Unendliche Bibliothek von Jorge Luis Borges, 2010, S. FischerDie unendliche Bibliothek.
Erzählungen, Essays, Gedichte von Jorge Luis Borges (
2010, S. Fischer TB, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Alberto Manguel).
Besprechung von Fokke Joel in Freitag, 18.9.2010:

Ein Leben für die Bücher
Warum es sich lohnt, Borges zu lesen – vor allem die Erzählung „Deutsches Requiem“

Jorge Luis Borges liebte die Kriminalromane. In einem kurzen Text zu Edgar Wallace entwickelte er 1932 eine kleine Theorie des Genres. „Der Engländer“, schrieb er, „kennt die Erregung durch zwei unvereinbare Passionen: die seltsame Sehnsucht nach Abenteuern und die seltsame Sehnsucht nach Legalität.“ Seltsam deshalb, weil es für den „Criollo“ seltsam sei, den argentinischen „Kreolen“ mit seinen indianischen und spanischen Vorfahren. „Martín Fierro, heiliger Deserteur des Heers, und der Bauer Cruz, heiliger Deserteur der Polizei, würden ob der britischen (und nordamerikanischen) Doktrin, dass die Vernunft unfehlbar auf der Seite des Gesetzes ist, Erstaunen bekunden, das nicht frei wäre von schlimmen Wörtern und Grinsen; aber ebenso wenig würden sie sich zu der Vorstellung bequemen, dass ihr kümmerliches Geschick von Messerstechern interessant oder erstrebenswert sei.“

Schon dieser ungewöhnlicher Perspektiven wegen lohnt es sich, Borges zu lesen. Und seiner ungewöhnlichen Themen wegen. Zwar liebte er die Klassiker, liebte Dante, Cervantes und Shakespeare; aber auch über abseitige Gegenstände wie den „Begriff der Akademie und die Kelten“ oder die „deutsche Literatur zur Zeit von Bach“ hat er geschrieben. Sein Wissen bezog er aus Büchern, Musik und Malerei spielen im Werk des Argentiniers kaum eine Rolle. Erklärt hat er seine Leidenschaft mit der eigenen Lebenserfahrung: „Fragt man mich heute nach dem Hauptereignis in meinem Leben, so würde ich die Bibliothek meines Vaters nennen. Tatsächlich glaube ich manchmal, nie aus dieser Bibliothek hinausgefunden zu haben.“

In Der Bibliothek von Babel, seiner wohl berühmtesten Erzählung, hat Borges die Idee der Bibliothek auf die Spitze getrieben. Angenommen, dass sich mit Hilfe von 25 Buchstaben des Alphabets plus ein paar Satzzeichen alles (wirklich alles) abbilden lässt, könnte man mit Hilfe einer unendlichen Anzahl von Büchern das komplette Universum darstellen. Jedes der Bücher unterscheidet sich mindestens in einem Zeichen von den anderen. Die Bibliothek von Babel enthält je ein Exemplar aller Werke der Weltliteratur. Selbst alle noch nicht geschriebenen Bücher befinden sich in der Bibliothek. Die meisten bestehen jedoch aus sinnlosen Buchstabenkombinationen. „Wie alle Menschen der Bibliothek“, sagt Borges‘ Erzähler, „bin ich in meiner Jugend gereist; ich habe die Fahrt nach einem Buch angetreten, vielleicht dem Katalog der Kataloge“. Ob seine Suche erfolgreich war, erfährt der Leser nicht.

Viel fügsamer als die Zukunft...

„Ich habe meine Erzählungen weiter entfernt angesiedelt“, schreibt Borges im Vorwort zu David Brodies Bericht von 1970, „sei es im Raum oder in der Zeit. So kann die Vorstellungskraft freier arbeiten.“ Viele seiner Erzählungen haben dabei essayistischen Charakter, so wie seine Gedichte oft erzählte Gedanken sind. Borges ist ein Autor für Leser, die Spaß am Denken und an der Erkenntnis haben. Seine Essays über Homer, Dante oder Dostojewskij konzentrieren sich auf das Zeitlose dieser Werke, das, was über die Jahrhunderte interessant bleibt. Immer wieder hat Borges betont, er halte es für einen Fehler, wenn sich ein Schriftsteller zum Tagesgeschehen äußert. „Kunst und Literatur“, meinte er, „müssten versuchen, sich von der Zeit zu befreien. So oft hat man mir erzählt, dass die Kunst von Politik oder Geschichte abhängt. Nein, ich glaube, das ist völlig falsch.“

