Unglaubwürdige Reisen von Ilse Aichinger, 2005, S. Fischer1.) - 2.)

Unglaubwürdige Reisen.
Prosa von Ilse Aichinger (2005, S. Fischer).
Besprechung von Michaela Schmitz, 29.8.2005:

Vom Glück, zu bleiben, wo man sich nicht aufhält...

Dichterin wollte sie nie werden, lieber warte sie auf das Tagesende, da komme auch mehr heraus, die Nacht zum Beispiel. Schreibt Ilse Aichinger in "Unglaubwürdige Reisen", ihrem jüngsten Buch mit kurzen Geschichten, die zwischen 2001 und 2004 entstanden sind. Im Auftrag der Wiener Tageszeitung Der Standard, für die die 1921 geborene, zur legendären Gruppe 47 zählende, vielfach ausgezeichnete Autorin nach Jahrzehnten fast völligen Schweigens in den Neunziger Jahren wieder zu schreiben begann. "Herausgekommen" sind brillante Prosaminiaturen von höchster epischer Prägnanz und formvollendet reduzierter poetischer Präzision. Wehmütig lakonische Wortkunstwerke, wie sie nur einer Dichterin gelingen, die nie eine zu werden brauchte, weil sie längst eine war.

Festgehalten wurden die kleinen, nur wenige Seiten langen Erzählungen auf ungewöhnlichem Schreibmaterial: Einkaufstüten, Menükarten, Briefumschläge und Kreuzworträtsel-Rückseiten. Als wären die Texte während der Reise schnell niedergeschrieben auf dem, was eben gerade zur Hand war. Aber es sind "Unglaubwürdige Reisen", auch wenn Aichinger mit der Wahl der wertlosen und vergänglichen Schriftträger dem Geschriebenen das Prädikat der Flüchtigkeit und Ortlosigkeit aufzuprägen sucht. Denn sie entstanden, Woche für Woche, jeden Donnerstag am Kaffeehaustisch in Wien. In Ilse Aichingers Heimatstadt. Dort, im Gewohnten, wo nach der Autorin jede Reise beginnen sollte, die auf Erkenntnis ausgerichtet ist. Denn Reisen in die Fremde, so Aichinger, führen nur in das Erwartete. Das Begehen immer derselben Wege dagegen birgt die Chance, auf das Fremde im scheinbar Bekannten zu treffen. Meist ungenutzt bleibende Entdeckungen und Aufbruchsmöglichkeiten im Hier und Jetzt. Der erste Teil der "unglaubwürdigen Reisen" gilt den Orten der eigenen Seelentopografie. Die anschließenden "Schattenspiele" sind den inneren Zeitzonen, und damit in erster Linie Menschen aus der Vergangenheit gewidmet.

Ausgangspunkte der unglaubwürdigen Reisen sind Reiseführer, Prospekte, Zeitungsartikel. Flüchtige Anlässe für den Aufbruch zu oft unerreichbaren Zielen, die, so Aichinger, jeder nötig hat. Zielen, die der unglaubwürdigen Hoffnung nach "Ausreise, Flucht, Leben" Nahrung geben. Zielen wie diesen: die blaue Milch der Grünangergasse der Kindheit, der rettende Sehnsuchtsort England oder das absolute Ziel: die See, der Ort ohne Heimatort. Keine echte Reise ist nötig, um die Hochsee mitten in Wien zu erleben. Schon in der Sehnsucht nach fremden Orten verdichten sich die Realitäten. Das gilt auch für Orte des Mangels. Orte der Unfreiheit wie den Garten der Nervenheilanstalt, zu dem das schizophrene Kindermädchen die Zwillingsschwestern Ilse und Helga in häufigen Spaziergängen mitnimmt. Oder Orten des Verlusts wie Minsk, in das Aichingers Großmutter und weitere mütterliche Verwandte deportiert wurden. Aichingers historische Geologie geht unter die Oberfläche, legt Jahresringe frei und gelangt dadurch auch an Orte der "Verborgenheit, die den eigentlichen Katastrophen zusteht." Für alle diese Reisen nach "fort", egal ob sie ins Kino, zur als Kind im Krieg nach England ausgereisten Schwester oder nach Shanghai führen, ist das Entscheidende der Aufbruch im Kopf. Wichtig ist der Wunsch, weit zu gehen, wie der Urgroßvater, der als nomadischer Pferdehändler vom Kaukasus nach Galizien zog. Die Ziele sind nicht ausschlaggebend. Und auch nicht die Dauer, denn an den entscheidenden Orten solle man so oder so nicht bleiben. Maßgeblich, so die Autorin, sei die Lust der "Reißausgeher" "an anderen Existenzformen, die täglich jeden Augenblick wieder so unglaubwürdig wie möglich machen."

