Und Ruth von Urs Faes, 2001, SuhrkampUnd Ruth.
Roman von Urs Faes (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Luchsinger aus der Frankfurter Rundschau, 14.4.2001:

Ein Fall von Verleugnung
Wenn es um Leben und Tod (und Schuldgefühle) geht: "Und Ruth", Urs Faes' siebter Roman ist auch sein bisher bester

Schon wieder eine Internatsgeschichte, denkt man bei Lektüre der ersten Seiten von Urs Faes' neuem Roman, ob das gut gehen wird? Zwar hat Peter Hoeg als später Nachfahre von Robert Musil vor einigen Jahren bewiesen, dass verwirrte Zöglinge noch immer fesseln können; es gibt allerdings auch Gegenbeispiele wie Benjamin Lebert.

Von Anfang an überzeugt an Faes' Internatsgeschichte die äußerst knappe, schnörkellose, spannungsvolle Diktion. Kein Wort ist zu viel, vieles wird nur angedeutet, und doch ist sofort klar, dass es um Leben und Tod geht. Wer Urs Faes' Werk kennt, weiß, dass die Gefahr der Überfrachtung durchaus besteht. Noch in seinem kontrovers aufgenommenen letzten Roman Ombra hat er versucht, drei unterschiedliche Themenstränge zusammenzuführen, das plötzliche Verschwinden eines Schriftstellers, die Entwicklung des Renaissance-Malers Piero della Francesca und die Liebesbeziehung zwischen einem Deutschlektor und einer rothaarigen Frau.

Dieses Mal geht Faes ganz anders vor. Der Text kreist um ein einziges, längst vergangenes Ereignis, eine Selbsttötung: Am 14. September 1961 stürzt sich ein Schweizer Internatsschüler namens Erich von der Mauer eines Stauwehrs. Warum? Das fragen die herbeigerufenen, verzweifelten Eltern, das fragen die Lehrkräfte und die Polizei die Schüler, das fragen diese sich selbst, das fragt Ruth, Erichs Freundin, den Ich-Erzähler, der mit diesem das Zimmer geteilt hat. Niemand gibt eine klärende Antwort. Das "Gewebe von Vermutungen, Behauptungen und Ahnungen" unter den Schülern wird nach außen verleugnet; gegenüber den Eltern, den Lehrkräften und der Polizei, und bald herrscht auch untereinander bedrücktes Schweigen. Eine Trauerfeier wird zelebriert, nach kurzer Zeit wird der Alltagstrott wieder einkehren und Erich vergessen sein.

"Darf man vergessen?" In einer gewagten, aber gelungenen Eingangsszene schildert Faes, wie der Ich-Erzähler Jahrzehnte später frühmorgens auf einem Bahnsteig unvermittelt das Gefühl hat, Ruth komme auf ihn zu. Dem Bild folgt die Stimme, wieder hört er ihre Aufforderung zu antworten, endlich preiszugeben, was er zum Selbstmord von Erich zu sagen hat. Dieses Mal kann sich der Ich-Erzähler nicht entziehen, er folgt der Stimme an den Ort des Geschehens - und er spricht, verhalten und auf Um- und Abwegen zwar, aber er spricht. Wird Ruth damit zum schlechten Gewissen des Ich-Erzählers? Die Szene sagt mehr: Keine der üblichen Sprach- und Gesprächsformen taugen für die Erinnerung; nur in der paradoxen Form eines Dialogs mit einer halluzinierten Person wird eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, mit Schuld und Tod, möglich.

Episoden aus dem Internatsalltag werden vergegenwärtigt, eindrückliche Szenen der damals noch immer üblichen "Pädagogik der Härte", die obligaten Quälereien der Lehrer und das feige Duckmäusertum der Schüler, die infantilen Streiche und die hilflosen Ausbruchsversuche, die verklemmten Kontakte zum anderen Geschlecht. Und immer wieder: Erich auf der Staumauer, vor dem Absprung, ein Außenseiter, einer, der sich nicht wehren konnte, aber auch einer, der Neid auf sich zog, weil er es geschafft hatte, mit Ruth, einer Angestellten aus der nahe gelegenen Apotheke, ein Verhältnis einzugehen. Der Erzähler muss zugeben, dass er fast nichts weiß von Erich, dass er dessen Versuche einer Annäherung alle abgeblockt hat, aus Angst, durch die Verbindung mit einem Außenseiter selbst ins Abseits zu geraten. Und es kommt noch schlimmer. Nach und nach wird ein konkretes Vergehen des Erzählers fassbar, eine Intrige aus Eifersucht, zwei später verleugnete Briefe, die Erich glauben machen sollten, Ruth liebe ihn nicht mehr.

Inwiefern trägt der Erzähler also eine Mitschuld am Tod von Erich? "Alles, was geschieht, geht dich an", heißt es im Vorspann des Romans nach einem Gedicht von Günter Eich, der den Internatsschülern mit einer Lesung unerwartet eine der seltenen lichten Stunden bereitet hatte. Doch weder Eich noch die anderen, beiläufig erwähnten Autoren wie Seneca, Vittorini, Ibsen, Weiss, Grass, Celan oder Frisch helfen weiter. Zwar lässt sich in der Kargheit von Faes' Stil eine gewisse Verwandtschaft mit Eich sehen, doch fehlt das Imperativische.

Vergeblich wird man aus Faes' Roman eine Aufforderung zur Aktivität oder zum Engagement suchen. Er ist nichts weiter als eine radikale, unvoreingenommene Bestandsaufnahme des Geschehenen, subtil und krass zugleich. Subtil, weil nur angedeutet wird, dass die Geschichte von Erichs Tod auch als Beitrag zur Geschichte des Antisemitismus in der Schweiz gelesen werden kann, eine Geschichte des Verschweigens und des Verleugnens. Krass, weil der Text die Frage nach der Mitschuld nicht beantwortet, sondern in trost- und heilloser Zuspitzung auflöst. Denn der hintergründig verrückte Dialog mit einer halluzinierten Instanz währt nicht endlos, den Erzähler zieht es trotz aller Umwege unvermeidlich zum tödlichen Absprungsort auf der Staumauer: "Soll ich da hinaufsteigen, auf diesen Steg - Und du könntest endlich sagen, das Scheusal ist tot. Regt sich nicht mehr. Ist gegangen. Und das Vergangene ist vergangen. Würde dir das genügen? Sag schon, würde dir das genügen?" Ein Fall von Paranoia? Sicher ist, dass sich Urs Faes' neuester Roman nicht aus den Händen legen lässt, ohne einen noch lang zu verfolgen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0501 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau