Unkenrufe.
Roman von Günter
Grass (1992, Steidl).
Besprechung von Ulrich
Karger, Berlin:
Mit dem 65.Lebensjahr werden
Déja-vu-Erlebnisse nicht mehr besonders angemerkt, sondern hingenommen. Günter Grass
nimmt sie aber nach wie vor nicht "einfach" hin, sondern zieht in
UNKENRUFE endlich den Schluß, der die Größe seiner Persönlichkeit und seiner
erzählerischen Fähigkeiten am besten bezeugt: Ein Mahner zu sein, der nicht nur an der
Dummheit seiner Mitmenschen scheitert, sondern auch an der Unauslotbarkeit geschichtlicher
Folgen für aktives Handeln. Das enthebt den Kritiker, berechtigte Mahnungen gegen die
früher ausgeprägt larmoyante Arroganz des Autoren und Podiumsdiskutanten Grass auspielen
zu müssen.
Gerade die gepflegte Selbstironie des Autoren, der sich als im wahrsten Sinne des Wortes
hintergründiger Erzähler der Geschichte seines einstigen Banknachbarn Reschke ins Spiel
zu bringen weiß, erhöht die Dringlichkeit der UNKENRUFE. Nicht mehr fischig-glatt wie im
BUTT, sondern mit feinen Rissen unter seiner scheinbar abweisenden Haut bekennt er
widerwillige Anteilnahme und respektable Verletzlichkeit, die den Spruch von der rauhen
Schale und dem weichen Kern nicht mehr abgedroschen erscheinen läßt.
Aus dem Fundus chaotischer Wahrscheinlichkeiten bezieht nun Grass seine Protagonisten,
u.a. einen Kunstprofessor aus Bochum und eine Vergolderin aus Danzig, verhäkelt wie
"zufällig" ihre Schicksale zu einer Liebesgeschichte aus der eine Idee
erwächst, die, wie reine Satire sein soll, anstößig ist ...und demnächst sicher bald
verwirklicht wird! Als Kontrapunkt zu der Begründung einer "Deutsch-Polnischen
Friedhofsgesellschaft", die wenigstens die Leichen an vermeintlich angestammte
Plätze zurückführen helfen soll, setzte Grass den Bengalen Chatterjee, der in Danzig
mit seiner Rikscha-Produktion ein ungeahntes wirtschaftliches Wachstum freisetzt - mit
beiden Ideen spielt Grass virtuos auf der Tastatur des ganz alltäglichen Wahnsinns und
bezeugt zugleich in feinsinnig bestechender Sprache den unwiderbringlichen Ort seiner
Herkunft: Das Danzig seiner Kindheit.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.buechernachlese.de.vu]
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