Ilse Aichingers "Unglaubwürdige Reisen" sind Zeitreisen. Ihr Ende: der Tod. Die unglaubwürdigste aller Reisen. Was er hinterlässt, sind "Schattenspiele". Eine Choreographie der Vergänglichkeit, spürbar in der übermächtigen Präsenz der Abwesenden. Im Totentanz von Aichingers Geschichten werden mächtige Schattengestalten lebendig. Menschen, die am Rande stehen, mit ihren unspektakulären Untergängen. "Nur sie bleiben in Erinnerung, sie mit ihren Sterbensarten." Die Schatten der Vergangenheit geben dem Leben der Autorin Kontur.
Sie selbst präsentiert sich als Nebenfigur der eigenen Biografie. Denn ihre eigene Existenz halte sie für völlig unnötig. Aichingers Erinnerungen zeichnen viele verschiedene Schattenrisse. Den kräftigen der Schrederin, einer Bäuerin und großen Seinsmeisterin aus Großgmain. Die unglaubwürdigen Schatten von verschwundenen Schulkameradinnen, jüdischen Zahnärzten oder schizophrenen Kindermädchen. Den lindernden Schatten von Aichingers Lebensmenschen Richard Reichensperger, schon im Leben lesend "so vertieft und lautlos, als wäre er schon fort". Und den unauslotbaren Schatten der ihr Nächsten: ihres Mannes Günter Eich und ihres Sohnes Clemens. Über unscheinbare Zeitmarken und fliegende sanfte Wechsel führt die Autorin durch ihre persönlichen Zeitzonen. Und entwirft aus Überlagerungen und Verschiebungen eine individuelle Erinnerungslandkarte von universeller Gültigkeit. Eine erzählerische Zeitverdichtung mit dem anspruchsvollen Ziel, die Schatten so zu verwandeln, dass sie auf die Sprünge helfen durch die Einsicht: "'heute': das ist der Tag, der morgen endgültig vorbei ist."

Vom Kaffeehaus Demel, k.u.k Hofzuckerbäckerei, dem "Auge des Taifuns" aus hat sich Aichinger auf die Reise gemacht. Im Bewusstsein: Das Unglaubwürdigste ist das Hier und Jetzt, wenn man es in Beziehung zu fernen Orten und Zeiten setzt. Entstanden sind epische Reise-Ikonen, in denen, über eine äußerste Verdichtung von Realitäten im Über-Wirklichen, die Absurdität des Realen zutage tritt. Das schlichte Bedürfnis nach einer Grießnockerlnsuppe nachts um zwei Uhr an der Tankstelle am Morzinplatz kann so zum Ausgangspunkt von Erkenntnissen existenzieller Klarsicht werden. Und Reiseerlebnisse am Kaffeehaustisch können so nicht nur für das Kommende, sondern auch für das nie Wiederkommende stärken. Mit einem Minimum an Realien erreicht Aichinger in ihren "Unglaubwürdigen Reisen" ein hohes Maß an poetischer Intensität. Eine epische Dichte, die ihre große Kraft aus der Energie abwesender Orte und der Sehnsucht nach ihnen bezieht: "Wenn ich morgen aufwache, werde ich seinen Nebel (...) spüren und ein Glück, das von Tag zu Tag kräftiger wird: das Glück da zu bleiben, wo man sich eben nicht aufhält."

