Unerzählt von W. G. Sebald, 2001, HanserUnerzählt.
33 Texte von W. G. Sebald (2001, Hanser, mit 33 Radierungen von Jan Peter Tripp, mit einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger und einem Nachwort von Andrea Köhler ).
Besprechung von Hans-Joachim Neubauer in Rheinischer Merkur, 20.3.2003:

Ein Buch über das Sehen, das Schreiben und den Kampf gegen das Vergessen
Abgewandte Gesichter
Vor 15 Monaten starb W. G. Sebald. Nun erscheint, als literarisches Vermächtnis des Autors, das Zeugnis einer großen Künstlerfreundschaft.

Was heißt lesen? Wir nehmen ein Buch, schlagen es auf, blättern vor und zurück, überfliegen eine Zeile hier, einen Abschnitt dort. Bisweilen lesen wir uns fest, und manchmal verschwinden wir im Sog eines Gedichts, im Strudel einer Geschichte, auf den Schatzinseln einer fremden Erfahrung. Von dort kehren wir zurück wie von einer Reise – verzückt, erschöpft, benommen, heiter – und haben etwas zu erzählen.

So kann sie sein, die Erfahrung des Lesens; manche Bücher aber wenden sie um. Statt das Objekt der Lektüre zu bilden, blicken sie zurück in den Leser, schauen ihn an, sodass er am Ende zweifelt, wer gelesen hat, wer gelesen wurde. Eines dieser beunruhigenden und anrührenden Bücher hat nun der Maler Jan Peter Tripp aus eigenen Radierungen und kurzen Texten W. G. Sebalds zusammengestellt. Schon vor Jahren war der Plan zu dieser gemeinsamen Arbeit entstanden, und von 1999 bis zu seinem plötzlichen Tod im Dezember 2001 arbeitete Sebald an seinen Miniaturen. Jetzt wurde „Unerzählt“ zu seinem Vermächtnis – und zum Zeichen einer besonderen Künstlerfreundschaft.

„Unerzählt“ ist ein Buch der Augen. Im Querformat bietet es 33 Paarungen aus Bildern und Texten. Oben zeigt die Radierung in Grau- und Sepiatönen die Augen eines Menschen, unten gewähren die kurzen Zeilen einen genauen Blick auf einen angehaltenen Moment, auf eine Wendung, eine Erinnerung: „Weißt Du noch/ wie sonderbar grau/ das Licht war/ als wir im März/ auf der Pfaueninsel/ gewesen sind.“

Einige der Porträtierten kommen aus der engen Umgebung von Sebald und Tripp, andere sind Schriftsteller und Künstler. Der blinde Jorge Luis Borges ist da, Marcel Proust mit seinen fein geschwungenen Lidern und Javier Marías, aber auch Samuel Beckett und Michael Krüger. Wir sehen den Maler Francis Bacon, wir sehen Rembrandt und Barnett Newman und Tripp und Sebald selber. Manche erwidern unseren Blick, einige schauen auf einen Punkt dicht neben uns, Einzelne aber in eine unbestimmte Ferne.

Zur Erklärung dieser erregenden Konfrontation mit dem Blick ließe sich die Kulturtheorie, die Psychologie und die Mystik des Auges herbeizitieren, das Alte und Neue Testament der durch die Schule Kafkas und Freuds gegangenen Moderne. Doch mag es hinreichen, Sebalds eigene Worte zu lesen, in denen er die Programmatik der hier statthabenden Erfahrung chiffriert. Jan Peter Tripp hat sie zu einer seiner lebendigsten Radierungen gestellt, zu der mit den Augen Rembrandts: „Gleich einem Hund/ sagt Cézanne/ so soll der Maler/ schauen das Auge/ still & fast/ abgewandt.“

Viele dieser Texte handeln von den Organen und dem Vorgang des Sehens, ein Sebaldsches Leitmotiv. Darauf weist auch Andrea Köhler in ihrem klugen, abwägenden Nachwort hin. Sie umreißt die Fluchtlinien in Sebalds Werk als den konstruktiven Rahmen dieser späten Texte. Es sind dies die Geschichte, das Archivieren, die Erinnerung – und der Kampf gegen den Tod durch das Vergessen. „Unerzählt/ bleibt die Geschichte/ der abgewandten/ Gesichter.“

Dennoch ist dieses Buch kein Epitaph; es verströmt die besondere Wärme Sebalds, jene bedingungslose Teilhabe am Leben durch die Arbeit des Schreibens. In seinen „Feuilles d'Hypnos“ beschwor René Char die „intelligence avec l'ange“, das Einvernehmen mit dem Engel des Lebens. Dafür steht auch das Buch der Freunde Tripp und Sebald. Groß mutet es an, einfach und lebensnah; es birgt die Einsicht, dass dem Untergang nur die geformte Erfahrung widerstehen kann. Wirklich gibt es ein Leben vor dem Tod – und die Aufgabe, es wahrzunehmen, damit es nicht verrinne. Verloren all die abgewandten Gesichter und nicht erzählten Geschichten. Wir nehmen das Buch, schlagen es auf und lesen: „Er wird Dich/ bedecken mit/ seinem Gefieder/ &/ unter seinem/ Flügel dann/ ruhest Du aus.“ Wo dem Schweigen das erste Wort entkommt, ein Wort, das auch das letzte sein kann, sind wir nicht allein.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]

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