Unter den
Linden.
Roman von Günter
de Bruyn (2003/2004, Siedler - im Schuber als 3-teilige Preußische Triologie).
Besprechung von Katharina
Rutschky in der Frankfurter Rundschau, 19.1.2005:
Ach Luise
Auch eine Spätfolge der DDR: Günter de Bruyn hat sich von Preußen nicht
faszinieren, sondern sentimentalisieren lassen
Bekanntlich gibt es nichts, das vor sentimentaler
Verklärung geschützt ist. So verhält es sich auch mit Preußen, das keinen
guten Ruf hatte, so lange es existierte, nun aber von Ausflüglern nach
Sanssouci, Rheinsberg oder Paretz, dem Sommerhaus der Königin Luise als teure
Kultur bedenkenlos konsumiert wird. Wer heute das wiederhergestellte Paretz
besucht und Vergleichsmöglichkeiten mit italienischen Villen und Gärten hat,
muss gerührt sein über die bescheidenen Ausmaße, aber idealen Ansprüche der
von Gilly geplanten Haus- und Dorfanlage, in der Luise so viele Sommer verbracht
hat. Dass die schönen Alleen aber Militärstraßen waren und auch die Königin
Luise in erster Linie eben Königin und Angehörige eines Herrscherhauses war,
das sich durch Weitsicht, Intelligenz und Kreativität je länger es regierte,
desto weniger auszeichnete, scheint vergeben und vergessen. Schuld am
sentimentalen Backlash trägt sicher die DDR, die aus plausiblen politischen Gründen
das Erbe der preußischen Herrschaft ausschlug - sieht man vom pittoresken
Stechschritt bei der Wachablösung an der Gedenkstätte für die Opfer des
Faschismus Unter den Linden einmal ab. Ich gebe zu, dass auch ich fast in Tränen
ausgebrochen wäre, als ich zum ersten Mal in Brandenburg war und die Zeilen
barocker Bürgerhäuser sah, die man zugunsten moderner Plattenbauten weiter
draußen hatte verrotten lassen.
Geschmack und Ressentiment
Die DDR, so wird heute suggeriert, wurde von kulturlosen Kleinbürgern regiert,
die Schönheit, Stil und Geschmack bedenkenlos ihrem Ressentiment gegen die Bürger
und Aristokraten opferten. Eben jenen, die über all dies verfügten, wie ihre Häuser,
Schlösser und Gärten ja auch bewiesen . Auch wer sich jetzt darüber freut,
dass viel Geld für Restaurierungen aller Art in den neuen Bundesländern
ausgegeben wird, schmeckt das sozial Restaurative heraus, das der begeisterten
Rettung von Kulturgütern auch beigemengt ist. Nach der Rekonstruktion eines
komplett verschwundenen Gebäudes Unter den Linden könnte es auch noch zu einer
Teilrekonstruktion des Stadtschlosses der preußischen Könige kommen. Die Befürworter
argumentieren natürlich nicht für eine Wiederherstellung preußischer
Herrschaftsarchitektur und die Beseitigung einer endlich gescheiterten
sozialistischen - sondern mit vielen schönen, kunsthistorisch unterfütterten
Worten für die ästhetische Wahrheit.
Das war eine lange Einleitung für die Vorstellung dreier Bücher von Günter de
Bruyn, die zwischen 1999 und 2002 zuerst einzeln erschienen sind, jetzt aber
unter der Überschrift Preußische Trilogie im hübschen Schuber noch
einmal gesammelt vors Publikum treten. Das haben Autor und Verlag vielleicht
nicht von Anfang an so geplant - dass es aber dazu gekommen ist, wirkt nun wie
ein Statement zur Stärkung eines Zeitgeistes, der auf eine undeutliche Art
irgendwie ins Reaktionäre driftet.
Gerade weil de Bruyns drei Bücher, einzeln betrachtet, eher so antiquarisch
daherkommen, wie bei einem berufenen Bibliothekar, der er in der DDR einige
Jahre gewesen ist, nicht anders zu erwarten - informativ, unterhaltsam und
harmlos -, animiert die Sammelausgabe unter dem hochtrabenden Titel die bisher
schlummernde Kritik.
