Unter freiem Himmel von Michael Krüger, 2007, SuhrkampUnter freiem Himmel.
Gedichte von Michael Krüger (2007, Suhrkamp).
Besprechung von Beatrice von Matt aus Neue Zürcher Zeitung vom 27.10.2007:

Die Natur schreiben lassen
«Unter freiem Himmel» – neue Gedichte von Michael Krüger

Spiegel sind ihm ein Horror. Michael Krüger stellt den Helden seiner Novelle «Das falsche Haus» in einem Bad vor Luxusspiegel. Das ist dem Mann peinlich. Man sollte sich selbst ein Fremder bleiben, meint er. Für eine der vier Abteilungen seines ...

Spiegel sind ihm ein Horror. Michael Krüger stellt den Helden seiner Novelle «Das falsche Haus» in einem Bad vor Luxusspiegel. Das ist dem Mann peinlich. Man sollte sich selbst ein Fremder bleiben, meint er. Für eine der vier Abteilungen seines neuen Gedichtbands «Unter freiem Himmel» wählt Krüger als Motto eine Bemerkung von Karl Valentin: Er möchte sich einmal in dem Augenblick sehen, bevor er in den Spiegel schaue. Das Abbild verfälscht die Realität.

«Je est un autre», nannte Rimbaud diese Erfahrung. Was also tun, wenn man sich kennen, Sinn und Platz des eigenen Daseins erkunden möchte, und zwar im Zusammenhang aller Lebewesen? Von dieser Frage ist jedes dieser Gedichte bewegt.

Vertrauen in die Sprache

Wenn weder Selbstanalysen noch Spiegelbilder helfen, so tun es vielleicht Begegnungen. Eine schöne Anzahl Texte sind historischen Figuren, Leserinnen, Lesern und anderen Unbekannten gewidmet, aber auch Freunden. An Fritz Stern richten sich die eindrücklichen «Breslauer Tränen», gleich mehrere Stücke gelten dem New Yorker Verleger und Poeten James Laughlin (1914 bis 1997) – für Krüger möglicherweise eine Identifikationsgestalt.

In einem letzten Teil führt er die «Reden» von früher fort, konzise Porträts in Gestalt von Monologen. In jedem dieser Rollengedichte scheint dann auch ein bisschen der Autor selber auf: als Saturniker, als Lorenzo de' Medici, genannt il Magnifico, als Schäfer, der des Hirten Hesiod «Werke und Tage» zur Lieblingslektüre erklärt und jedes weitere Interview Leuten verweigert, die Hesiod nicht kennen.

Diese kurze «Rede eines Schäfers» ist besonders ausdrucksmächtig. Sie zeigt, dass der Autor ein Vertrauen von fast altmodischer Kraft in die Sprache setzt und – mit ihr – in die Natur. Beides gehört hier zusammen und öffnet unerwartete Wege zurück zum Ich. Der Schreibende hat die Erfahrung gemacht, «dass die Worte ein eigenes Leben führten / und oft sagten, was ihm gegen den Strich ging». Selbst die «Natur als Dichterin» stellt fest, dass ihre leisen, einfachen Worte – Hase, Eule, Knöterich, Gewitter, Ulme, ich – «ein eigenes Leben führen», eines eben, das ganz bei der Wahrheit bleibt.

Die Sprache der Natur

Es ist diese Sprache der Natur, die den Lyriker Krüger – in allen seinen Gedichtbüchern – zum Wirklichen leitet. Zum Andern, dem Unverstellten. Sogar in der Prosa kann sich das bei ihm so verhalten. Die Lichtspiele der Morgendämmerung erlösen den Bewohner des «Falschen Hauses» aus der sterilen Vororthölle: «Alles roch frisch und gesund.» «Meditationen unter freiem Himmel» heisst denn auch ein bedeutender Teil des jüngsten Lyrikbandes.

Die Natur schreibt, liest und lässt lesen. Der Mensch muss nur die gemeinsame Sprache entdecken. Die Fledermäuse lesen der Nacht aus der Hand. Das ist keine Metapher, wenn man weiss, wie zielsicher diese Tiere im Dunkeln ihre Nahrung anpeilen. Krügers Protagonisten, die Vögel, quasseln so dramatisch von Selbstverteidigung, von Krieg und Verrat, dass sie an Homer erinnern. Die Sperlinge, «geflügelte Worte», bereiten die Totenrede auf den sich zurückziehenden Sommer vor. Daneben agieren Turmfalken, Pirole, Krähen, Sperber, Schwalben. Ein Vogel am Horizont hat die Übersicht, er sieht den Hasen über die Wiese fliegen, gewahrt die Maus und die Ameisen, erkennt den Menschen, wie er den Mund aufreisst.

Der Autor buchstabiert – um mit Hans Blumenberg zu reden – Erscheinungen der Natur, «um sie als Erfahrungen lesen zu können». Wenn der Mensch sich in die Natur verwebt, so teilt sie ihm mit, was er selbst hienieden darstellt. Er kann in ihren Rhythmus eingehen, wenn er sich der Stille und der Müdigkeit überlässt, in der Hitze des Mittags, unter dem Dach des Baumes, der alle offenen Wunden heile, in der Dämmerung von Morgen oder Abend, in der Nacht auf dem Land. «Hier soll sich nichts ereignen, hier ist es», heisst es dann.

Bilder der Entbehrung

In solchen begnadeten Zuständen taucht momentweise die Kindheit auf. Etwa wenn der Boden die Hitze speichert und die Erinnerung in Sprüngen geht, «damit ihre Füsse nicht verbrennen». Frappierende Bilder, die diesem Dichter immer wieder einfallen! Frühe Erlebnisse von Krieg und Entbehrung werden angedeutet. Die Grosseltern sind wieder da, «sie hatten Hände aus Papier / und in den Augen einen Kummer / der immerfort lächelte, / wenn ich ins Zimmer trat».

Gewiss ist dem Verleger und Schriftsteller Krüger an der grossen Menschheitsgeschichte gelegen. In seiner Lyrik aber muss die Natur diese Geschichte schon etwas zurückgeholt haben. Davon zeugen etwa die alten Häuser, die der Dichter wie Pflanzenwesen behandelt. Schreibend die Natur schreiben zu lassen, das verstehen nur wenige. Zu ihnen gehört Michael Krüger.

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