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Unglaubwürdige Reisen von Ilse Aichinger, 2005, S. Fischer2.)

Unglaubwürdige Reisen.
Prosa von Ilse Aichinger (2005, S. Fischer).
Besprechung von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur, 3.10.2005:

Die Qual im Zentrum des Lebens
"Unglaubwürdige Reisen": Ilse Aichingers wunderbare Notizen

"Un Re" steht versetzt positioniert auf dem Buchumschlag. "Unglaubwürdige Reisen" nennt Ilse Aichinger, 1921 in Wien geboren, ihr Buch, das in kleinen, aber staunenswert schön-eigenartigen Episoden das alte Symbol "Lebensreise" aufgreift. Die Dichterin macht daraus keine großmächtig aufgeplusterte Kunst-Angelegenheit, sie verdichtet stattdessen. Aber auch da nichts Dickes, Fülliges, sondern Kleines, Schmales, die in ihrer Sprache noch kompakter werden - wie Schwarze Löcher.

Aichingers "Notizen" - im Schreibheft festgehalten oder auf Hotelpapier oder auf dem übrig gebliebenen Kartonrücken eines Blocks - sind eine solch extrem dichte Materie. Sie enthält ein 80-jähriges Sein mit all dem Schmerz, mit Liebe und Arbeit, enthält die wundervolle Weisheit einer Künstlerin, die niemandem mehr etwas beweisen muss, die in ihrer Sprache atmet, - und sie enthält die Schwärze des Bösen, die Menschenvernichtung unserer Zeit von den NS-Konzentrationslagern bis zum 11. September 2001; und letztlich besitzt sie die gnadenlose Anziehungskraft des Nichts, des Todes. Die Texte der "Unglaubwürdigen Reisen" zielen auf ihn, die der "Schattenspiele" umtänzeln ihn, das "profil"-Interview (2003) sehnt ihn unverhohlen herbei - ein erschütternder Schluss, "weil das Sterben eine so irrsinnige Verlassenheit von Gott und allem ist".

Ilse Aichingers Biografie-Mosaik, dessen feste Größe die irrwitzige Kombination ist, beginnt mit "Eine Zigarre mit Churchill" und da sogleich mit der völligen Relativierung unserer platten Reise-Euphorie: "Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Das fiel mir schon ziemlich früh auf." Nur diese Autorin schafft es, mit ein paar Saltos - die einem aber ganz und gar natürlich vorkommen - von da bei Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, also in London zu landen, beim legendären Premierminister und eben bei Hitler im "Chamber of Horror". Obendrein erfahren wir Reiseführer-Wissenswertes.

Fast jeder Text - geschrieben für den "Standard" von Ende 2001 bis 2004 - verweist auf die Qual im Zentrum von Aichingers Leben: die Ermordung der Juden. London, das ist die Stadt der Zwillingsschwester. Sie konnte sich mit einem Kindertransport dorthin retten. Das ist die Stadt der Tante, die für die Mutter, Ilses Großmutter also, schon Kleider gekauft hatte. Niemand hat sie je getragen. Die alte Frau war den Verbrechern nicht entkommen. Ilse und ihre Mutter, eine der ersten Frauen, die in Wien Medizin studiert hatten, überlebten. Den Irrwitz und das Unglaubwürdige umkreist Aichinger immer: egal ob sie sich an die verrückten Buchkäufe des Vaters erinnert, an das geisteskranke Kindermädchen, ob sie über Pippi Langstrumpf fantasiert oder sich von Otto Sander ans Meer versetzen lässt, ob sie vom "armen Thomas" Bernhard erzählt oder Elfriede Jelineks Nobelpreis analysiert. Und nach der "Un Re"-Lese-Reise ist uns klar: Irrwitz und Unglaubwürdigkeiten sind so was von normal und alltäglich.

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