Ungefähre Landschaft von Peter Stamm, 2001, Arche1.) - 2.)

Ungefähre Landschaft.
Roman von Peter Stamm (2001, Arche).
Besprechung von pms aus der Frankfurter Rundschau, 1.9.2001:

Sei du selbst

In Kathrins Leben stimmt nichts mehr. Die 28-Jährige, zweimal verheiratet und Mutter eines Sohnes, arbeitet als Zöllnerin in einem norwegischen Dorf nördlich des Polarkreises. Sie erkennt, dass ihr Leben eine einzige Lüge ist, sie hat jeglichen Halt verloren und verspürt jene Ur-Angst, die das Formulieren, das Zulassen des eigenen Unglücks auszulösen vermag. Erstmals geht sie auf Reisen, verlässt die endlose Ungefähre Landschaft hoch im Norden, in der Schneewehen die Grenzen aufheben - bis auf jene zwischen den Menschen. Peter Stamm, seit seinem Debüt Agnes gefeiert, brilliert auch in seinem zweiten Roman durch seine klare, unaufgeregte und nur scheinbar schlichte Sprache. Der Stil porträtiert zugleich auch die spröde Heldin, eine Frau auf der Suche. Kathrin erkennt: Nur wer zu sich selbst findet, kann leben. Ein bestechend gutes Buch. Stamms Sätze können klirren wie Eis und schweben wie eine Schneeflocke.

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Ungefähre Landschaft von Peter Stamm, 2001, Arche2.)

Ungefähre Landschaft.
Roman von Peter Stamm (2001, Arche).
Besprechung von Roman Graf,
www.romangraf.ch:

Die Melodie erzählt die Geschichte
„Ungefähre Landschaft“, der zweite Roman von Peter Stamm

Peter Stamm gilt als Hoffnungsträger der jungen Schweizer Literatur. In der zweiten Augusthälfte ist sein neuer Roman „Ungefähre Landschaft“ erschienen, drei Wochen später waren die Zeitungen voll von Rezensionen und bald hatte man das Gefühl, Peter Stamm ist auch der umstrittenste Autor der Schweizer Gegenwartsliteratur.

So schwärmte Simone Meier, Kulturredaktorin des „Tages-Anzeigers“, nach dem 6. Internationalen Literaturfestival Leukerbad mit Sätzen wie „Dieses Buch ist ein Meisterwerk“. Christine Lötscher, ebenfalls vom „Tages-Anzeiger“, analysierte begeistert und fand das Buch „atemberaubend souverän“. Anderer Meinung war Peter Henning. Er bezeichnete Stamm in der „Weltwoche“ respektlos als „Meister der Binsenwahrheiten“, als „Hobbypsychologen“ und verkündete am Schluss das Urteil: „Wer so ungerührt über die innersten Nöte seiner Figuren daherschwadroniert, missversteht die Kunst des Romans. Schreiben heisst im besten Fall alles auf eine Karte zu setzen. Stamm aber scheut jedes Risiko – und setzt seine Texte in den Sand.“ Begründet hat Henning sein Urteil aber nicht.

Kritisch geäussert – aber gut begründet – hat sich Ulrich Greiner in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Leben und Literatur sind zweierlei, aber beide sind aufeinander angewiesen. Peter Stamm kennt und beherrscht diese Banalität ziemlich gut, und deshalb sollte er sich hüten, seinem Illusionstalent allzu sehr zu vertrauen. Der Roman ‚Ungefähre Landschaft’ ist ganz gut, aber ‚Agnes’ war besser. Das Wort ‚ungefähr’ erinnert an ‚ohne Gefahr’. Ohne Gefahr gewinnt man einen Topf, aber keine Blumen.“ schreibt er. Und er sagt auch, das Schwierige an Stamms Büchern liege in deren Einfachheit, man lese sie widerstandslos und mit seltsamer Gespanntheit.

