Ungarn in der Nußschale von György Dalos, 2004, BeckUngarn in der Nußschale.
Buch von György Dalos (2004, Beck).
Besprechung von Sabine Dultz im Münchner Merkur, 14.10.2004:

Tragisches Pathos und ironische Skepsis

"Mein Ziel war eigentlich, die Stadt Buda zur Heimstätte des Islam zu machen", schrieb in seiner Siegesschrift Suleiman der Große. Nach der Eroberung weiter Teile des ehemaligen Königreichs Ungarn verwandelte der Sultan die Kirchen in "Dschamis". Und: "In den Landschaften, die vordem das Läuten der Glocken gewohnt waren, war von nun an die Stimme des Muezzins zu hören." Das war 1540. Die Türken hatten Platz genommen an der Donau und sollten 150 Jahre dort bleiben. Ungarn war dreigeteilt.

Die Geschichte seines über tausend Jahre alten Landes erzählt in einem prägnanten und geschliffen geschriebenen Überblick der ungarische Schriftsteller György Dalos. Dabei gelingt ihm nicht nur die umfassende historische Information. Sondern er vermittelt darüber hinaus dem Leser das Gespür dafür, was das Ungarische ausmacht.

Das beginnt 870. Aus dieser Zeit stammt eine der ersten Erwähnungen. Und es schließt mit Ungarn im Umbruch, Ungarn als EU-Mitglied, Ungarn als Reformstaat. Dazwischen Kriege und immer wieder Fremdherrschaft, Tragödien ungarischer Könige, bayerischer Bräute und der sich niederlassenden Juden. Im Spannungsfeld zwischen Osten und Westen wurde das Land zerrieben - und die Nation gestärkt.

Wie in einer auf den Wogen schaukelnden Nussschale hat sie die politischen Stürme der Jahrhunderte überdauert. Das ist, zumindest für den deutschen Leser, das Erstaunliche an diesem Buch: dass György Dalos ohne Scheu, aber auch frei von übertriebenem Stolz seinem Land huldigt und dennoch nie den kritischen Blick aufgibt. Ungarns beste Zeit, schreibt er, war das Jahrhundert der Habsburger. Die schwerste - aus heutigem Bewusstsein - das 20. Jahrhundert.

Das Paktieren mit den Deutschen, die Übernahme der Judengesetze, Krieg und Holocaust trieben das Land "in den Abgrund". Von dem es sich nach 1945 nur allmählich wieder erholte. Der stalinistische Terror, die Jahrzehnte der Volksdemokratie, die Lächerlichkeit der Kulturrevolution - sie forcierten tragisches Pathos, ironische Skepsis und Besinnung auf die eigene kulturelle Herkunft. Letztlich gingen daraus die Ungarn wiederum als Nation gestärkt hervor, von deren Selbstbewusstsein 1989 auch die Deutschen profitierten.

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