Unscharfe Bilder von Ulla Hahn, 2003, DVA1.) - 2.)

Unscharfe Bilder.
Roman von Ulla Hahn (2003, DVA).
Besprechung von Christine Diller aus der Münchner Merkur, 15.8.2003:

Hinabgestiegen in die Hölle seiner Jugend
Ulla Hahns Roman "Unscharfe Bilder"

Ist er nun ein Mörder oder nicht? Die Tochter, weit in den Vierzigern, will es plötzlich wissen. Ob ihr lang gepflegtes Vaterbild vom humanistisch gebildeten, überlegenen, unangreifbaren Oberstudienrat, Fixpunkt, ja Idol in ihrem Leben, eigentlich stimmt. Je gestimmt hat. Und natürlich sperrt sich der Vater zunächst. Warum sollte er der Tochter zuliebe, die doch Bescheid weiß über die Kriegsjahre, seine Zeit als Soldat in Russland, sich noch einmal in Gedanken hinein begeben. In die grausamen Erinnerungen, die Wüstenei und Metzelei, in Niedertracht, Auszehrung und Überlebensversuche, in die ungeheure Angst. In die Bilder, die seine Tochter Katja ihm in seinem Seniorenheim auf den akkuraten Schreibtisch schiebt. In Form eines Kataloges nämlich über die Ausstellung "Verbrechen im Osten".

Ulla Hahn hat sich in ihrem neuen Roman "Unscharfe Bilder" mit den aufeinander prallenden Gefühlen verschiedener Generationen, den Vorwürfen und Verleugnungen auseinander gesetzt, die in Deutschland durch die umstrittene Schau "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung ausgelöst wurden.

Vorwurf und Verleugnung

Ihre Romanfigur, die auf die Schule und den Vater Hans Musbach fixierte Gymnasiallehrerin Katja, ist schon zu Beginn des Romans schwer aufgewühlt. Von was genau, das erfährt der Vater und mit ihm der Leser erst ganz spät. Es ist jedenfalls Anlass für sie, bei ihren täglichen Besuchen Musbach auszufragen, ja zu verhören: "Es geht doch hier nicht um Kinder und Schamgefühle über nicht verschenkte Schokolade! Da ist ja wohl Schlimmeres passiert, als dass ein Kind keine Schokolade kriegte!"

Katja bohrt, insistiert und quält damit unerbittlich den Vater. Und sie ist dabei ganz und gar nicht Identifikationsfigur, wenn sie, in ihrem Alter leicht verspätet, dunkle Vergangenheiten ans Licht und in das so abgeklärte Bewusstsein ihrer eigenen Generation zerrt. Ulla Hahn lässt sie just dann aus dem Zimmer des arg erschöpften alten Mannes fliehen, als der erzählt, wie er schwer verwundet einen um Hilfe flehenden Kameraden liegen lassen musste. Und man stutzt, wie Katja leichthin Urteile zu fällen wagt über Dinge, die sie nie erleben musste, obwohl sie selbst die Kraft nicht aufbringt, dem Vater bei seinem Geständnis beizustehen.

Hahn hat die Figur der Tochter allzu flach und synthetisch angelegt. Katja ist eine Person, die keine eigenen Werte, Erfahrungen, Überzeugungen, nicht einmal eigenes fehlerhaftes Verhalten entgegen zu setzen hat. Das macht die ihr zugeschriebenen Gefühle leer, stumpf, nicht nachvollziehbar. Sie bleibt den ganzen Roman über der konstruierte Widerpart. Erzähl-, Rechtfertigungs-, Bekenntnisanlass für den damals schuldig gewordenen Musbach. Zu allem Überfluss schildert Hahn an Katja auch noch die Befreiung einer Tochter von einem Ödipuskomplex. Diese Geschichte, mit nebensächlichen Episoden ausgeschmückt, ist nur Protokoll einer Psychotherapie.

Umso stärker und bewegender geraten dadurch die Erinnerungen des Vaters. Momente der Schwäche, Hilflosigkeit und Beschämung. Einmal hinabgestiegen in die Hölle seiner Jugend, erspart Musbach Tochter und Leser nichts. Weder zerfetzte Menschen noch eingenässte Uniformhosen, Schlachthausgeruch und auch nicht die selten empfundenen Schönheiten, die in so krassem Kontrast zu den Gräueln stehen, die ihn aber an ein Überleben glauben ließen. Und für die er sich jetzt schämen soll. Es ist nicht so sehr die geschilderte Vater-Tochter-Beziehung, die als Symbol für einen allgemeinen Generationenkonflikt doch zu blass und schlicht geraten ist, sondern die zunehmende Schärfe der aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängten Bilder, die diesen Roman lesenswert macht.