Spannungsgeladene Sprache

Damit hat er Recht. Stamms Bücher sind einfach. Der Roman „Agnes“, der Geschichtenband „Blitzeis“ und der Roman „Ungefähre Landschaft“ – alle sind sie schmale Bücher. Es ist leicht zu erklären, warum Stamms Prosa einfach ist: Oft benutzt er beispielsweise die Verben „sein“ und „haben“ als Vollverben. Das zeigen Teile der Geschichte „Am Eisweiher“ aus „Blitzeis“: „Es war fast Mitternacht, als ich mein Dorf erreichte. Die Luft war noch warm, und ich trug die Jacke über dem Arm. Meine Eltern waren schon zu Bett gegangen. Das Haus war dunkel, und ich stellte nur schnell meine Sporttasche mit der schmutzigen Wäsche in den Flur. Es war keine Nacht zum Schlafen.“

Fünf Mal „war“ in fünf Sätzen. Weiter schreibt Stamm stark impressionistisch, auf Bilderreichtum, Metaphernfülle und lyrische Schönheit verzichtet er. Die Sätze – meist aneinandergereihte Hauptsätze – sind oft kurz, mit wenigen Adjektiven; die Geschichten sind geradlinig, leicht verständlich. Sie zeigen Menschen in einer kühlen und gefühlsabtötenden Welt; sie sind misstrauische Einzelgänger, die sich oft nicht gerne auf andere einlassen.

„Nach der Zeit der postmodernen Fülle von Stilrichtungen in den 80er und 90er Jahren scheint jetzt ein neuer Schreibtrend zu entstehen, der einen neuen Glauben ‚an die Ausdruckskraft des Wortes’ zeigt“, steht im Buch Erläuterungen und Materialien zu Peter Stamms „Agnes“ (C. Bange Verlag, 2001). Diese Literatur erinnere an die Trümmerliteratur nach 1945; die konsequente Reduktion in der Sprache lasse sich als Merkmal Schweizerischer Literatur schon in den 50er und 60er Jahren nachweisen, beispielsweise in den Tagebüchern Max Frischs. Andere Autorinnen und Autoren in einem ähnlichen zeitgeschichtlichen Kontext sollen Zoë Jenny („Das Blütenstaubzimmer“ 1997, „Der Ruf des Muschelhorns“ 2000), Karin Duwe („Regenroman“ 1999), Maike Wetzel („Hochzeiten“ 2000) und Bernhard Schlink („Der Vorleser“ 1995) sein.

Stamms Wörter sind also das, was sie sind. Ein Stuhl ist ein Stuhl. Er braucht keine Allerwelts-Metaphern, um eine mögliche Bedeutung auszudrücken. Er geht feiner vor, die Beziehung der Wörter, die Beziehung der Sätze zu einander vermitteln die Botschaft. Die Satzmelodie ist entscheidend. Die Wörter erzählen die Geschichte und die Melodie erzählt die Gefühle. Ein Beispiel aus „Agnes“: „Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist mir von ihr geblieben als diese Geschichte. Sie beginnt an jenem Tag vor neun Monaten, als wir uns in der Chicaco Public Library zum erstenmal trafen. Es war kalt, als wir uns kennenlernten. Kalt wie fast immer in dieser Stadt. Aber jetzt ist es kälter, und es schneit.“

Nun, gerade diese ökonomische Sprache scheint manchen Kritikern gar nicht zu gefallen. Ist sie schlecht? Nein. Sie ist ein Stil. Man merkt schnell, dass Stamms Geschichten zwar einfach zu lesen, aber komplex gemacht sind. Die Sprache ist impressionistisch, die Geschichte wirkt aber wie eine grosse Metapher. Genau das ist das Intelligente daran: Die Sprache und deren Wirkung leben in einem Spannungsverhältnis. Die schlichte Wortwahl erzeugt das Gefühl im Leser, dass mehr hinter den Wörtern und Aussagen steht, dass hinter der Oberfläche etwas Wichtiges liegt, das verstanden werden muss.

