und wieder an Inseln gewiesen von Paul Alfred Kleinert, 2008, Brachmann-Verlag1.) - 3.)

und wieder an Inseln gewiesen.
Gedichte von Paul Alfred Kleinert
(2008, Brachmann-Verlag/Lyrik unserer Zeit/pernobilis-edition, Nachwort von Sándor Tatár).
Besprechung von
Lutz Volke für die RezensionenWelt, Oktober 2008:

Warum die Insel?
Was fasziniert Menschen – nicht nur im Urlaub – an Inseln? Ob einsam oder überlaufen, in jedem Fall geht je nach Lebensgefühl und Geschmack eine besondere Anziehungskraft von ihnen aus.

Wenn Paul Alfred Kleinert seinem kürzlich erschienenen Gedichtband den Titel gibt  und wieder an Inseln gewiesen, darf man annehmen, dass er fast einem inneren Zwang, einer inneren Notwendigkeit folgt, dem unübersehbaren Häusermeer der Großstadt zu entfliehen, um sich auf das natürliche Gebiet eines Eilands zurück zu ziehen. Und dann sind es keinesfalls die exotischen Urlaubsinseln, es sind die Inseln nordisch herber Schönheit: Irland, die Shetlandinseln, die Färöer, Gotland. Åland. Die Hingezogenheit und Liebe zu diesen Inselwelten brachte u.a. etwas so Einmaliges und Eigenartiges hervor wie eine färöische Gedichtanthologie (zweisprachig) unter dem deutschen Titel Von Djurhuus bis Poulsen – färöische Dichtung aus 100 Jahren – aber selbstverständlich auch immer eigene Gedichte.

Im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes steht der zwölf Gedichte umfassende Gotland Zyklus, entstanden während und nach einer Reise im Jahr 2006. Und natürlich darf man erwarten, dass von der Schönheit der Insel die Rede ist, von ihrer Geschichte und von den alten Gemäuern der Inselhauptstadt Visby. Aber eigentlich geht es um das eigene Inseldasein: der Mensch als Eiland und gleichzeitig als Kosmos. Nur muss er diesen Kosmos, der nur ihm eignet, seine Inselwelt, finden im unendlichen All. Die Besinnung auf sich selbst, die Begegnung mit im Inneren Verborgenen, auf abgeschiedenen Inselwelten ist sie vielleicht eher möglich. Das hat Gaugin erfahren oder auch Ingmar Bergman, der sich gern auf die Gotland angeschlossene kleine Insel Färö zurückzog.

So heißt es in Kleinerts Gedicht Stora Häsnäs:

            beim Eintritt in das Haus ist da

            etwas zutiefst Vertrautes –

            so, als kämest du wieder zurück

            an einen Ort, von dem du einst aufgebrochen;

            (…)

            eine der vielen Fragen,

            auf die du

            keine Antwort weißt

Der Verfasser dieser Rezension erinnert sich an einen Besuch auf einem gotländischen Bauernhof in den neunziger Jahren. Das Bauernpaar war alt und lebte allein auf diesem riesigen Hof, ohne ein einziges Stück Vieh, nicht einmal Hund oder Katze. Aber es gab die „gute Stube“, die stolz präsentiert wurde, schwere Eichenmöbel, Kronleuchter – wie bei den Großeltern, zutiefst Vertrautes.

So scheint plötzlich Erinnerung auf, wie bei Kleinert in den Gedichten „Gärten der Kindheit“ (schwer zugänglich) oder Rabe. In Maß und Zeit denkt er über ein auch durch viele Vergeblichkeiten gekennzeichnetes eigenart’ges Leben nach (es führte ihn von Ost nach West und schließlich nach Berlin-Kreuzberg in eine Dichter-, Sozialarbeiter-, Herausgeberexistenz), ohne dass er allerdings etwas davon abzustreichen gewillt ist:

            bedarf es Maß und Zeit erneut

            sich aus den Kreisen zu begeben

            deren Durchschreiten dich gereut

            die du doch brauchtest – um zu leben

Ein Labyrinth bei Visby erinnert ihn an die Mäander des Lebens, die Steinketten aber angelegt als Weg zur Mitte. Die eigene Mitte finden, erreichbar auch heute,  E i n s – S e i n, so führt die Insel denjenigen, der ihren Atem verspürt, auf das zurück, was ihn selbst ausmacht. Der umtriebige Paul Alfred Kleinert wird wohl noch öfter an Inseln gewiesen werden. Und wir werden teilhaben dürfen an seiner sensiblen, tiefgründigen Poesie.

