Unland von Antje Wagner, 2009, Berlin1.) - 2.)

Unland.
Roman von Antje Wagner (2009,
Aufbau Verlag)
Besprechung
von Susanna Schrampf aus Rezensionen-online *bn*, 2010:

Sieben Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen wachsen langsam zu einer Familie zusammen.
Gleichzeitig müssen sie sich mit ihren Schattenseiten auseinandersetzen. (ab 14) (JE)

Die Kinder aus dem Haus Eulenruh haben Schreckliches hinter sich, sie sind traumatisiert, weil der Vater die Mutter ermordet hat, die Mutter den kleinen Bruder, weil ihre Eltern sie missbraucht haben. Das Pädagogenpaar Andreas und Vera Kämpf bietet ihnen in der "Erziehungsstelle des Familienwerks" im kleinen Ort Waldenberg ein neues Zuhause. Franka, die aussieht wie ein Junge, kommt als Siebente zur "Familie". Das Buch ist aus ihrem Blickwinkel geschrieben. Gemeinsam müssen sich die Kinder von Eulenruh gegen die "Normalen" im Ort und vor allem in der Schule durchsetzen und sie wachsen immer stärker zusammen.

Am Rande von Waldenberg befindet sich die Ruinenstadt Unland, die ein exaktes Spiegelbild des Ortes sein könnte, wenn sie nicht durch Feuer zerstört worden wäre. Unland wird durch einen Elektrozaun von der Außenwelt abgeschirmt; niemand kann hineingehen - außer es gibt einmal einen Stromausfall. Unland ist die Schattenseite sowohl des Ortes als auch von deren BewohnerInnen. Die Schatten leben hinter dem Elektrozaun wie in einem Gefängnis und unternehmen alles, um freizukommen. Die Kinder des Hauses Eulenruh gründen eine Bande, die "Eulen", und versuchen, das Geheimnis von Unland zu ergründen. Sie tauschen gegen Ende des Buches ungewollt die Plätze mit ihren eigenen Schatten und spüren, wie es ist, gefangen zu sein.

Das Ende dieses utopischen Jugendthrillers bleibt offen - es ist den LeserInnen überlassen, die Vision zu Ende zu denken. Daher ist das Buch auch eine ideale Diskussionsgrundlage über ethische Werte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks-Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 0310 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rezensionen-online

***

Unland von Antje Wagner, 2009, Berlin2.)

Unland.
Roman von Antje Wagner (2009,
Aufbau Verlag)
Besprechung
von Heidi Lexe aus Rezensionen-online *ag*, 2010:

"Franka Reinhold, steck deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen, oder du wirst es bereuen!" Nun, so abweisend Franka nach außen hin auch wirkt, so wenig vermag Sie sich NICHT für jene Dinge zu interessieren, die um sie herum geschehen. Vielmehr ist Franka eine genaue Beobachterin (und es hätte eigentlich keines Feldstechers bedurft, um das zeigen). Und Fragwürdiges gibt es an Frankas neuem Wohnort genug zu klären: Ein Schatten liegt über dem abgelegenen Dorf Waldburgen; oder besser gesagt: seltsame Schatten bedrohen das Dorf immer dann, wenn der Strom ausfällt. Und der Strom fällt in Waldburgen mit beängstigender Regelmäßigkeit aus. Was aber haben diese Stromausfälle mit jenem Areal zu tun, das man in Waldburgen Unland nennt und das hermetisch vom restlichen Dorf abgegrenzt wird?

Wie schon in ihren Erwachsenenromanen (z.B. "Mottenlicht" 2003 oder "Hinter dem Schlaf" 2005) lotet Antje Wagner auch in ihrem ersten Jugendbuch den fragilen Untergrund aus, auf dem sich ihre Figuren bewegen, und lugt durch Spalten des Bewusstseins in die Welt hinter der Welt. Sie führt dabei gekonnt Motive des Sozialromans mit jenen des phantastischen Erzählens zusammen: Die Traumata und biografischen Geheimnisse, die Frankas neue Mitbetreute in der familienähnlichen Wohngemeinschaft für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche quälen, entsprechen jenem Unland, jenem blinden Fleck auf der Landkarte. Gelenkt durch Frankas Blick wird klar, dass Unland Waldburgen spiegelt, dass sich im einen Bereich die Seelenlosigkeit des anderen abbildet. Entsprechend der Figuren, die Frankas Blick nach und nach erfasst, erhält Unland durch Beobachtungen und Nachfragen der Ich-Erzählerin Kontur. Man nähert sich an, wird zurückgewiesen, man erfährt ein Stück mehr, man überschreitet eine Grenze - und ist gefangen. Gefangen in einer Endlosschleife des Schicksals ebenso wie in Freundschaften und Beziehungen, die Antje Wagner mit Lust am abwegigen Detail beschreibt. Schade nur, dass sie erzählerisch nicht mehr aus Unland herausfindet und die LeserInnen damit düpiert zurücklässt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks-Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 0910 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rezensionen-online