Ist es ein Zufall, dass er den Kundigen an eine andere Preußen-Trilogie
erinnert, die 1918-22 erschienen ist? Walter von Molo befasste sich damals mit
Friedrich dem Großen, Luise und den sogenannten Befreiungskriegen - mit anderen
Worten mit jenen Jahren, teils den Personen, die auch de Bruyn plus-minus in der
Preußischen Trilogie wiederkäut. De Bruyn ist kein forschender
Historiker, aber der Schriftsteller hat sich von Preußen nicht faszinieren,
sondern nur - sentimentalisieren lassen.
Das Buch über die Finckensteins spricht im Untertitel von einer Familie
"im Dienste Preußens". Davon kann natürlich keine Rede sein, wenn zu
Preußen auch die Untertanen zählen. Die Finckensteins bei de Bruyn dienen dem
König und ihren eigenen Interessen, eindrucksvoll sind sie allesamt nicht. Um
1800 wenden sie sich der "Kultur" zu. Die sechs Töchter singen -
Ludwig Tieck wird auf dem Adelssitz Madlitz aufgenommen und unterstützt, so wie
andere halbgare Genies und Bohemiens auch. Den preußischen "Musenhöfen",
die es auch anderswo in dieser Art gegeben hat nachzuweinen - von dieser
Notwendigkeit hat mich jedenfalls de Bruyn nicht überzeugt.
Die Nostalgie - oder soll man sagen der Adels- und Preußenfimmel eines
DDR-Geschädigten - hat ihn davon abgehalten, das innovative Potential dieser
Lebensweise zu erkennen. Manches wird referiert, das man gern ausgewalzt und
analysiert gehabt hätte. Eine Finckenstein wird zum Beispiel die Lebensgefährtin
des ursprünglich anderweitig verheirateten Tieck. Andersherum ist ein Bruder
dieser Henriette in eine Liebestragödie mit Rahel Levin verwickelt. An der
Leidenschaft von beiden Seiten kann kein Zweifel bestehen, der Briefwechsel
bezeugt es. Aber Karl Finckenstein war so dumm und beschränkt wie das
Herrscherhaus der Preußen. Eine Jüdin zu heiraten, konnte er sich schlicht
nicht vorstellen.
Band 2 der Preußischen Trilogie, so unterhaltsam wie der erste und
dritte, wegen schöner Zitatfunde des belesenen Autors und treffender
Abbildungen, befasst sich mit Königin Luise. Der Untertitel "Vom Entstehen
und Vergehen einer Legende" verspricht zwar Ideologiekritik, liefert sie
aber nur in dem Rahmen, den die postfeministische Konvention heute jedem
vorgibt. Luise wurde zur passiven preußischen Madonna stilisiert - ganz gegen
die Wirklichkeit. Interessant aber wiederum, dass Schadows charmante Skulptur
von Luise und ihrer noch schöneren Schwester Friederike an Popularität erst
heute Rauchs tote Luise auf dem Sarkophag überrundet hat. Band 3 referiert die
Architekturgeschichte der Berliner Prachtstraße Unter den Linden. Dass de Bruyn
für den Wiederaufbau der Schlüterschen Schlossfassade votiert, kann man sich
von einem nationalen Kulturkonservativen, von denen die DDR eine Menge
absichtlich und unabsichtlich produziert hat, nicht anders denken.
Man hätte die drei Bücher sich selbst überlassen können. Welchen Schaden sollten wohl die Lesefrüchte eines antiquarischen Schriftstellers bezüglich Preußens anrichten können? Kritische Aufmerksamkeit kann der Schuber beanspruchen, weil er auf eine vage und unerklärte Art reaktionär ist. Das ist nämlich die moderne Art, reaktionär zu sein: Man ist für Denkmalschutz als öffentliche Aufgabe der demokratischen Kulturgesellschaft, schwärmt aber gar nicht so insgeheim für die aristokratische als die eigentliche, wenn auch vergangene und nur noch in Spuren erhaltene.
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