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Leseprobe I Buchbestellung 1008 LYRIKwelt © Lutz Volke

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und wieder an Inseln gewiesen von Paul Alfred Kleinert, 2008, Brachmann-Verlag2.)

und wieder an Inseln gewiesen.
Gedichte von Paul Alfred Kleinert
(2008, Brachmann-Verlag/Lyrik unserer Zeit/pernobilis-edition, Nachwort von Sándor Tatár).
Besprechung von
Marek Jakubów, Professor am Lehrstuhl für Germanistik an der Universität Lublin, für die RezensionenWelt, November 2008:

Diejenigen, die die nächtliche Schlaflosigkeit kennen, wissen, dass die Zeit gegen 3 Uhr eine spezifische ist und den Menschen in einem Schwebezustand zwischen Realität und Irrealität versetzt.
Die Wahrnehmung verschärft sich, die Töne werden ebenso wie die Konturen von Gegenständen punktuell und mit großer Intensität wahrgenommen. Zugleich  - und das gehört auch zur Atmosphäre dieser Phase der Nacht – verbinden sie sich zu keinem größeren Sinnzusammenhang und machen den Wachenden unruhig.
Die in dem Eingangsgedicht thematisierte Unsicherheit der Wahrnehmung wird zum charakteristischen Merkmal der ganzen Lyrik von Alfred Kleinert. In den meist dialogisch angelegten Texten wird auf verschiedenen Ebenen die Tragbarkeit der Einbildung, Erinnerung und  vor allem der Sprache selbst geprüft. Erschöpft sie sich in reiner Diskursivität oder birgt sie Potenzen, die auch in anderen Bereichen der menschlichen Erfahrung zu suchen sind. Die Antwort wird paradoxerweise zu einer neuen Frage, die schon am Anfang der Sammlung gestellt wird: „wer weiß –„. Sie ist zugleich als Einladung zu einem Dialog, einer Forschung zu verstehen, die in dem Gedichtband aus verschiedenen Perspektiven geführt wird: von dem Kenner der literarischen Tradition, dem Reisenden wie auch dem Theologen.

„Die strenge Schönheit des kalten Mondes“, mit grauem Staub bedeckte Landschaft sind Spuren der romantischen Bildlichkeit, ähnlich weist die Symbolik des geschlossenen Gartens und die Paraphrasen der Spruch- und Minnedichtung auf die Faszination von mittelalterlicher Formenwelt. Kleinert nimmt sie aber nicht auf, um sie nur kritisch zu hinterfragen oder collageartig in seine Texte  zu integrieren. Sie bestehen eher parallel in einem zeitlich immerwährenden Kontinuum und sind Ausdruck der ständigen menschlichen Suche nach Sinn, die sich in dem symbolhaften Bild des Labyrinths verdichtet, das sowohl die uralten Chiffren als auch die moderne Erfahrung verbindet und eines der Ziele konkretisiert – Transzendenz.      

Eine solche Konstruktion bringt Kleinert in die Gefahr der Auflösung der Suche in irrationalen mythischen Erklärungen. Vor allem in dem Gotland Zyklus  wird das Mythische mehrmals aufgegriffen, mit pathetisch anmutendem Ton, aus dem sich auch Spuren der Antike und des Christlich-Religiösen heraushören lassen („das Chaos hatte sich den Menschen erwählt“, S. 10),  umschrieben und auf die Gegenwart und Zukunft bezogen.

Diese Grenze scheint er aber nur einmal, in dem XI. Gedicht zu überschreiten, wo ein Bogen zwischen der christlichen Erfahrung des Osterfestes und dem Ursprünglichen der nördlichen Landschaft gespannt wird. Das das Gedicht abrundende „Eins – Sein“ ist aber eine potenzielle und flüchtige Erfahrung, die keinen Anspruch auf dauerhafte Verbindlichkeit erhebt. Das lyrische Ich versinkt nicht in der mythischen natürlichen Umgebung, sondern spürt zwar ihre Nähe, begnügt sich aber mit keinen eindeutigen Zuordnungen. Seine Wachsamkeit erlaubt ihm nicht, auf der sensualistischen oder traditionell-religiösen Ebene zu bleiben. Die symbolträchtige Atmosphäre des Karfreitags (Wind, alte Bräuche) verdichten sich nicht zu einem atmosphärischen, selbstgenügsamen Bild. Die Einfühlung verhindert entweder die nüchterne Sprache („ein alter Ort/ voll der Geschichte erzählenden Geschichten“) oder die Anspielung auf die Passion, die zwar in dem V. Gedicht keinen traditionellen Rahmen bekommt, aber die ganze Zeit im Hintergrund mitschwingt und die Ruhe des „Domizils“ nur bedingt zu genießen erlaubt. An anderer Stelle nimmt sich das lyrische Ich aus dem betrachteten Zusammenhang heraus und bewahrt auf diese Weise Distanz. Die Umgebungen, Empfindungen und Assoziationen können höchstens bis zu einem gewissen Grad Vertrautheit, aber keinen fest umrissenen Sinn stiften.