Ungefähre Landschaft

In seinem neuen Buch „Ungefähre Landschaft“ beschreibt Stamm das Leben im Norden. Und auch hier ist die Satzmelodie wichtig: „Kathrine ging zur Arbeit. Sie fuhr mit dem Auto. Sie setzte Randy bei der Schule ab. Er wurde krank und wieder gesund. Er bekam eine Brille. Er wuchs. Kathrine verdiente Geld und kaufte sich Dinge. Sie gebar ein zweites Kind, ein Mädchen, Solveig. ... Randy fuhr in die Ferien zur Grossmutter ins Dorf. Er kam zurück. Es wurde Herbst und Winter. Es wurde Sommer. Es wurde dunkel, und es wurde hell.“ Kreisläufe spielen im neuen Buch eine wichtige Rolle. Kreisläufe, in welchen die Protagonistin Kathrine schwimmt, sich treiben lässt.

Kathrine, eine 28-jährige Zöllnerin in Norwegen, geschieden, lebt heute mit dem Kind und ihrem zweiten Ehemann, Thomas, zusammen. Dann macht sie eine Entdeckung, verlässt Thomas und flieht in den Süden. Sie kommt zurück, fängt an, sich für ihren Sohn zu interessieren und heiratet ihren ältesten Freund Morten. Vor und nach dieser Reise lebt sie in den Kreisläufen des Alltags, nur auf der Reise scheint sie ihr Leben selber zu bestimmen oder es mindestens ein wenig zu versuchen. Die Reise ist ein kurzer Ausbruch aus der Ordnung.

Im Gegensatz zu seinen bisherigen Büchern hat Stamm die Erzählperspektive gewechselt – von der ersten Person zur dritten. Dem Imperfekt ist er treu geblieben. Das Leben im Norden wird aus der Ferne betrachtet, diese Distanz ermöglicht eine andere Intimität. Im Buch kommen Internet und Chat vor, diese Kontakte leben auch von der Intimität, die durch Distanz ermöglicht wird. Stamm schreibt also über eine Stimmung, die in unserer heutigen Gesellschaft liegt. Und weil es ihm gelungen ist, sie authentisch wiederzugeben, hat sein Buch auch einen literarischen Wert in dem Sinne, dass es die aktuelle Zeit wiederspiegelt, den Nerv der Zeit trifft.

Doch es gibt auch heikle Stellen, wo sich Stamm nah an Klischees heranwagt. Kathrine ist auf der Rückreise als sie Linn kennenlernt. Sie reisen zusammen weiter und eines Nachts kriecht Linn zu Kathrine unter die Decke. „Kathrine sagte, ihr Arm tue weh. Sie drehte sich zur Wand und legte den Kopf auf das Kissen. Linn legte ihren Kopf neben Kathrines und die Hand auf ihre Schulter. ‚Dein Haar riecht gut’, flüsterte sie. ‚Benutzt du einen Conditioner?’“ So geht es weiter und man erwartet, dass sie sich küssen.

90 Seiten vorher war Kathrine noch mit Morten im Bett: „Einmal, als er sie von hinten umklammerte, flüsterte sie, er solle schmutzige Dinge zu ihr sagen. Er tat sein Bestes, aber es gelang ihm nicht recht, und das machte auch nichts.“ Diese Stellen machen den Roman spannend, sie sind hochexplosiv – auch für die Kritiker. „Mir ist das bewusst“, sagt Stamm, „ich habe mir überlegt, wie man darauf reagieren wird, dass Linn und Kathrine zusammen im Bett sind. Man könnte es als Männerfantasie abtun.“ Dennoch hat er es gewagt – und ist nicht zu weit gegangen. „Ich habe mir auch überlegt, ob es anmassend ist, dass ich mich als Mann in eine Frau versetze. Aber dann wäre es auch anmassend, sich in irgendeinen Menschen zu versetzen.“

