Unerlaubte
Entfernung.
Lyrische Prosa von Jayne-Ann
Igel (2006, Edition Urs Engeler).
Besprechung von Michael
Braun in freitag
vom 19.1.2007:
In allen Teilen des Körpers
VERLUST. Die
Traumbewegungen der Dichterin Jayne-Ann Igel in "Unerlaubte
Entfernung" und "Traumwache"
Es war eins jener stillen, ganz introvertierten Bücher, die in
den Turbulenzen des Wendejahres 1989 untergingen. Als damals in der Reihe "Collection
Fischer" ein Gedichtband mit dem rätselvollen Titel Das Geschlecht der
Häuser gebar mir fremde Orte erschien, wurde er vom grellen Pathos der
politischen Schlagzeilen sofort übertönt. Autor des Bandes war ein gewisser
Bernd Igel aus Leipzig, Jahrgang 1954, den nur wenige Leser aus der
Programmschrift Sprache & Antwort kannten, in der einige sprachverrückte
Dichter der "Prenzlauer-Berg-Connection" den großen poetischen
Gegenentwurf zu den literarischen Sprachregelungen des SED-Staates vorlegten.
In der Nachbarschaft der anti-grammatischen Revolteure um Bert Papenfuß-Gorek
oder Stefan Döring wirkte Igels Gedichtbuch wie ein Fremdkörper. Denn hier präsentierte
sich kein neoexperimenteller Prenzelberger Dichter, sondern ein enthusiastischer
Nachfahre des Romantikers Friedrich von Hardenberg und seiner "Hymnen an
die Nacht". Der Traum, die nächtliche Phantasmagorie und die daraus
geflochtenen Nachtgewächse aus Wunsch- und Schreckens-Bildern bildeten den
Urstoff dieser Poesie. Die Bewegungsrichtung der Gedichte verlief seltsam
ziellos und zirkulär: Der verästelte Weg dieser traumschweren Texte führte
durch düstere Häuser, Wohnstätten, Kellerverliese - und nicht wenige Leser fühlten
sich an die tellurischen Expeditionen und Unterwelt-Erkundungen Wolfgang Hilbigs
erinnert. Wie eng die nächtlichen Gänge und Fahrten durch Erinnerungs- und
Traum-Häuser mit Motiven des Körpers verknüpft sind, erhellte dann auch 1991
der Folgeband fahrwasser, der den schwierigen Weg einer
geschlechtlichen Verwandlung von Bernd zu Jayne-Ann Igel nachzeichnete.
Dann hörte man eine Weile nichts mehr von der Dichterin Jayne-Ann Igel, die
ihre Energien lange Jahre auf Forschungsarbeit im Dresdner Frauen Stadt-Archiv
konzentrierte. Sechzehn Jahre nach dem Lyrik-Debüt sind nun in rascher Folge
zwei poetische Prosabücher von Jayne-Ann Igel erschienen, die auf großartige
Weise an die nächtlichen Illuminations-Phantasien der frühen Gedichte anknüpfen.
Sowohl in der Erzählung Unerlaubte Entfernung (2004) als auch in den
wunderbaren Vexierbildern des neuen Bandes Traumwache geht es um die
Entfaltung einer inneren Topographie, um die Kartographierung von
Traumbewegungen und um das "gären von bildern in allen teilen des körpers".
In Unerlaubte Entfernung will ein traumverlorener junger Mann, der von
seiner Mitwelt als ewiger Spätling und "sozial retardierter" Zurückgebliebener
behandelt wird, endlich einen Zugang finden zum gesellschaftlichen Leben der späten
DDR, will sich integrieren in jene regulierten Kollektive, die in dieser
Gesellschaft das Leben prägen. Immer stärker gerät der junge Mann, der hier
"b." genannt wird, in eine anthropofugale Drift, in eine immer größer
werdende Entfernung gegenüber allen Regelsystemen dieser Gesellschaft, bis er
sich schließlich eingestehen muss, dass er auf dem Wege ist, "sich aus der
Mitwisserschaft beziehungsweise -haft der Menschen zu lösen".
Wie in den Gedichten des Erstlings vollführt das Ich zirkuläre Bewegungen und
richtungslose Wanderungen auf seinen Erkundungsgängen durch Leipzig oder durch
Orte der Oberlausitz. Unerlaubte Entfernung lässt sich als negativer
Bildungsroman lesen, als die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Wunsch nach
Erwachsenwerden kollidiert mit den Verfahren der Vergesellschaftung, die von der
politischen Ordnung verlangt werden. So führt der Weg des einsamen Ich in die
"Abwesenheit", in die absolute Unzugehörigkeit und Vereinzelung, so
dass nur noch ein "Ankommen in der Fremde" möglich ist. Am Ende steht
die "unerlaubte Entfernung" von der Truppe, eine kurze Flucht in
"die urwälder von bialystok", der mit den üblichen
Disziplinierungsmethoden beendet wird.
Bereits vor der Arbeit an dieser Erzählung hatte Jayne-Ann Igel mit den ersten
Notizen zu den phantasmagorischen Protokollen des Bandes Traumwache
begonnen. Hier ist das somnambule Ich, das zwischen wechselnden Identitäten
changiert, unterwegs als "wiedergänger zwischen ortrand und ruhland",
eine Träumerin mit profanen Erleuchtungen in den verlassenen Häusern und
abgetragenen Gebäuden der Kindheit, eine Nachtwandlerin, die in den
"Verschachtelungen des Ich" nach Offenbarungen sucht: " ...- wo
sind sie, all die traumhäuser, wachräume, so sie nicht schon abgerissen sind?
Was wir durchstreifen sind gedächtnisstätten, und wir sind waisen geworden,
rastlos im bemühen, uns an-, zugehörig zu machen; wir tragen ein verkapseltes
geschwür in uns, das aufzubrechen droht... " Als "verteiler von träumen
und reflektionen" durchquert das Ich die düsteren Quartiere, Straßen und
Wege in Leipzig, in Kleinstädten der Oberlausitz und im "chemiedreieck"
zwischen Bitterfeld, Leuna und Halle.
Es sind verschiedene Ich-Instanzen und Zeit-Schichten, die hier ineinander fließen,
ein personifizierbares, autobiographisches Subjekt wird bewusst aufgelöst in
der poetisch-fließenden Textbewegung. Dabei gelingen Jayne-Ann Igel intensive
und düstere Bilder einer planetarischen Verheerung in Industriebrachen und
Abraumhalden, in denen der alles zermahlende Sand seine Formationen von Staub über
die Landschaften des Ostens legt. So gewährt die "Traumwache" nicht
nur verstörende Einblicke in die Kellerverliese der Kindheit, sondern auch auf
eine pulverisierte Welt, deren "irdener Rücken zu Staub zerrieben
ist". Hier werden Verluste bilanziert, die über die individuelle Biografie
der Träumerin und Erzählerin weit hinausreichen. In der offenen, mäandernden
Struktur der Traumwache wird uns buchstäblich der Boden unter den Füßen
weggezogen. Jayne-Ann Igel zeigt eindrucksvoll, dass sich modernes Erzählen
keinesfalls vor dem vielfach geforderten Tribunal eines "relevanten
Realismus" verantworten muss, um unsere Wirklichkeit zu erreichen. Eine
hellwache Träumerin genügt.
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