Und
voll mit wilden Rosen.
33 Gedichte mit Interpretationen von
Friedrich Hölderlin (2009, Insel, hrsg.
von Marcel
Reich-Ranicki).
Besprechung von Gisela Trahms im titel-magazin
vom 3.8.2009:
„Ein Zeichen sind wir, deutungslos“
Diese Worte kritzelte Hölderlin kurz vor seinem Verstummen in
einen Gedichtentwurf. Für ihn selbst allerdings gilt das Gegenteil: an kaum
einem anderen Dichter haben die Deuter so oft die eigene Feder erprobt. Dieses
Mal höchst erfolgreich, findet Gisela Trahms.
An einem grauen, mehr als zweihundert Jahre entfernten
Horizont erkennen wir jene Gestalten, die Deutschlands literarischen Ruhm
begründeten: Goethe,
Schiller, die Brüder
Schlegel,
die Romantiker… Dazu die Orte: Weimar, Jena, selbst Berlin - bequem beieinander,
überall hin ausstrahlend, ein grandios verflochtenes Wurzelwerk. Hin und wieder
freilich stolperte jemand und kam zu Fall:
Lenz. Kleist. Und Hölderlin.
„Hölderlin: das sind Verse und Strophen, bei denen unsere Brust sich zu weiten
scheint, … ein Licht ist da, wie man es sonst nur in den Bergen sieht oder am
Meer“, schreibt Peter von Matt in seinem Vorwort. Das Licht leuchtet von 33
Gedichten, kommentiert von 30 Autoren mit Texten, die selten länger sind als
drei Seiten. Obwohl nirgends erwähnt, macht spätestens der Name des Herausgebers
Marcel Reich-Ranicki klar, worum es
sich handelt: um eine Zusammenstellung jener Beiträge aus der „Frankfurter
Anthologie“ der FAZ, die sich mit einem Hölderlin-Gedicht beschäftigen.
Das bedeutet, dass manche Texte schon manches Jahr auf dem Buckel haben.
Staunenswert, wie wenig bis gar nicht man ihnen das anmerkt. Es ist, als hätten
die Gedichte in ihrer ungeheuren Konzentration auch die Interpreten gezwungen,
allen Zeitgeist beiseite zu lassen. In manchen Fällen hat bereits die
Kombination von Gedicht und Deuter einen genialischen Zug: Wer außer
Ernst Jandl brächte es fertig, so anrührend,
prunklos und wahrhaftig über Hölderlins berühmtestes Gedicht „Hälfte des Lebens“
zu schreiben? Und jenem fatalen „Tod für’s Vaterland“ („Die Schlacht / Ist
unser! Lebe droben, o Vaterland, / Und zähle nicht die Toten!“) lässt
Wolf Biermann wohlwollend Gerechtigkeit
widerfahren, um dann mit aller Deutlichkeit zu resümieren: „Der Gedanke, dass
Menschen bereit sind, für ein besseres Leben zu kämpfen und auch zu sterben, ist
mir geläufig und bleibt auch gut und richtig. Was stört uns also an Hölderlins
Gedicht? Es ist dieser Gestank der Begeisterung.“
Schätzenswerte Worte.
Überhaupt: an glanzvollen Formulierungen ist der Band reich.
Peter von Matts einleitendes Portrait des
Dichtes ist ein Juwel. Aber auch andere Autoren bewegen sich auf Augenhöhe mit
ihrem Gegenstand. „Heimat“, schreibt Rüdiger
Görner über das Gedicht gleichen Titels, „nennt sich das, was man nicht
bewältigt, was sich aber unserer bemächtigt, und das gewöhnlich dann, wenn wir
es am wenigsten erwarten.“ Anlässlich von „Hyperions Schicksalslied“ zieht
Ruth Klüger die herbe Bilanz: „Einmal
erwachsen, ist der Mensch wie fallendes Wasser.“ Solche Sätze (von denen es eine
Menge gibt) erschließen nicht nur die Gedichte, sondern auch die eigenen
Erfahrungen.
Was Hölderlins Texte so außerordentlich, so quer zur eigenen Zeit wie auch zur
unseren macht, ist ihre Form, die klassischen Mustern folgt. Keine Reime, die
das Behalten erleichtern, dafür genau festgelegte Wechsel von betonten und
unbetonten Silben, ein Schwingen über Vers- und Strophenenden hinweg und
grammatische Konstruktionen von nie wieder erreichter Kühnheit und Anmut. Die
Freiheiten der Wortstellung im Satz werden genutzt bis über alle Grenzen der
Konvention hinaus – wenn sich je jemand eine eigene Sprache schuf, dann
Hölderlin. Dazu das Pathos, der hohe Ton – nicht jedermanns Sache, schon gar
nicht heute.
Aber: Wem wäre je ein solcher Wundertext gelungen wie „Hälfte des Lebens“? Eine
solche Strophe (in „Abendphantasie“):
„Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh’ und Ruh’
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?“
Oder, im Gedicht „An die Hoffnung“: „wenig lebt’ ich; doch atmet kalt / Mein
Abend schon.“
Durch Mark und Herz fahrende Worte und wir spüren: Da löst sich einer vom
Horizont und kommt auf uns zu.
Verborgen, geliebt
Die Anordnung der Gedichte folgt der Chronologie ihrer Entstehung. Bei anderen
Dichtern hieße das vielleicht: Erste Versuche, Reife, Verharren in der Routine
des Erreichten. Bei Hölderlin bedeutet es: Gipfelhöhe und taumelnder,
irreversibler Absturz. Und die Intensität, mit der uns dieser in den letzten
sieben Gedichten dieses Bandes begegnet, macht schaudern. Meisterschaft und
innovative Kräfte brechen weg, nur noch einzelne Strophen gelingen, dann Verse,
dann nichts mehr.
Nach dem Zusammenbruch lebte er noch 35 Jahre, wurde zur bestaunten Skurrilität.
Auf Verlangen beschenkte er seine Besucher mit gereimten Gedichtchen, die er mit
Phantasienamen („In Unterthänigkeit, Scardanelli“) signierte.
Peter von Matt zitiert einen Satz aus dem
„Hyperion“: „Wie ich jetzt bin, habe ich keinen Namen für die Dinge.“ Aber von
Matt betont auch, welche Beseligung, welche Freude in den Gedichten der klaren
Jahre pulsiert: „Und voll mit wilden Rosen“.
Hölderlin kann den Leser putschen bis zum Rausch. Wenige Dichter haben ein so
dichtes eigenes Wurzelwerk erzeugt wie er. Von den Unzähligen, die über ihn
schrieben, sei nur der südafrikanische Nobelpreisträger
J.M. Coetzee genannt, in seinen Romanen ein
Autor strengster Nüchternheit. Dennoch bleibt Hölderlin ein Verborgener. Für
den, der die erste Begegnung mit ihm sucht, aber auch für den aficionado, der
brillante Deutungen zu würdigen weiß, ist dieses Buch ein Schatz.[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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