Brach das Studium ab, um Schriftsteller zu werden

„Ungefähre Landschaft“ ist durch einen Zufall entstanden. Ein befreundeter Fotograf fragte ihn an, ob er mit ihm eine Reportage machen möchte an der nördlichsten Spitze Norwegens. Mit dabei hatte Stamm eine kurze Geschichte, aus der er einen Roman machen wollte. „Ich kam nicht weiter, schliesslich war ich so verzweifelt, dass ich Mirjam nach Freiburg im Breisgau umziehen liess. Aber das half mir auch nicht weiter.“ schreibt Stamm in „Die Recherche, der Zufall und die Fantasie“, einem Begleittext für die Medien. In Lappland lernte er bei einem Interview eine Frau kennen „und plötzlich wusste ich, dass sie meine Mirjam war, meine Kathrine. Es war nicht, was sie mir erzählte, sie lebte ein ganz anderes Leben, als ich es für meine Figur geplant hatte. Es war ihr Blick.“

Nun ist „Ungefähre Landschaft“ drei Wochen auf dem Markt. „Bis jetzt wurden mit der ersten und zweiten Auflage bereits 30'000 Exemplare verkauft“, sagt Stamms Verlegerin Elisabeth Raabe. Bald erscheint die dritte Auflage von weiteren 20'000 Exemplaren. „Es wäre natürlich sehr schön, wenn sich das Buch insgesamt 100'000 Mal verkaufen liesse“, hofft Raabe. Das wäre eine deutliche Steigerung gegenüber den ersten beiden Büchern. „Agnes“ wurde 25'000 Mal verkauft (Hardcover und Taschenbuch) und „Blitzeis“ 30'000 Mal (nur Hardcover, das Taschenbuch erscheint im Oktober 2001).

Keine Frage, Stamm wird zur Zeit vom Erfolg verwöhnt und bald wird er für ein halbes Jahr nach London verreisen, weil er ein Stipendium der Kulturstiftung Landis & Gyr erhalten hat. „Vielleicht entsteht dort ein London-Buch“, sagt er. Mit Stipendien, Werkbeiträgen und Preisen ist er schon oft geehrt worden, das war aber nicht von Anfang an so: Bis zur Veröffentlichung von „Agnes“ hat er acht Jahre lang geschrieben. „Meine ersten zwei Romane wurden nicht veröffentlicht – zum Glück!“ sagt er lachend. Peter Stamm ist 1963 in Weinsfelden in der Schweiz geboren, absolvierte eine kaufmännische Lehre, holte die Matur nach und studierte einige Semester Psychologie und Psychopathologie, brach dann aber ab, um Schriftsteller zu werden. Er hielt sich länger in Paris, New York und Skandinavien auf und lebt heute in Zürich und Winterthur. Er ist freier Autor, Journalist und Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift „Entwürfe“.

Quintessenz

Nach dem erfolgreichen Debüt „Agnes“ hat man bei „Ungefähre Landschaft“ nicht – wie so oft nach Ersterfolgen – das Gefühl, nochmals dasselbe zu lesen. Stamm hat seine Sprache dem neuen Thema angepasst, er hat seinen Stil weiterentwickelt, und er hat die Erzählperspektive entscheidend verändert: Der erste Roman wird eher von innen heraus erzählt, der zweite aus der Ferne. Stamm hat also etwas Neues gewagt und das ist ihm sehr gut gelungen. Mit seiner Sprache gelingt es ihm, ein Bild des Lebens und der Landschaft im Norden zu vermitteln. Dies, obwohl er kein Buch über Lappland schreiben wollte, wie er in „Die Recherche, der Zufall und die Fantasie“ erklärt. Leider bleibt der Ausgang aber nicht bis zum Ende offen wie bei „Agnes“. Dass Kathrine zu Morten gehen wird, liegt auf der Hand. Stamm hat vielleicht nicht alles auf eine Karte gesetzt. Aber der Erfolg ist ihm sicher. Stamm hat geschrieben wie Stamm. Und das sehr gut.

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