Da wecken Borges’ Texte aus den dreißiger und vierziger Jahren allerdings einen anderen Eindruck. Man findet sie in Ein ewiger Traum, einem von Gisbert Haefs herausgegebenen Band mit Essays, der gerade bei Hanser erschienen ist. Hier zeigt sich Borges als Antifaschist, als Kritiker des Nationalismus und des Rassismus. Ich, Jude lautet der Titel eines dieser Texte, in dem er ironisch auf einen argentinischen Antisemiten eingeht, der ihm eine „böswillig verheimlichte jüdische Herkunft“ vorwarf. Die Vergangenheit sei ja „unendlich knetbar und angenehm, viel fügsamer als die Zukunft, und sie erfordert weit geringere Anstrengungen. Sie ist die ruhmreiche, liebste Jahreszeit der Mythologien.“ Deshalb habe auch er sich mit den eigenen Ahnen beschäftigt. Gerne wäre er Jude gewesen, nur leider könne er trotz intensiver Nachforschungen niemanden unter seinen Vorfahren finden, der Israelit gewesen ist.

Wahrscheinlich haben Borges’ politische Fehler seine apolitische Haltung nur noch verstärkt. Der Besuch beim chilenischen Diktator Pinochet und dessen ebenso blutigen argentinischen Kollegen General Videla „haben seine Freunde bestürzt“, schrieb Octavio Paz. „Sie haben ihn nachträglich gereut. Man muss aber hinzufügen, dass er... völlig redlich und sich selber treu war. Er hat nie gelogen, nie in Kenntnis der Lage das Übel gerechtfertigt, wie es ein erklecklicher Teil seiner Feinde und Tadler getan hat. Nichts war Borges fremder als die ideologische Kasuistik unserer Zeitgenossen.“ Am Ende hat er dann doch noch seinen Namen unter einen Aufruf zugunsten der Desaparecidos (Verschwundenen) gesetzt.

Das literarische Kunstwerk befand sich für Borges jenseits von Raum und Zeit. Was macht es aus? Wie funktioniert es? – Hierüber hat er zahllose Essays geschrieben, aber auch Erzählungen und Gedichte. Er hat fiktive Autoren erfunden, an dessen Leben und Werken er bestimmte denkerische oder literarische Probleme durchspielen konnte. Homer und Joyce waren für ihn unmittelbare Kollegen und keine Vertreter unterschiedlicher Epochen, weil beide mit dem Einsatz ihrer ganzen Person ein Werk geschaffen haben, das Raum und Zeit überwindet.

Wer deshalb von Borges konkrete Auskünfte über den Verlauf der Geschichte oder politische Probleme erwartet, der wird bis auf Ausnahmen enttäuscht werden. Aber dieser Nachteil wird mehr als wett gemacht durch die Fülle der Themen, Ideen und Zusammenhänge, die er in seinem langen Leben aus den Tiefen der Bibliotheken hervorgeholt hat. Das Lesen von Büchern war für ihn gleichbedeutend mit der Entdeckung neuer Kontinente. Die Begeisterung für die Weltliteratur, für das Denken und Dichten – und sei es noch so mystisch oder abgelegen – gibt er unmittelbar an seine Leser weiter.

Die deutsche Literatur und Philosophie spielte auf dieser intellektuellen Reise durch Raum und Zeit eine wichtige Rolle. Borges’ erstes Buch war die englische Übersetzung von Grimms Märchen, aus der ihm seine Großmutter, die aus dem englischen Staffordshire stammte, vorlas. Und das letzte Buch, dessen Text der seit Ende der fünfziger Jahre blinde Borges kurz vor seinem Tod 1986 hörte, war Heinrich von Ofterdingen von Novalis. Borges hatte sich Deutsch während des Aufenthalts der Familie in Genf von 1913 bis 1919 mit Hilfe von Heine-Gedichten und einem Wörterbuch selbst beigebracht. Manchem Essay aus Ein ewiger Traum ist anzumerken, wie nah ihm der Niedergang Deutschlands während des Nationalsozialismus ging. In der Rezension des Kinderbuchs Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid schreibt er unter der Überschrift, „Eine Pädagogik des Hasses“: „Ich persönlich bin empört, weniger Israels als Deutschlands wegen, weniger wegen der beleidigten Gemeinschaft denn wegen der beleidigten Nation. Ich weiß nicht, ob die Welt auf die deutsche Zivilisation verzichten kann. Es ist schändlich, dass sie durch die Lehren des Hasses zersetzt wird.“