Vertraut sind in den Gedichten Kleinerts auch der Alltag und die Erinnerung, an die das lyrische Ich beinahe obsessiv Fragen nach ihrer Geltung stellt. Die Sinnsuche wird in einem auf den ersten Blick tautologischen Verfahren geführt, das aus den Kindheitsbildern, dem Erlebten, das zuweilen auch autobiographische Züge trägt, Identitätsstiftende Elemente zu gewinnen versucht. Dieser Weg ist nicht frei von Täuschungen und Enttäuschungen („betrachtest wieder,/ einst abgelebtes/ und weiß noch immer nicht/ wohin mit dir“), bringt die Entfremdung von dem Vergangenen und macht das Ich zuweilen zum passiven Instrument, in dem sich die es konstituierenden  Impulse kreuzen („Mittler, aufschreibend/ das sich Verdichtende// zwecklos“). Gleichzeitig sind sie der einzige Erkundungsbereich, der Hoffnung gibt, „Zuordnungen zu erfassen“), jedoch ohne Gewähr, dass das „geborstene (ich und ich)“ zu einem Ganzen verschmelzen wird. Das Ich ist auf die isolierten Erfahrungen angewiesen, die durch das im Titel evozierte Bild der Inseln heraufbeschworen werden. Sie bilden zwar Einheiten, sind lebensfähig, zugleich geben sie dem Insulaner keinen Anhaltspunkt, der über die unendliche überwältigende Perspektive des Meeres hinausreichen würde.

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Leseprobe I Buchbestellung 1108 LYRIKwelt © Marek Jakubów

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und wieder an Inseln gewiesen von Paul Alfred Kleinert, 2008, Brachmann-VerlagNordis3.)

und wieder an Inseln gewiesen.
Gedichte von Paul Alfred Kleinert
(2008, Brachmann-Verlag/Lyrik unserer Zeit/pernobilis-edition, Nachwort von Sándor Tatár).
Besprechung von Peter Bickel im Nordeuropa-Magazin NORDIS im November/Dezember 2006:

Insel-Lyrik

Sein Herz schlägt, obwohl 1960 in Leipzig als Sohn schlesischer Flüchtlinge geboren, im Norden: Paul Alfred Kleinert veröffentlichte seit 1988 nicht nur eigene Gedichtbände, sondern fungiert auch seit 14 Jahren als Herausgeber spannender Editionen – so auch der bereits in Nordis besprochenen Bände „Guðrið Helmsdal: Stjørnuakrar/ Sternenfelder“ und „Von Djurhuus bis Poulsen – färöische Dichtung aus 100 Jahren“. 2006 weilte der in Berlin-Kreuzberg lebende Kleinert als „writer in residence“ auf in Visby auf Gotland – wo mit dem „Gotland Zyklus“ auch ein Teil der Gedichte aus „und wieder an Inseln gewiesen“ entstanden ist. Noch eindringlicher wirken jedoch die weiter im Norden geschriebenen Gedanken: „am Polarkreis / auf dem Meer / im uralten Klang der Wellen / Zeitfugen / deren Lauf / längst vergangenen Zeiten entspricht / diese bedeutend und wieder holend“.

Vom Nordlandvirus ist Kleinert, der u.a. in Dublin und Edinburgh studierte und Reise-Stipendien auf die Shetland-Inseln, nach Irland, Schweden und Finnland wahrnahm, längst infiziert: „… und immer wieder zieht es mich nach Norden …“ Dort erinnert er sich auf Jomala (Åland) „bei einem Spaziergang entlang dem Eis des gefrorenen Meeres im Februar.“ Oder er erweist Selma Lagerlöf seine Referenz auf einem „nächtlichen Spaziergang“ auf Gotland. Sehr persönliche Texte sind es oft, die aber gerade deswegen Daseins-Zustände gut auszurücken vermögen: „Sonne, ohne Begrenzung der Zeit eines Tages / anders gefügte Welt“ heißt es in „Nordkapumschiffung“. Ja: Kleinert hat den Norden erlebt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.peterbickel.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1108 LYRIKwelt © Peter Bickel