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Unscharfe Bilder von Ulla Hahn, 2003, DVA2.)

Unscharfe Bilder.
Roman von Ulla Hahn (2003, DVA).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 2.09.2003:

Unscharf die Bilder, unklar die Haltung

Die Lyrikerin Ulla Hahn hat ihren dritten Roman geschrieben. Was sie zu dieser Gattung drängt, lässt sich unschwer vermuten: Lebens- und Zeitgeschichte ist dort ausführlich zu thematisieren. Das will sie, und das tut sie energisch.

"Das verborgene Wort", erschienen 2001, trägt autobiografische Züge, und auch der neue Roman "Unscharfe Bilder" beschäftigt sich mit einem Konflikt, der die Autorin selbst berühren dürfte. Die Studienrätin Katja, 50-jährig und also wenig jünger als Ulla Hahn (57), glaubt, auf einem Foto der Wehrmachtsausstellung ihren Vater erkannt zu haben. Getrieben von der Sucht nach Wahrheit, stellt sie dem 82-Jährigen unerbittlich mit Fragen nach, treibt ihn in Herzattacken und sich selbst in eine Nervenkrise.

Hitler, Faschismus, Krieg - das sind Themen, denen sich die deutsche Literatur bisher weitgehend zu entziehen wusste. Sie wandte sich in die Aktualität, entwarf eine neue Sachlichkeit. Jetzt, plötzlich und kaum noch erwartet, sucht ein Roman nach dem anderen die von Schuld und Vorwürfen belasteten Themen - als hätte erst Günter Grass den Blick auf die Vergangenheit ohne zwangsläufige Selbstzerfleischung ermöglicht.

Ulla Hahn zitiert den "Krebsgang" ausdrücklich - eine ungewöhnliche Hommage. Noch bevor Hans Musbach unter den zwingenden Fragen seiner Tochter zu erzählen beginnt, reflektiert er, dass Grass "nicht die Nazimorde gegen deutsches Unglück aufrechnen wollte". Das ist ein Programm, auch für Ulla Hahn.

Sie entgeht einem Fehler jüngerer Autoren: Sie schreibt nicht aus verständnisloser Distanz, sondern mit angemessener Betroffenheit. Der Vater, die Tochter sind berührt und bewegt, und sie bewegen auch den Leser. Doch mit ihrer Erzähltechnik macht Ulla Hahn ihre Bemühung um Gerechtigkeit zunichte. Die Sicht schwankt, von der Tochter zum Vater und zurück - auf dise Weise wird alles verständlich und alles in Frage gestellt. Unscharfe Bilder will die Autorin zeigen, doch es entsteht ein Vexierbild, es wird Stellung bezogen und wieder aufgegeben.

Natürlich hat die Tochter Recht, die fordert, der Mensch müsse sich seinen Taten stellen. Aber muss sie so rücksichtslos forschen? Und der Vater - vielleicht ist er ein Mörder. Aber ist er nicht auch ein kluger Mann mit seiner altphilosophischen Bildung und seiner Herzenswärme, mit seinen einfühlsamen Erklärungen widersprüchlicher Gefühle, seinem Eingeständnis von Angst und Lebenswillen?

Das Thema ist faszinierend, doch leider ist es nicht gut erzählt. Allzu langatmig gibt der Vater seine Erlebnisse preis, der Roman besteht aus Monologen, immer wieder unterbrochen von der ungeduldigen Tochter, die auf persönliche Erinnerungen dringt, wo der Vater abschweifen möchte in allgemeine Überlegungen.

Auch der Romantik entgeht Ulla Hahn nicht. Wenn die untergehende russische Sonne Farben malt, wenn der Partisanenjunge stirbt, weckt das Zentnerlasten an Rührung. Bei der Tochter aber wiegen Zweifel und wütende Wahrheitssuche schwerer als alle Menschlichkeit. Was soll hier eigentlich vermittelt werden?

Das Ende ist überraschend versöhnlich. Es gibt keine billige Aufrechnung, alles bleibt offen, nur eins scheint klar: Reden hilft. Das bleibt allerdings letztlich unbefriedigend; dass man sich mit wendigen Reden lange aus der Affäre ziehen kann, hat der Vater bis kurz vorm Schluss bewiesen. Und dass Katja nun bei ihrem untreuen Ehemann die neue Erkenntnis anwenden und reden will, erscheint doch sehr simpel im Hinblick auf die Taten, die der Vater vielleicht, möglicherweise doch begangen hat.

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