Ungemütliche Überraschung

Auch die Erzählung Deutsches Requiem beschäftigt sich mit Deutschland und der Nazizeit. Ein Text, der sich in Die unendliche Bibliothek, einem gerade neu aufgelegten Querschnitt durch Borges’ Werk befindet, den Alberto Manguel zusammengestellt und mit einem lesenswerten Nachwort versehen hat (Manguel hat als Schüler in den sechziger Jahren Borges vorgelesen). Borges schlüpft hier mit seinem Erzähler in die Rolle des fiktiven KZ-Kommandanten Otto Dietrich zur Linde und versucht, 60 Jahre vor Jonathan Littell, literarisch der Frage nachzugehen, was einen gebildeten Akademiker dazu bringt, unschuldige Menschen umzubringen. In der ausführlichen Auseinandersetzung um Die Wohlgesinnten wurde die Erzählung zwar mal erwähnt; richtig auf sie eingegangen ist jedoch niemand. Iris Radisch meinte in der Zeit sogar, es gäbe eine „publizistische Lücke“, was Texte angeht, die die Innenansicht der Täter erzählen. Einem 1400-Seiten-Roman gegenüber ist eine Erzählung von gerade mal zehn Seiten einfach zu kurz, um vom Feuilleton ernst genommen zu werden.

Heute, nach jahrzehntelanger Forschung zum Holocaust, mag manches an Borges’ literarischer Antwort zu einfach klingen, doch sein Erklärungsversuch trifft noch immer einen wichtigen Punkt des Problems. Nicht der Hass, sondern der Selbsthass, dieses von der „prometheischen Scham“ (Günter Anders) hervorgerufene Gefühl der Unvollkommenheit gegenüber der perfekt arbeitenden Maschine ist es, das zur Linde zum Mörder macht. Jedes unkontrollierbare Gefühl erinnert ihn an diese Überlegenheit des emotionslosen Apparates. Als der von ihm geschätzte jüdische Dichter David Jerusalem ins KZ eingeliefert wird, muss er gegen das Gefühl des Mitleids ankämpfen. „Ich weiß nicht, ob Jerusalem begriffen hat, dass ich ihn vernichtete, um mein Mitleid zu vernichten. In meinen Augen war er kein Mensch, nicht einmal ein Jude; er hatte sich in das Symbol einer verabscheuten Zone meiner Seele verwandelt. Ich litt mit ihm Todesqualen, ich starb mit ihm, ich habe mich gleichsam mit ihm zugrunde gerichtet; deshalb war ich erbarmungslos.“

Borges macht in Deutsches Requiem auf erschreckende Weise deutlich, dass Kultur nicht prinzipiell im Widerspruch zum Massenmord des Holocaust stand. Sein KZ-Kommandant liebt Brahms und Shakespeare wie er selbst und er verehrt auch Borges‘ Lieblingsphilosophen, Schopenhauer. „Wenn je ein Mensch voll Staunen, in Rührung und Dankbarkeit erschauernd, vor einer Stelle im Werk dieser Glücklichen verharrt, mag er wissen, dass auch ich, der Abscheuliche, dort verweilte.“

Borges wollte sich von Raum und Zeit lösen. In der Fiktion von Deutsches Requiem schlägt diese Negierung dialektisch um in eine hier und heute verwendbare Erkenntnis. Der KZ-Kommandant wird über den Atlantik und die unterschiedliche deutsche und argentinische Geschichte hinweg zum Bruder, der die beunruhigende Frage stellt: Wärest nicht auch du zur Barbarei fähig? Wer Borges liest, muss sich auch auf solch ungemütlichen Überraschungen einstellen. Aber er bricht mit der Lektüre auch zu neuen Ufern auf, zu neuen Ufern des Denkens und des Wissens.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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