Bahn erfuhr, glaubte er, eine Verbindung zwischen Fiktion und Wirklichkeit erkennen zu können. Nicht nur zum Schauplatz, sondern auch zum Hintergrund des Attentats gab es Parallelen in seinem Werk. Rechtsradikale Verschwörungen, ferne Echos der von der Kaiserlichen Armee in China und in der Mongolei verübten Verbrechen durchziehen Murakamis Romane "Wilde Schafsjagd" und "Mr. Aufziehvogel". Passend war auch das Bild vom Aufziehvogel selbst, vom sinnentleerten, nur mechanischen Dahinleben, aus dem Murakamis literarische Gestalten durch unerhörte Ereignisse herausgerissen werden. Die Diagnose, die er Japan in seinen Werken immer wieder gestellt hatte, war plötzlich bestätigt worden, die Krankheit war ausgebrochen. ...Fortsetzung

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